Die amerikanischen Astronauten neigten dazu, die Sowjets in technischer Hinsicht als rückständig zu betrachten. Doch York gefielen manche der sowjetischen Lösungen. Sie verstanden es, den menschlichen Wesen in den Raketen mit ebenso einfachen wie praktischen Maßnahmen ein behagliches Ambiente zu schaffen.
Sie brachte Wiktorenkos Ideen in die Psycho-Sitzungen mit Stone und Gershon ein.
».Ich übertreibe gewiß nicht, wenn ich sage, daß die schiere Größe des Öffentlichkeitsarbeits-Programms alles übertrifft, was wir seit Apollo 11 gesehen haben. Natürlich ist auch die >Stimme Amerikas< daran beteiligt. Unseren Schätzungen zufolge erreicht dieser Sender siebenundsiebzig Prozent der Weltbevölkerung außerhalb der USA. Dies ist die größte Operation in der Geschichte des Senders. Noch vor dem Start werden wir zehntausend Tonbänder mit einer Spieldauer von fünfundvierzig Minuten und Manuskripte an amerikanische Informationsdienste in aller Welt schicken. Während der Schlüsselphasen der Mission wird die Stimme Amerikas LiveÜbertragungen in sieben Sprachen bringen und Zusammenfassungen in weiteren sechsunddreißig Sprachen.
Außerdem werden wir die bei einer bemannten NASA-Mission üblichen Sendungen durch Sondersendungen ergänzen, und zwar mit neunzig Direktübertragungen. Hinzu kommen Werbemittel, die in den letzten Wochen vor dem Start erscheinen: ein achtundvierzigseitiges Heft mit dem Titel >Menschen auf dem Mars< in einer Auflage von vierhundertzweiundzwanzigtausend Exemplaren sowie neunhunderttausend Postkarten mit den Portraits der Astronauten, also von Ihnen drei. Des weiteren wollen wir die überseeischen Informationsdienste mit einer Million AresButtons versorgen, neun originalgetreuen Mars-Anzügen und hundertfünfundzwanzig Ares-Pavillons mit diversen
Darbietungen. Hierfür stellen wir zehntausend Karten vom Mars bereit, achthundertvierzig Saturn-Modelle, zweihundertfünfzig Marsgloben.«
Die Statistik rauschte an ihr vorbei, und die gezeigten Dias trugen nur noch zur Verwirrung bei.
Als Leiter der NASA-Öffentlichkeitsarbeit war Rick Llewellyn aber ein schlechter Redner, sagte York sich. Es fiel ihr schwer, sich länger als für ein paar Sätze auf ihn zu konzentrieren. Sie fühlte sich wieder in die Ausbildung zurückversetzt, an die endlosen, monotonen Nachmittage mit all den Blockdiagrammen.
Doch bei näherer Überlegung war der Inhalt von Llewellyns Diavorführung ein Hammer.
»Nach Ihrer Rückkehr planen wir schon eine Welt-Tour für Sie. In einem Zeitraum von achtundvierzig Tagen werden Sie fünfunddreißig Länder besuchen und sich mit Leuten von der Presse und vom Fernsehen treffen, mit Wissenschaftlern, Studenten und Lehrern sowie mit Politikern. Sie werden nach Mexiko gehen, nach Kolumbien, Brasilien, Spanien, Frankreich, Belgien, Norwegen, England.
Für die Medien haben wir im Rahmen der Missionsplanung Leitlinien entwickelt. Zuerst repräsentiert Ares natürlich den Menschen auf dem Mars. Das ist die Verwirklichung eines uralten Traums. Es liegt in der Natur des Menschen, sich Herausforderungen zu stellen. Dieser Kram eben. Was den historischen Aspekt betrifft, so beruht Ares auf den Leistungen vieler Wissenschaftler, von Newton über Goddard bis hin zu von Braun. Sie wissen Bescheid. Und mit Blick auf die Gegenwart betonen wir den starken internationalen Bezug von Ares, die weltweite Forschung, den freien Zugang zu Proben und Daten, die Beobachtungsstationen in aller Welt, die Unterstützung durch die Russen bei Ihrem Training und so weiter. Nicht zu vergessen natürlich, daß die Menschheit vom
Raumflug profitiert - Sie gehen ausführlich auf die Nebeneffekte ein. Und dann geben Sie der Hoffnung Ausdruck, daß die Ares-Technik trotz der Ausrichtung auf den Weltraum dazu beitragen wird, die Probleme auf der Erde zu lösen.«
Ares als Schaufenster für technokratische Lösungen, sagte York sich bitter. Jorge hatte doch recht. Es handelt sich nur um einen Aufguß von Apollo.
