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Doch sie kalkulierten auch ihren Tod ein.

Montag, 18. Februar 1984 Marion, Ohio

Es war ein typischer Kleinstadtfriedhof: weiße MarmorGrabsteine standen in Reih und Glied in der gepflegten Anlage. Das offene Grab klaffte wie eine Wunde im Erdboden, die darauf wartete, daß sie wieder geschlossen wurde.

Die Astronauten, Aktive und Veteranen, die zur Beerdigung erschienen waren - unter anderem auch Joe Muldoon und Phil Stone - fügten sich in den schwarzen Anzügen und mit dem militärischen Habitus harmonisch in die Trauergemeinde ein. Schließlich waren Astronauten perfekte Kleinstadt-Helden, nicht mehr und nicht weniger.

Es war ein herrlicher Tag. Der Himmel war strahlend blau, und das Sonnenlicht war Vorbote des nahenden Frühlings.

York fühlte sich betäubt und leer, unfähig zu trauern.

Peter Priest war mit fünfundzwanzig einen schmutzigen Tod an einer Überdosis Kokain gestorben. Er hatte sein Leben vergeudet, sagte sie sich, und nichts erreicht. Was, zum Teufel, gab es da zu betrauern? Und sie hegte auch keine

Schuldgefühle wegen ihrer Gefühllosigkeit. Zumal der Junge wahrscheinlich eh nicht mit dem Aufwand einverstanden gewesen wäre, den seine Mutter bei der Beerdigung trieb.

York erinnerte sich an den kleinen Jungen, der vor so vielen Jahren auf dem Testgelände für Nuklearraketen herumgestreunt war. Welche Bedeutung hatte sein Tod nun? Gab es einen Bezug zu den Tagen in Jackass Flats - zum Raumfahrtprogramm an sich, zur Verfolgung seiner Ziele, zum Umstand, daß sein Vater diesem Programm zum Opfer gefallen war?

Und in welchem Licht erschien angesichts dieses tragischen Ereignisses ihre seltsame Beziehung zu Ben?

Sie hätte nicht herkommen sollen. Doch Karen Priest hatte sie darum gebeten: >Ben hat oft von Ihnen gesprochen. Ich weiß, daß Sie eine gute Freundin von ihm waren. Ich würde mich geehrt fühlen, wenn Sie mit uns Petey gedenken würden. <

Petey, um Gottes willen. Er wollte immer Peter genannt werden. Ein recht bescheidener Wunsch.

Eigenartigerweise wirkte Karen nicht so traurig, wie York erwartet hatte. Als ob sie Peters Tod als Teil der alten Abmachung begriff, die sie mit ihrem Ehemann getroffen hatte.

Manchmal fragte York sich, ob ihre Gefühlsarmut bei solchen Anlässen noch normal war. Vielleicht war sie durch die Fixierung auf ihre Belange emotional verkümmert. Innerlich so leer wie das Raumfahrtprogramm, wie manche Leute mutmaßten. Sie war einfach nicht imstande, sich in Karen Priest hineinzuversetzen, die binnen weniger Jahre ihren Mann und ihren Sohn verloren hatte. Vielleicht sollte die NASA eine entsprechende Simulation für mich konzipieren, sagte sie sich bitter.

Die Beisetzungsfeierlichkeiten waren vorbei, und die Leute gingen zu ihren Autos zurück: die meisten Einheimischen fuhren alte Karren, und die Leute vom Raumfahrtprogramm waren in Mietwagen der Oberklasse vorgefahren.

York wußte, daß Karen die Leute zum Bleiben aufforderte, doch ihre Befindlichkeit stand einem weiteren Aufenthalt entgegen: sie empfand keine Trauer, sondern nur diese schreckliche Leere.

Ein kleiner, übergewichtiger Mann mit dunklem Haar kam auf sie zu. »Hallo.« Er machte einen gepflegten Eindruck und trug einen teuren Mantel. Er lächelte sie an.

Obwohl er ihr irgendwie bekannt vorkam, vermochte sie ihn zunächst nicht einzuordnen. Sie wich zurück und musterte sein Gesicht. Es wäre nicht das erstemal gewesen, daß Presseleute selbst bei einem so privaten Ereignis auftauchten. Zumal sie im Moment nichts sagen oder tun wollte, was an die Öffentlichkeit gelangte.

Sein Lächeln gefror. »Du erkennst mich nicht, oder? Mein Gott, Natalie. Ich schätze, es liegt an der neuen Uniform.«

Es war Mike Conlig.

