Bei der Vorstellung, daß es vielleicht meine wären. Sie verdrängte diesen Gedanken, und Conlig war so taktvoll, nicht mehr davon zu sprechen.
Sie verdrückte sich ziemlich früh. Mike war sehr nett gewesen und hatte ihr unter anderem das Versprechen abgenommen, ihn in seinem Gyroskop-Werk zu besuchen. Sie schieden mit einem Handschlag.
Verwirrt eilte York zum Auto.
Conlig hatte viel souveräner gewirkt, als sie ihn in Erinnerung hatte. Diese Besessenheit, diese Fixierung auf eine einzige Sache waren verschwunden. Vielleicht hatten diese Eigenschaften auch nur den Zweck gehabt, ihn dorthin zu befördern, wo er hingehörte. Dann hatte er sie wie eine ausgebrannte Raketenstufe abgestoßen.
Conligs Position spiegelte sich in seinem. Habitus, sagte sie sich: ein wohlhabender, aufstrebender Mittvierziger.
Mike hatte eine Familie gegründet. Wurzeln geschlagen. Er hatte die technischen Wahnvorstellungen der Jugend abgeschüttelt. Er hatte zur menschlichen Rasse gefunden. Er war erwachsen geworden. Er war die Art Mensch geworden, die sie immer vor Augen hatte; allerdings vermochte sie sich nicht vorzustellen, selbst jemals eine dieser Art zu werden.
Und wo stehe ich nun, zum Teufel?
Die Existenz des Mars-Programms hatte die Geschichte des Raumfahrtprogramms entstellt, wie sie nun erkannte. Im Moment bestand der einzige Daseinszweck der NASA darin, die drei auf der Marsoberfläche zu landen und sie wieder nach Hause zu bringen. Sonst war nichts von Belang - nicht einmal die Frage, was danach kommen mochte.
Und in der gleichen Art und Weise hatte der Mars auch ihr Leben umgekrempelt, als ob sie ein maßstabsgetreues Modell der Welt wäre.
Teufel, vielleicht hätte ich doch lieber >Spürhund< bei einer Ölgesellschaft werden sollen. Dann wäre ich jetzt glücklich und viel besser dran. Doch der diabolisch rote Mars hatte ihr die Sinne verwirrt, und um den Planeten zu erreichen, hatte sie
alles aufgegeben: ihre Karriere, die Wissenschaft,
wahrscheinlich auch die Aussicht auf eine Familie. Zumal ihre Zukunft nach Abschluß der Mission sowieso in den Sternen stand.
Mike Conlig hatte sich ihr heute als Vorbild des Erwachsenen präsentiert, der sie auch hätte werden können. Wenn da nicht der gottverdammte Mars gewesen wäre.
Als sie ins Auto stieg, wurde sie von einer tiefen Depression heimgesucht.
Dienstag, 26. Februar 1985
Lyndon B. Johnson-Raumfahrtzentrum, Houston
In Gebäude 3 befand sich die Cafeteria. York pochte nicht auf den Status als Mars-Astronautin, sondern stellte sich hinter dem >Fußvolk< an der Essensausgabe an. Dann setzte sie sich an einen kleinen Tisch am Fenster. Das Essen war typischer Kantinenfraß - verschmortes Steak mit Reis -, den sie mit Sodawasser runterspülte.
Die Cafeteria war in einem der älteren JSC-Gebäude untergebracht. Es handelte sich um einen düsteren Saal mit kleinen Fenstern und gekachelter Decke - die Architektur der frühen Sechziger, die sie unangenehm an die Schule erinnerte, wo sie immer an Klaustrophobie gelitten hatte.
Adam Bleeker setzte sich zu ihr an den Tisch. »Ist noch ein Plätzchen frei?«
Sie rang sich ein Lächeln ab. Sie hatte ihn gar nicht kommen sehen. Bleekers Gesicht war so ausdruckslos wie immer. Vielleicht hat er wirklich die Ruhe weg. »Nein. Ich meine, Teufel, ja, natürlich, Adam. Bitte.«
Er nickte, stellte das Tablett auf den Tisch und setzte sich. Er hatte eine Gemüse-Lasagne auf dem Teller, das
Gesundheitsmenü des Tages. Nun spießte er mit der Gabel ein Stück Lasagne auf und führte es zum Mund. Seine Augen wirkten tiefblau und undurchdringlich.
York versuchte, Konversation zu betreiben.
»Hast du viel zu tun?« fragte sie.