Nur daß das Stimmungsbarometer im Vergleich zu den Sechzigern leicht gefallen war. Heute schwadronierte Reagan vom Krieg der Sterne, faselte von Teilchenstrahlen und Lasern und >intelligenten< Geschossen. Der Weltraum mußte wieder einmal als Arena fürs nationale Kräftemessen herhalten. Und Ares diente der Reagan-Administration als Alibi, nationale und internationale Ängste wegen des militärischen Einsatzes der Weltraumtechnik zu zerstreuen. Die Medien hatten Ares und die >Krieg der Sterne<-Initiative verquickt. Ares war der >Dr. Jekyll< des amerikanischen Raumfahrtprogramms, und die Strategische Verteidigungsinitiative war >Mr. Hyde<. Vielleicht hatte die Regierung das von Anfang an geplant, als sie Joe Muldoon 1981 mit der Neuordnung der Mission beauftragte.
Sie erkannte die Handschrift von Fred Michaels, der noch aus dem Ruhestand in Dallas die Fäden zog. Michaels hatte Reagan Ares und SDI sozusagen als Paketlösung verkauft - und der Öffentlichkeit und dem Kongreß. Solange Reagan Milliarden Dollar in die Rüstung pumpte, würde davon auch ein kleines Rinnsal in die NASA fließen und Ares zugute kommen. Geschickt eingefädelt von Michaels. Auch wenn das, wie sie erkannte, absolut unmoralisch war. Der Zweck heiligte mal wieder die Mittel.
Sie sah, daß jeder Aspekt der Mission - jeder Gimmick, jedes Spielzeug, jedes Bild - inzwischen eine vielfältige Bedeutung hatte: Ares als ein geopolitisches Symbol. Ares als Meilenstein für die Technokratie.
Doch so würde es wahrscheinlich immer sein. Die Erringung eines politischen Vorteils war letztlich der einzige Grund, weshalb eine Regierung die Raumfahrt überhaupt finanzierte.
Und nun mutierte sie, Natalie York, die Zweiflerin an der Raumfahrt, zu einer Ikone des tödlich-glamourösen WeltraumGeschäfts.
Sie sah zur Leinwand auf und schaute in ihr tausendfaches Spiegelbild. Sie schauderte.
Die Reisen, die Pressekonferenzen, die Fototermine nahmen kein Ende.
Sie verkündete die von den PR-Leuten in eine Formel gekleidete Botschaft. Ich brauche euch! Leistet gute Arbeit!
Und überall, wohin sie kam, waren Leute: Tausende, die sie anstarrten und anlächelten. Dennoch schienen sie sich irgendwie zurückzuhalten. Als ob sie sie berühren wollten. Und jedesmal applaudierten sie ihr.
Über die Zukunft machte sie sich kaum Gedanken. Für sie lag >nach der Mission< noch in so weiter Ferne, als ob die Mission nie enden würde. Es kam ihr so vor, als ob in dem Moment, wo sie die Kommandokapsel betrat, auch ihr Leben zu Ende wäre.
Doch es würde ein Leben danach geben. Und in gewisser Weise war nichts von dem, was sie auf dem Mars tat - nicht einmal ihr Steckenpferd, die Geologie -, so wichtig wie der schlichte Sachverhalt, daß sie dort gewesen war.
Sie erinnerte sich an den Ausdruck auf den Gesichtern der Presseleute und der Menschen überhaupt, mit dem sie die heimgekehrten Mondfahrer angeschaut hatten. Wenn ich zurückkomme, werden sie mich genauso ansehen. Das tun sie jetzt schon. Und sie haben ein Recht dazu; schließlich bezahlen sie dafür.
Und was war mit ihr? Würde sie wie Joe Muldoon werden, eine Art wandelnder Geist, dessen Leben durch das kurze, traumgleiche - und einmalige - Zwischenspiel auf dem Mars umgekrempelt worden war?
Nun sah sie auch eine dunklere Seite an der Faszination, mit der die Leute sie betrachteten. Natürlich wollten sie Zeuge sein, wie diese Frau - die im Grunde eine in den AstronautenStatus erhobene Normalbürgerin war - den Mars betrat und stellvertretend für sie einen unvorstellbaren Schritt in der Evolution vollzog.