Auf jeden Fall hatte er damit Erfolg. Jones bückte sich und hob einen weißen Stein auf. »Wenn Sie mir nun noch sagen würden, wozu das, verdammt noch mal, gut sein soll.«
»Der Stein heißt Anorthosit«, sagte Romero gleichmütig. »Und wir vermuten stark, daß er der Hauptbestandteil der Kruste des Urmonds war.«
»Wirklich?« Nun trat Adam Bleeker vor und nahm Jones den Stein aus der Hand - als ob es die einzige Anorthosit-Probe im Tal sei, sagte York sich. »Wie das?«
Jones schmollte noch immer, doch nun stand er nicht mehr im Mittelpunkt, sondern Romero hatte wieder die Kontrolle übernommen.
»In der Entstehungsphase war der Mond wahrscheinlich eine Schmelze. Als er sich dann abkühlte, bildete sich bis zu einer Tiefe von etwa hundertfünfzig Kilometern eine Kruste aus anorthositischem Gestein - helles Gestein wie dieses hier. Sehen Sie, die Hauptbestandteile von Anorthositen, wie Plagioclase, sind leicht; die schwereren Mineralien wie Eisen und Magnesium haben sich im Mondkern abgelagert. Und nun glauben wir, daß die helleren, älteren Gebiete, die wir an der Mondoberfläche ausgemacht haben, hauptsächlich aus Anorthosit bestehen, während es sich bei den dunklen maria um erstarrte Lavaseen handelt.«
Bleeker mußte bei dieser Vorstellung grinsen. »Dann waren die maria früher einmal Meere.«
York nickte. »Es muß ein unglaublicher Anblick gewesen sein: Meere von der Größe des Mittelmeers, in denen rotglühende Lava brodelte.«
Ihre Stimme erstarb. Jones, dessen Augen hinter der Sonnenbrille nicht zu sehen waren, schaute sie an und machte sich bei Ben Priest über sie lustig. Darüber, wie sie beim Sprechen die Augenbrauen hochzog.
Ben fühlte sich unbehaglich. Er wußte nicht, ob er den Scherz des Kommandanten mit einem Grinsen quittieren oder sich über den Affront gegen seine Freundin ärgern sollte.
Auf jeden Fall schwieg York nun. Sie war wütend und fühlte sich wieder wie die linkische Sechzehnjährige, die sie einmal gewesen war.
Mit ausladender, theatralischer Geste entfernte Jorge Romero sich ein paar Schritte. »Hört zu. Ich möchte, daß ihr diesen Ort als bessere Beobachter verlaßt, als die ihr hergekommen seid. Aber ihr sollt noch etwas mitnehmen: ein Gespür für das Drama der Geologie.« Er ließ den Blick schweifen. »Wenn ihr euch in einem Tal wie diesem umseht, nehmt ihr vielleicht ein paar staubige Felsen wahr. Ich sehe aber gewaltige Prozesse, welche die Oberflächen von Welten umformten und im Zeitablauf erstarrt sind. Ich bin sicher, daß Natalie die gleiche Wahrnehmung hat. Wir sehen es nur deshalb nicht, weil wir im Vergleich zu diesen Abläufen Eintagsfliegen sind.
Und nun fliegt ihr vielleicht zum Mond! Ihr müßt diese Gelegenheit beim Schopf packen und mit offenem Herzen und Bewußtsein dorthin gehen. Glaubt mir, wenn ich sage, daß ich alles geben würde, um mit euch zu tauschen.«
Chuck Jones trat vor und spuckte einen Kaugummi auf den staubigen Erdboden. »Klar. Wir werden eh nie zum Mond fliegen; es sei denn, Dave Scott und Jim Irvine fahren bei einer dieser öden Expeditionen mit ihrem Mondauto über eine gottverdammte Klippe. Sie fliegen mit der letzten Apollo zum Mond, nicht wir. Deshalb meine ich, Sie sollten die Ansage abkürzen, Prof, und die Checkliste abhaken, damit wir von hier wegkommen.«
Er trat gegen einen weiteren Anorthositen, der im Weg lag und verließ das Tal.
An dieser Exkursion hätten mindestens vier Astronauten teilnehmen sollen. Doch nachdem Fred Michaels das Programm kurz vorher gestrichen hatte, fehlte den Jungs wohl die Motivation für ein nun sinnlos erscheinendes Training. Wenigstens hatten diese drei sich aufgerafft, doch Jones’
Renitenz verwandelte die ganze Sache in einen Gang durchs Fegefeuer.
York war durchweg abgestoßen von den Astronauten, denen sie bislang begegnet war. Ben stellte offensichtlich eine Ausnahme dar. Zumal sie es ohnehin kaum glaubte, daß Typen wie Jones überhaupt Astronaut geworden waren; er wies nämlich eine frappierende Ähnlichkeit mit einem Familie Feuerstein-Raumfahrer aus den Fünfzigern auf. In ihren Augen war der ganze Haufen über die Maßen arrogant und selbstherrlich.