Er schnitt eine Grimasse. »Was sonst? Ich habe mehr zu tun als zu meiner Zeit als Astronaut. Kaum zu glauben, was? Ich mußte schon an so vielen Simulationen teilnehmen, daß ich längst den Überblick verloren habe.«
»Das ist wohl ein Indiz dafür, wie sehr.«
». du mich brauchst. Ich weiß, Natalie.«
»Schau, Adam. Ich weiß, wie du dich fühlst. Du hast schon für die Mondlandungen trainiert. Und nun zieht ein Anfänger wie ich an dir vorbei.«
»Ich habe Weltraum-Medizin studiert«, sagte er unvermittelt. »In der Freizeit.«
Dieser Gedankensprung verwirrte sie. Vielleicht war das ein Indiz für Adams mentale Verfassung. »Wirklich? Wieso?«
Er musterte sie. »Wieso nicht? Früher habe ich das nie ernst genommen. Und weißt du, was ich herausgefunden habe? Als Mitglied einer Raumschiffsbesatzung bist du ein >öffentlich bestelltem Strahlenarbeiter. Was sagst du dazu. Und mit Blick auf die Strahlendosis, die man im All abbekommt, gelten die Arbeitsschutzbestimmungen.«
»Und was hat das zu besagen? Ich wette, wenn wir uns an die Regeln halten, würden wir nie den Erdorbit verlassen.«
Er lachte. »Das stimmt auch. Im niedrigen Erdorbit wird man bis zu einem gewissen Grad von der Magnetosphäre geschützt. Darüber hinaus ist man ungeschützt. Doch die NASA hat eine Ausnahmegenehmigung für außerordentliche
Forschungsmissionen<.«
»Dann haben sie sich also abgesichert.«
»Genau. Wie die Luftwaffe.« Er schaute sie mit einem undurchdringlichen Gesichtsausdruck an. »Ohne den Schutz der Magnetosphäre gibt es viele Risiken dort draußen. Da wären zum Beispiel die Sonnenaktivitäten - Protuberanzen, bei denen man sich in die Schutzunterkunft zurückzieht -, doch dann gibt es noch die konstante Hintergrundstrahlung, kosmische Strahlen aus dem galaktischen Hintergrund. Und Frauen sind.«
»Um fünfzig Prozent anfälliger für Strahlung als Männer. Ich weiß, Adam«, sagte sie.
Er machte einen entrückten Eindruck. »Weißt du, man spürt den Unterschied. Du mußt die Erfahrung selbst machen, Natalie; ich vermag sie nicht zu beschreiben. Man spürt, wie das Blut durchs Herz in die Adern strömt. Man kehrt mit >Hühnerbeinen< zurück, wie wir sagen. Das geht aber vorbei. Doch dann unterliegt man einem schnellen Alterungsprozeß. ich bin nicht der einzige, mußt du wissen.«
»Der einzige was?«
»Der einzige Astronaut, der so geendet hat. So weit ich weiß, ist bisher niemand von den Aktiven explizit wegen Strahlenbelastung ausgemustert worden. Doch ein paar der Älteren, die in den sechziger Jahren geflogen sind, leiden nun an Osteoporose. Krebs. Sie sind in den Fünfzigern und Sechzigern und sterben an Krankheiten, die in der normalen Population nicht auftreten.«
Sie fröstelte und legte die Gabel aus der Hand. »Und diese Kameraden sind gerade einmal für zwei bis drei Wochen im All gewesen.«
»Schon. Aber wir haben vier Milliarden Jahre gebraucht, um uns an das Leben auf der Erde anzupassen. Für eine Weile glaubten wir, die Raumfahrt sei ein Spaziergang. Ich vermute, wir setzen wirklich unser Leben aufs Spiel, oder? Doch manche Leute scheinen keine gesundheitlichen Probleme zu haben. Zum Beispiel leiden sie bei der Rückkehr nur an leichtem Muskelschwund. Vielleicht gehörst du auch zu den Glücklichen, Natalie. Vielleicht bist du immun.«
»Wenn wir in einer rationalen Welt leben würden«, sagte York, »dann hätten wir gar kein Missionsprofil wie Ares. Der Ares-Plan ist im Grunde ein Relikt der Sechziger.«
»Genau. Damals ging es nur darum, das Ziel zu erreichen. Niemand fragte, was man tun mußte, um es zu erreichen. Es wäre sinnvoller, nicht nur einen dreißigtägigen Aufenthalt auf dem Mars zu planen, sondern gleich für ein ganzes Jahr dortzubleiben. Auf der Marsoberfläche ist man relativ geschützt. Während der kurzen Flugreise unterliegst du fast der gleichen Strahlenbelastung wie bei einer doppelt so langen Hohmann-Mission, bei der du dich für fünfhundert Tage auf dem Mars aufhalten würdest. Auf dieser einen Mission erhältst du fast die Dosis, die nach den geltenden Grenzwerten für ein ganzes Leben zulässig ist.«