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Gregory war erst einundvierzig. Doch Dana sah, daß er an persönlicher Statur gewonnen hatte, daß er seinen Platz gefunden hatte; und hier würde Gregory, der mit seinem leichten französischen Akzent die Leute entzückte, bis ans Ende seiner Tage bleiben und nach Lust und Laune in diesem friedlichen, isolierten Kokon arbeiten.

Daß Gregory in Langley blieb, bedeutete natürlich auch, daß er und Sylvia mehr oder weniger in Hampton festsaßen und wahrscheinlich auch in dem verfallenden Ort ausharren mußten; zumal Gregory nicht mehr mit einer Gehaltserhöhung rechnen konnte, weil er das Ende der Laufbahngruppe bereits erreicht hatte.

Gregory hatte eine Halbellipse gemalt, die im einen Extrem den Erdorbit tangierte und im anderen den Marsorbit. »Hier haben wir einen Minimalenergie-Transferorbit, auch Hohmann-Ellipse genannt. Jede andere Flugbahn hätte einen höheren Energiebedarf. Um zur Erde zurückzukehren, müssen wir einer ähnlichen Halbellipse folgen.« Er verschob den Mars um vielleicht zwei Drittel auf seinem Orbital-Pfad und malte eine weitere Ellipse, die sich diesmal vom Mars zur Erde erstreckte. »Der Rückflug dauert genauso lang wie der Hinflug, etwa zweihundertsechzig Tage. Und dann müssen wir noch die Wartezeit auf dem Mars berücksichtigen, bis Erde und Mars so zueinander stehen, daß der Rückflug überhaupt möglich wird: nicht weniger als vierhundertachtzig Tage. Also beträgt die Gesamtdauer der Mission volle neunhundertsiebenundneunzig Tage - mehr als zweieinhalb Jahre. Der längste bisherige Raumflug hatte eine Dauer von zwei Wochen; eine Mission von einer solchen Zeitdauer ist gewiß ausgeschlossen.«

»Trotzdem erstellt Rockwell gerade ein solches MissionsProfil für die NASA«, sagte Dana. »Sie befassen sich nur mit der chemischen Technik. Und in Marshall betrachtet man die nuklearen Optionen.« Nuklearraketen mit naturgemäß höherer Leistung wären in der Lage, ein Schiff auf eine flachere Ellipse zu bringen und dadurch Zeit zu sparen. »Die Marshall-Studie legt eine Gesamtflugdauer von maximal vierhundertfünfzig Tagen zugrunde.«

»Noch mehr große Raketen! Pfui!«

Dana grinste. »Immer noch nicht elegant genug für dich, Paps? Aber wo soll hier überhaupt Platz sein für Eleganz? Es sieht doch wohl so aus, als seien wir den Gesetzen der Himmelsmechanik unterworfen. Entweder Hohmann oder Brachialgewalt.«

»Genau. Die Eleganz besteht nun darin, zu warten: warten, bis wir einen geeigneten Antrieb entwickelt haben; wie zum Beispiel ein Ionentriebwerk, das die Flugdauer wirklich reduziert. Aber das werde ich nicht mehr erleben, und du vielleicht auch nicht.«

»Hmm.« Dana nahm seinem Vater die Kreide aus der Hand und zog selbst ein paar konzentrische Kreise. »Das Bild ist natürlich unvollständig. Das System hat schließlich noch mehr Planeten: Venus innerhalb der Erde, Jupiter außerhalb vom Mars. Und die anderen.«

»Und wo liegt da der Unterschied?« fragte Gregory mißmutig.

»Ich weiß nicht.« Dana versenkte den Kreidestummel wieder in der Jackentasche seines Vaters. »Du bist schließlich der Experte.«

»Nein, nein, das ist nicht mein Fachgebiet.«

»Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, sich die anderen Planeten für einen Flug zum Mars zunutze zu machen. Die NASA erstellt bereits solche Szenarien: sie wollen das Schwerefeld von Jupiter und der anderen Riesenplaneten nutzen, um eine Sonde bis zum Neptun zu schleudern.«

»Was schlägst du da vor? Daß wir über den Jupiter zum Mars fliegen sollen? Das ist doch lächerlich. Jupiter ist dreimal so weit von der Sonne entfernt wie der Mars.«

