Es war ein grandioses Szenario. Typisch von Braun, sagte Dana sich: phantasielos, dumpfe Kraft, >übermotorisiert<.
Nun eröffnete Bert Seger die Fragestunde. Die HoustonFraktion versuchte, mit allerlei detaillierten Fragen die noch unerprobte Nukleartechnik zu diskreditieren: sie erwähnten die Problematik beim Zusammenfügen der nuklearen Module und erkundigten sich nach den Fortschritten bei den erforderlichen
Kühltechniken. Außerdem wurde die Frage nach der Vereinbarkeit dieser Option mit den Verträgen für das Verbot atmosphärischer Atomtests aufgeworfen. Dana hatte den Eindruck, daß all diese Punkte noch der Klärung bedurften.
Seger intervenierte zunächst nicht - wobei er der Diskussion dieser Option mehr Zeit einräumte als eigentlich vorgesehen -und orchestrierte dann eine Runde Applaus. All das erhärtete Danas Verdacht, daß diese Option inoffiziell von der NASA favorisiert wurde und daß Seger den Segen der NASA-Oberen hatte, das Verständnis und die Akzeptanz dieses Konzepts zu fördern.
Die zweite Präsentation befaßte sich mit der Option eines chemischen Antriebs. Sie war von Rockwell erstellt worden und wurde von den Leuten in Houston befürwortet. Zufällig war Rockwell auch der Favorit für den Bau der Raumfähre.
Dana erkannte bald, daß das Missions-Profil sich eng an das klassische Minimalenergie-Transferprofil von Hohmann anlehnte, das er Jim damals in der Werkstatt in Hampton erläutert hatte.
Die chemische Option wies einige Vorteile auf. Die Kosten für das Entwicklungsprogramm waren überschaubar, weil das Material auf einer Weiterentwicklung der Saturn-Technik basierte, zum Beispiel unter Verwendung einer verbesserten zweiten Saturn-Stufe als orbitale Zündstufe.
Doch die Nuklear-Fraktion aus Marshall, angeführt von Udet und Conlig, deckte schonungslos die Schwachstellen dieser Option auf. Im Vergleich zum NERVA-Profil müßte man die doppelte Masse in den Orbit wuchten, für eine Mission mit der doppelten Zeitdauer. Die chemische Technik stieß hier an ihre Grenzen. Zumindest auf diese Art, sagte Dana sich; solange man am direkten Transfer klebt...
Dana erkannte, daß in dieser Diskussion überwiegend die sterilen Argumente wiedergekäut wurden, welche die NASA schon seit ein paar Monaten entzweiten.
Nachdem die Fragestunde beendet war, verzichtete Seger darauf, Applaus zu inszenieren.
Zum Mittagessen gab es ein Büffet mit Rindfleisch und Geflügel. Die Debatte wurde auch beim Essen weitergeführt, wobei die Delegierten ihre Position unterstrichen, indem sie die Kontrahenten mit aufgespießten Fleischbrocken oder Bratkartoffeln attackierten.
Dana machte die schlanke, stattliche Statur von Wernher von Braun aus. Er unterhielt sich mit einem Astronauten: mit Joe Muldoon, einem hochgewachsenen Mond-Spaziergänger, dessen grau-blondes Haar militärisch kurz gestutzt war.
Mit dem wunderlichen kleinen Mann aus Langley indes sprach kaum jemand. Venus-Katapulteffekt? Was, zum Teufel, soll das bedeuten? Das reichte Dana. Er verließ das Büffet und setzte sich wieder auf seinen Platz; er war ohnehin kein großer Fleischesser.
Bevor Dana an die Reihe kam, befaßte das Plenum sich mit zwei weiteren Optionen. Beide waren in technischer Hinsicht ambitionierter als die chemische und nukleare Option, die zuvor präsentiert worden waren. Dana argwöhnte, daß sie nur Alibifunktion hatten und bloß der Vollständigkeit halber vorgetragen wurden, ehe man sich offiziell auf einen schon vorab ausgekungelten Modus verständigte.
Ein Vertreter von McDonnell präsentierte eine sogenannte nuklear-elektrische Option, wobei er von Repräsentanten der NASA und ARPA, einer Forschungseinrichtung der Regierung, Schützenhilfe erhielt. Plasma - ein elektrisch geladenes Gas -sollte elektrodynamisch beschleunigt werden und aus einer
Raketendüse austreten. Eine Plasma-Rakete entwickelte zwar nur eine sehr geringe Schubkraft, die sich jedoch über mehrere Monate zu gewaltigen Geschwindigkeiten summierte. Zumal diese Technik einen deutlichen Fortschritt gegenüber Jules Vernes altertümlichem >Tritt-und-Freilauf<-Modell darstellte. Sie war zwar noch unerprobt, doch ein paar Versuche hatten bereits stattgefunden: schon 1964 hatte eine elektrische Rakete eine beachtliche Höhe erreicht.
