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Die Zuhörer regten sich und rutschten auf den Stühlen herum. Dana machte weiter. Er spürte, wie der Schweiß ihm ausbrach.

Er präsentierte das Konzept der >Gravitationsschleuder< und versuchte das historische und intellektuelle Gewicht dieses Konzepts zu unterstreichen, indem er zeigte, daß seine Berechnungen auf der Arbeit von anderen namhaften Wissenschaftlern aufbauten. »Die NASA verfolgt das Konzept eines Vorbeiflugs an der Venus bereits, seit Hollister und Sohn unabhängig voneinander in den Jahren 1963 und 1964 ihre Studien veröffentlicht hatten. Nach weiterführenden Studien stellten Sohn und Deerwester ihre zahlreichen Ergebnisse in einem graphischen Format dar, das mit den direkten Flugbahnen im Handbuch des Planetaren Flugs der NASA kompatibel ist.«

Es war eine Art interplanetares Billardspiel, erläuterte er. Ein Raumschiff näherte sich einem Planeten so dicht an, daß die Flugbahn durch das Gravitationsfeld dieses Planeten geändert wurde. Während des Vorbeiflugs am Planeten - der den Katapulteffekt bewirkte - würde das Raumschiff Energie aus der Planetendrehung um die Sonne >zapfen< und dadurch beschleunigen; um die Energiebilanz auszugleichen, würde das Planeten-Jahr minimal verlängert werden.

In der Praxis hatte die Abstoßung durch die Gravitationsquelle eines Planeten die Wirkung einer zusätzlichen Raketenstufe - nur daß dieser Effekt >gratis< war. Voraussetzung war jedoch, daß die Navigation stimmte.

»Wir haben die Mariner-Mercury-Mission studiert, die an der Venus vorbei zum Merkur geflogen wäre. Ein Direktflug wäre auch möglich gewesen, zum Beispiel mit einem Titan IHC-Zusatztriebwerk. Der Gravitationsschleuder-Effekt hätte jedoch den Einsatz des billigeren Atlas-Centaur-Trägersystems ermöglicht.«

»Ja«, ertönte eine Stimme im Publikum, »aber Mariner-Mercury wurde auf Eis gelegt. Zumal das Raumschiff gar keine Besatzung hatte!«

Gelächter.

Dana ließ sich jedoch nicht beirren und wischte sich den Schweiß aus den Augen. Es gab zwei Möglichkeiten, sich die Venus für einen Flug zum Mars zunutze zu machen, sagte er. Entweder flog das Raumschiff tangential an der Venus vorbei und wurde durch die Schwerkraft des Planeten in Richtung Mars beschleunigt, oder das Raumschiff bremste auf dem Rückflug zur Erde ab, indem es den Gravitationseffekt der Venus mit umgekehrtem Vorzeichen nutzte.

»Ersten Schätzungen zufolge müßte man eine Masse von tausend Tonnen in den Erdorbit bringen, um die Dauer der Mission auf sechshundertvierzig Tage zu begrenzen.« Die Masse entsprach der nuklearen Option, und die Dauer der Mission entsprach zwei Dritteln der chemischen Option, »Also erhalten wir ein annähernd optimales Missionsprofil, ohne daß aufwendige neue Techniken entwickelt werden müßten. Daraus resultiert wiederum eine signifikante Verringerung der Entwicklungskosten im Vergleich zu anderen Modi.«

Und es ist elegant. Seht ihr das denn nicht? Keine Brachialgewalt: keine große, nukleare V-2. Nur bewährte Technik, Eleganz und Stil. Denkt mal drüber nach, meine Herren.

»Zusammenfassend möchte ich sagen, daß die Machbarkeit und die Kostenvorteile des >Venus-Modus< für den Flug zum Mars hinreichend belegt sind.«

Dana verließ das Podium und zog sich aus dem gleißenden Licht zurück. Er war wie betäubt.

Seger dankte ihm und eröffnete die Fragerunde, wobei er mit einem Blick auf die Uhr signalisierte, daß die Leute sich beeilen sollten. »...Wie verhält es sich mit der Steuerung und Navigation? Ist Ihnen eigentlich klar, daß Sie von einem Missionsprofil mit vier möglichen planetaren Kontakten reden? Der Mars, die Venus - vielleicht sogar zweimal -, und wieder die Erde? Und jeder Kontaktpunkt muß mit einer Präzision von ein paar hundert Kilometern angeflogen werden, nachdem jeweils eine Strecke von vielen Millionen Kilometern zurückgelegt wurde. Wie sollten wir so exakt navigieren? Und dabei ist nicht einmal erwiesen, daß auch nur eine einzige Annäherung über solche Entfernungen möglich ist.«

»Es ist möglich«, sagte Dana. »Bedenken Sie, daß die NASA sich bei Apollo für das Mondorbit-Rendezvous entschied -immerhin vierhunderttausend Kilometer entfernt -, ohne daß vorher auch nur ein einziger Praxistest erfolgt wäre.«

Ein Raunen ging durch die Anwesenden. Der Vergleich hinkte.