Dieser barsche und ungeduldige Ton war Dana nur zu vertraut. Gereizt hob er die Hände. »Ich schlage gar nichts vor, Paps. Ich habe nur eine Feststellung getroffen, zum Teufel.«

Doch Gregory starrte weiterhin auf die Tafel, wobei die mit Kreidestaub überzogenen Brillengläser seine Augen verdeckten. Eine von Danas Bemerkungen hatte ihm, wie bei Jules Verne, einen Impuls verliehen und ihn auf eine neue spekulative Flugbahn geschickt. Jim Dana existierte in diesem Moment gar nicht mehr für ihn.

Zum Teufel damit, sagte er sich. Ich führe nun mein eigenes Lehen und habe eigene Sorgen. Ich habe keine Zeit mehr für diesen Kram.

Vielleicht hatte ich nie welche.

Dana wandte sich ab, klopfte sich den Staub aus der Jacke und überließ seinen Vater seinen Gedanken.

Den Rest des Nachmittags verbrachte er bei seiner Mutter. Sie saßen auf der Hollywoodschaukel hinter dem Haus, tranken selbstgemachte Limonade und unterhielten sich. In der Ferne schrien Seemöwen.

Gregory Dana entwarf präzise interplanetare Flugbahnen.

. Im Alter von fünfzehn Jahren, im Jahre 1944, war Gregory Dana noch kein Raketeningenieur gewesen. Vielmehr gehörte er zu den Untermenschen, zu den dreißigtausend Franzosen, Russen, Tschechen und Polen, die im Innern eines ausgehöhlten Bergs in Thüringen schufteten.

Alle Verrichtungen erfolgten langsam - sogar das Anziehen -, und Dana war schon hungrig, wenn morgens um fünf die Arbeit begann. Das erste Essen, eine Suppe, gab es aber erst um vierzehn Uhr.

Und dann stürmten die SS-Wachen durch den qualmenden Tunneleingang in den Berg und prügelten mit Stöcken und Fäusten auf Köpfe und Schultern der Arbeiter ein. Der Tunnel war die Hölle. Er wimmelte von mit weißem Staub überzogenen und mit Steinen, Zementsäcken, Trägern und Kisten beladenen Gefangenen, und die über Nacht Gestorbenen wurden an den Füßen aus den Pritschen gezerrt.

Gregory Dana wurde von den Aufsehern geschätzt, weil er mit seinen kleinen Händen auch komplizierte Arbeiten zu verrichten vermochte. Also wurden ihm leichtere, komplexere Aufgaben zugewiesen. Im Laufe der Zeit entwickelte er ein

Verständnis für die Funktionsweise der großen Maschinen, an denen er arbeitete und bekam auch mit, welche Visionen die militärischen Planer des Reiches hatten.

Die Arbeiter im Mittelwerk wußten bereits, daß Hitler die Produktion von nicht weniger als zwölftausend A-2-Raketen befohlen hatte, die von Braun entwickelt hatte - oder das, was die Deutschen    nun    als V-2    bezeichneten:    V für

Vergeltungswaffe, Rachewerkzeug.

Es gab Pläne für den Bau einer riesigen Kuppel am Pas de Calais - sechzigtausend Tonnen Beton -, von der aus Raketen in Vierzehner-Salven auf England geschossen werden sollten. Und es gab noch weiterreichende Pläne: Raketenabschüsse von U-Booten, größere Raketen mit einer Reichweite von mehreren tausend Kilometern und - der größte Traum von allen! - eine große Raumstation, welche die Erde in einer Höhe von achttausend Kilometern umkreiste    und    mit einem großen

Spiegel ausgestattet war, der das Sonnenlicht reflektierte und Städte verdampfte und Meere zum Sieden brachte.

Visionen eben!

.Aber die V-2 war die alltägliche Realität. Dieses große, mit Heckflossen versehene Projektil mit einer Länge von über dreizehn Metern    war    imstande,    eine    Bombe mit einer

Sprengkraft von einer Tonne über dreihundert Kilometer weit zu befördern! Die vier Tonnen schwere Rakete bestand aus nicht weniger als zweiundzwanzigtausend Einzelteilen!

Dana verliebte    sich    förmlich in die    V-2. Es war ein