Zum Teufel mit ihnen.
Sie und ihre Freunde in Berkeley hatten in den letzten Monaten wenig getan, außer die Nachwirkungen der Vorgänge an der Kent State University im Mai zu verfolgen. Ein paar von ihnen bereiteten selbst Sympathiekundgebungen vor. Sie hätte wetten mögen, daß Chuck Jones - wahrscheinlich auch Bleeker und sogar Ben - überhaupt nichts vom Aufruhr an der Kent State wußten, der das Land zu zerreißen drohte. Dafür waren sie viel zu sehr mit ihren wichtigen Programmen beschäftigt.
Plötzlich überkam sie blinde Wut, fast ein Haß auf diese Astronauten und das System, dessen Produkt sie waren.
Während er durch die Landschaft stolperte, nahm Chuck Jones die Steine um sich herum kaum wahr. Immer wieder ließ er die Ereignisse der letzten Tage Revue passieren.
Fred Michaels, Inspektor der NASA, war höchstpersönlich im Gebäude 4 des Astronauten-Büros erschienen, um die Axt zu schwingen. Da stand er nun in seiner Weste, plump wie ein Otter, in einem Raum voller hemdsärmliger Leute mit Bürstenhaarschnitt.
Für Chuck Jones war Michaels’ persönliches Erscheinen kein Trost.
Michaels verkündete lakonisch, daß die Erbsenzähler alle noch ausstehenden Mondflüge gestrichen hätten - bis auf Apollo 14, die Anfang 1971 starten sollte.
Jones war fassungslos; mit ein paar dürren Worten machte Michaels seine, Jones’, erste und einzige Chance auf einen Mondflug zunichte.
Es wurden zwar Proteste laut, doch Michaels ging gar nicht auf die Fragen der Leute ein. »Es ist zum Nutzen des Programms, verdammt, zum langfristigen Wohl der NASA. Wir haben getan, was wir tun mußten. Und Tom Paine4 gefällt das genauso wenig wie mir. Sogar noch weniger. Aber wir mußten diese Kröte schlucken, um unsere Zukunft zu sichern. Ich bin sicher, die meisten von euch verstehen das.«
Klar, sagte Jones sich, vom Kopf her verstehen wir das schon. Aber wenn gerade der Flug gestrichen wurde, für den man jahrelang trainiert hat, steckt man das trotzdem nicht so einfach weg.
Und die Stimmung im Büro war noch schlechter geworden, nachdem Deke Slayton sich mit versteinertem Gesicht erhoben und verkündet hatte, daß diese letzte Mission, Apollo 14, zu einer J-Klasse-Mission aufgewertet werden sollte, einer qualifizierten wissenschaftlichen Expedition. Also würde Apollo 14 die neue Landekapsel mit dem Mondfahrzeug sowie die Betriebsund Versorgungseinheit mit der orbitalen Instrumentenbatterie erhalten, die eigentlich für Apollo 15 vorgesehen war. Und wo sie schon die Ausrüstung von Apollo 15 hatten, wurde ihnen auch gleich deren Landeplatz zugewiesen: ein Ort namens Hadley im Vorgebirge der Mond-Apenninen.
Doch die ursprüngliche Besatzung von Apollo 15 - Dave Scott, Jim Irwin und Al Worden - trainierten auch schon intensiv für die Landung in Hadley.
Also, sagte Deke, müsse er Alan Shepard und seine Leute rausnehmen, die eigentlich für Apollo 14 vorgesehen waren. Statt dessen sollten nun Scott und seine Besatzung die Mission durchführen und Jones, Bleeker und Priest als Reservebesatzung mitnehmen. Der Start würde um ein paar Monate verschoben werden, damit Boeing genug Zeit für die Fertigstellung des Rovers blieb und Grumman in die Lage versetzt wurde, die Verbesserungen an der Landekapsel vorzunehmen. Deke äußerte die Erwartung, daß Shepards Leute ab sofort Scotts Besatzung beim Training unterstützten.
Jones sah, daß Al Shepard die Besprechung mit einem Gesicht wie ein Grabstein verließ. Es war schon nicht ratsam, Al über den Weg zu laufen, wenn er einen guten Tag hatte; und es war offensichtlich, daß man ihn trotz seines Rangs nicht schon vor der Besprechung von den Änderungen in Kenntnis gesetzt hatte. Slayton war auch ein alter Kumpel von Al. Ihre Freundschaft reichte bis zu den Tagen von Mercury zurück. Eine beschissene Art, die Dinge zu regeln, Deke. Jones erwartete, daß Shepard Slayton noch ein paar freundliche Worte sagen würde, nachdem das hier vorbei war.