Der Mann von McDonnell präsentierte einen Entwurf für ein bemanntes nuklear-elektrisches Raumschiff. Die skurrile Konstruktion sah aus wie eine dreiblättrige Windmühle. Zwei der - jeweils fünfzig Meter langen - Arme enthielten die Reaktoren, und der dritte die Quartiere für die Mannschaft. Die Raketen waren an der Nabe des Rotors montiert, und das Gerät sollte sich dann um die Nabe drehen, um eine künstliche Schwerkraft zu erzeugen. In Danas Augen sah das Gebilde aus wie eine große metallene Schneeflocke, die auf den Mars zuwirbelte. Es war ein ebenso bizarres wie unpraktisches Konzept.
Dann folgte ein Projekt-Manager von General Dynamics. Ein breites Grinsen erschien auf seinem von der kalifornischen Sonne gebräunten Gesicht. »Ich wollte euch NERVA-Leuten nur sagen«, eröffnete er dem Auditorium, »daß ihr einpacken könnt. Mit tausend Tonnen im Erdorbit schaffe ich den Flug zum Mars und zurück in gerade einmal zweihundertfünfzig Tagen - in kaum mehr als der Hälfte eurer Zeit - und mit höchstens zwanzig Mann. Meine Herren, ich präsentiere Ihnen nun das Projekt >Mars-Express<.«
Das Konzept sah vor, Ein-Kilotonnen-Atombomben an der Rückseite des Raumschiffs auszustoßen - alle dreißig Sekunden eine - und sie dreihundert Meter hinter dem Schiff zu zünden. Die Druckwellen sollten durch wassergekühlte Federn absorbiert werden, wodurch das Schiff dann Vortrieb bekam. »Als ob man Feuerwerkskörper hinter einer Blechdose zünden würde. Nicht wahr?«
Das Konzept wirkte lächerlich, aber General Dynamics hatte bereits Anfang der sechziger Jahre Versuche unter der Bezeichnung >Projekt Orion< durchgeführt, und der Referent legte Fotos eines kleinen Versuchsmodells vor, das sich mit Hilfe von Sprengstoff ein paar hundert Meter in die Lüfte erhoben hatte.
Technische Probleme bereiteten nur die hohen Temperaturen an der Rückseite des Raumschiffs: die Wärme würde zwischen zwei Explosionen abgeführt werden müssen. Und der Mann von General Dynamics wies auch auf den eigentlichen Haken bei diesem Konzept hin, die radioaktive Strahlung. Doch im Jahre 1960, als die ersten Orion-Versuche erfolgt waren, hatte man Radioaktivität noch als wesentlich harmloser eingestuft. Weil man befürchtete, daß die skrupellosen Sowjets mit dieser ebenso schnellen wie schmutzigen Methode den Weltraum eroberten, mußten die Amerikaner ihnen eben zuvorkommen.
Der Repräsentant von General Dynamics lockerte seinen Vortrag mit Witzen auf und wurde dafür mit dem stärksten Applaus des Tages belohnt.
Dana sackte förmlich auf dem Stuhl zusammen.
Was, zum Teufel, soll ich dem noch entgegensetzen?
Auf dem Weg zum Podium blätterte Dana in den Unterlagen und Folien und vermied es, den Blick über das Meer aus Maßanzügen schweifen zu lassen. Er schien im Licht des auf ihn gerichteten Strahlers zu erblassen. Es war bereits halb fünf, und nach der Präsentation des Vertreters von General Dynamics schwand den Delegierten die Konzentration. Sie lachten und unterhielten sich.
Dana las vom Blatt ab: »Bemannte Mars-Missionen mit einer Dauer von zwölf bis vierundzwanzig Monaten sind über den Zyklus der Missions-Optionen durch Geschwindigkeiten von bis zu einundzwanzigtausend Metern pro Sekunde definiert. Ein erfolgversprechender Ansatz, die Geschwindigkeit auf zwölf- bis fünfzehntausend Meter pro Sekunde zu reduzieren, ohne die Brutto-Masse des Schiffs zu erhöhen, ist der Flug durch das Schwerefeld der Venus. Aus verschiedenen Studien geht hervor, daß diese Technik auf alle Marsflüge angewandt werden kann und daß in einem Drittel aller Fälle die Antriebserfordernisse unter die Minimalanforderungen des Direkt-Modus sinken...«