»Mike! Mein Gott. Was ist denn mit dir passiert?«

Er grinste und strich sich verlegen über das Kinn. »Es gefällt dir nicht?«

»Du hast dich ganz schön verändert, Mike.«

»Was sein muß, das muß sein.«

»Bist du noch immer bei Oakland?« Conlig war nämlich nach dem Apollo-N-Debakel aus der NASA ausgeschieden und zu Oakland Gyroskope gewechselt.

»Sicher.« Er schaute sie nachdenklich an, als ob er sich fragte, wie sie die Neuigkeiten aufnehmen würde. »Ich bin zufrieden. Wir produzieren sogar Teile für die Saturn VB. Vielleicht besuchst du uns einmal.«

»Klar«, sagte sie ohne allzu große Begeisterung.

»Ich arbeite nicht mehr in der Konstruktion, sondern im Management.« Er lachte verlegen. »Dem Vernehmen nach soll ich zum Vizepräsidenten im Bereich Technik ernannt werden. Ist das zu glauben? Und du - wie geht’s dir?«

Mir? Ich spiele doch noch immer die Tussi im Weltall. »Gut«, sagte sie zögerlich. »Wenn du Zeitung liest, weißt du wahrscheinlich mehr über mich als ich selbst.«

»Ja. Ich freue mich für dich, Natalie. Ich freue mich, daß du erreicht hast, was du wolltest.« Er wirkte verlegen und erging sich dann in Allgemeinplätzen. »Das öffentliche Interesse an der Mission hat stark zugenommen, nachdem deine Teilnahme bekanntgegeben wurde. Ich verfolge natürlich die Nachrichten. Die Mars-Initiative ist im Lauf der Jahre stark angefeindet worden,    nicht wahr? Doch das scheint sich nun

abzuschwächen. Es ist wie bei Apollo 11.«

Da mußte wohl etwas dran sein, sagte sie sich: eine Reihe von Leuten hatte ihr das schon gesagt. Die starke Opposition gegen die bemannte Raumfahrt war fürs erste verschwunden, und die Öffentlichkeit konzentrierte sich nun auf die drei Menschen, welche die außergewöhnliche Reise antreten würden. Wenn die Raumfahrt von den Höhen der Technik und der Wissenschaft herabstieg und sozusagen ein menschliches Antlitz bekam, standen die Menschen ihr viel aufgeschlossener gegenüber.

Doch York wußte auch, daß Muldoon, Josephson und andere sich schon die bange Frage stellten, was wohl nach Ares kommen und wie lange diese günstige Stimmung noch anhalten würde.

»Ich glaube, es liegt an dir, Natalie«, sagte Conlig zögernd.

»An mir? Wie das?«

»Wahrscheinlich liegt es daran, daß du eine Frau bist. Und weil du unverkennbar ein menschliches Wesen bist. Keiner von diesen sprachlosen Robotern, die man zum Mond geschickt hat. Grundsätzlich wünschen die Leute dem

Raumfahrtprogramm Erfolg; dessen bin ich sicher. Die Astronauten sollen nämlich Neuland betreten. Das ist ein Urinstinkt des Menschen. Zumal wir es uns auch leisten können, wenn Reagan davon spricht, eine Billion Mäuse in die Verteidigung zu investieren. Aber das kalte, inhumane Gesicht der NASA wirkt abstoßend auf die Menschen. Doch nun wünschen die Leute dir Erfolg, weil du eine von uns bist. Du weißt, was ich meine?« Conlig musterte sie.

»Verdammt, Mike. Das ist vielleicht das Netteste, was du je zu mir gesagt hast.«

Seit ihrem letzten Streit und der Sache mit NERVA sah sie ihn nun zum erstenmal wieder. Sie fand, daß es mutig von ihm gewesen war, herzukommen. Wenn sie noch solche Schuldgefühle wegen Ben verspürte, wie mußte Mike sich dann erst fühlen.

Doch er wirkte völlig gelassen. Vielleicht hatte er einen Weg gefunden, die Geschehnisse zu verarbeiten und seinen Part in dem Desaster zu rationalisieren. Wenn das wirklich der Fall war, beneidete sie ihn.

»Du mußt mich mal besuchen«, sagte er. »Du mußt Bobbie kennenlernen.«

»Deine Frau, oder?«

Er stutzte. »Ach so, du kennst sie noch gar nicht.« Dann drehte er sich um und wies auf eine schlanke blonde Frau, die bei den Fahrzeugen stand. Sie hielt ein Kind an der Hand und winkte ihnen zu.

»Du hast ein Kind.«

»Zwei.« Conlig grinste stolz. »Das Baby ist bei seiner Großmutter. Von den Kindern wußtest du auch noch nichts. Teufel, Natalie. Bei der Vorstellung.«