»Und was ist mit dem technischen Aspekt? In der Nähe der Venus hat das Sonnenlicht die vierfache Temperatur wie auf dem Mars. Also müßten Sie Kapazitäten für ein Kühlsystem opfern, das auf dem Mars nur Ballast darstellen würde. Außerdem würde die erhöhte Strahlung von der Sonne ein Problem darstellen.«

Dana wollte antworten - ich habe die konstruktiven Änderungen des Raumschiffs schon bei der Masseanalyse berücksichtigt, und... Doch seine Stimme ging im Lärm der Zuhörer unter, die überhaupt nur wenig Interesse an seinen Ausführungen zeigten.

Nun erhob Hans Udet sich, und schlagartig trat Ruhe ein. »Worauf gründen Ihre Zahlen sich?« fragte Udet dezidiert. »Die vorläufigen Analysen der komplexen Missions-Klassen, die Sie beschreiben, sind mir durchaus geläufig. Ich kenne jedoch keine detaillierten Analysen, welche die von Ihnen postulierten Einsparungen belegen.«

Dana stammelte eine Erwiderung. Unser Verständnis von Raumschiff-Systemen hat sich seit diesen frühen Studien weiterentwickelt, und aus den Zahlen, die ich ermittelt habe, geht hervor, daß...

»Diese Ergebnisse sind falsch.« Udet ließ den Blick schweifen - ein großer, aristokratischer und beherrschter Mann, der noch nichts von seinem Charme eingebüßt hatte. »Das ist offenkundig. Die uns vorgelegten Zahlen beruhen auf unbewiesenen Annahmen. Der Referent weiß überhaupt nicht, wovon er spricht.

Vielleicht handelt es sich um Inkompetenz, eine bewußte Täuschung oder was auch immer. Wir sollten nicht länger unsere Zeit mit diesem Dilettanten vergeuden.« Er nahm wieder Platz und saß steif wie ein Ladestock da.

Eine Regung des Unbehagens ging durch die Zuhörer, und vereinzelt ertönte ein nervöses Lachen.

Bert Seger stand auf, dankte Dana hastig und wandte sich von ihm ab.

Dana war fassungslos. Einen solchen Ton sollte man in einem Forum wie diesem nicht anschlagen - und auch sonst nicht. Das ist einfach unzivilisiert. Nachdem es nun geschehen war, wunderte er sich nicht mehr. Natürlich hat man meinen

Standpunkt nicht anerkannt. Aber hier geht es überhaupt nicht um Logik, Technik oder Wissenschaft. Es lag daran, daß er die Hierarchie mißachtet und den Dienstweg nicht eingehalten hatte. Hier geht es um Macht. Um die Hackordnung. Möglicherweise glaubt Udet sogar, was er gesagt hat. Vielleicht ist er wirklich der Ansicht, ich hätte die Zahlen manipuliert, um einen Vorteil für Langley zu erringen.

Dana sammelte seine Unterlagen ein und verließ das Podium.

Das Licht ging an, und im Konferenzraum wurde es still. Bert Seger erhob sich und schritt das Podium ab, wobei er die Anwesenden mit in die Hüften gestemmten Händen geradezu herausfordernd musterte.

»Ich habe heute viel Positives über die Nuklear-Option gehört«, sagte er. »Sonst habe ich, ehrlich gesagt, nicht viel Sinnvolles gehört.« Er schaute in die Runde. »Ich möchte Ihnen sagen, daß ich es für machbar halte. Ich glaube, wir haben nun eine >Kennedy-Option<, die wir dem Präsidenten vorlegen können. Gibt es vielleicht jemanden, der anderer Meinung ist?«

Wernher von Braun stand auf und sprach sich in einer kurzen Stellungnahme für die nukleare Option aus. Dann meldete einer der Befürworter der chemischen Option aus Houston sich zu Wort und gestand mit wohlgesetzten Worten gegenüber den Kollegen aus Marshall die Niederlage ein.