Seger beendete die Konferenz. »Meine Herren, ich möchte Ihnen für die geleistete Arbeit danken. Ich glaube, wir haben einen gangbaren Weg gefunden und wissen nun, wie wir zum Mars kommen.«
Dann applaudierte er, und die Versammelten fielen ein und beklatschten ihr eigenes Werk.
Alle außer Dana. Er konnte sich beherrschen.
Die Deutschen hatten wieder mal gewonnen.
Vielleicht hat Seger recht. Vielleicht haben wir eine historische Entscheidung getroffen, und ich werde es noch erleben, daß Menschen zum Mars fliegen. Aber es ist falsch. Ich weiß, daß es falsch ist.
Zumal man immer noch damit rechen mußte, sagte er sich, daß dieses gewaltige Projekt überhaupt nicht finanziert wurde. Vielleicht entscheidet Nixon sich für den Bau der Raumfähre. Oder für keins von beiden.
Für gar nichts.
Der Beifall hielt an. Die Delegierten bejubelten sich nun selbst.
DIE ZUKUNFT DER NASA
Die aktuellen Pläne sehen drastische Kürzungen beziehungsweise Veränderungen bei der NASA vor. Erreicht werden soll dies durch eine Kappung des bemannten Raumfahrtprogramms und anderer Programme der NASA. Ich halte das für einen Fehler.
1) Der eigentliche Grund für die Kürzungen im NASA-Haushalt besteht darin, daß die 28 % des Gesamthaushalts, die für die NASA vorgesehen sind, zur Disposition stehen. Mit anderen Worten, es wird gestrichen, weil man hier streichen kann und nicht, weil die NASA etwa schlecht arbeitet oder überhaupt überflüssig wäre.
2) Wir stehen unter dem Zwang, immer mehr in Programme zu investieren, die keine Perspektive für die Zukunft aufzeigen: Sozialhilfe, Zinszahlungen, Aufwendungen für das Gesundheitswesen usw. Wir tun das nicht aus Überzeugung, sondern um die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.
3) Die Zukunft der NASA und die Verwirklichung der geplanten Programme ist von großer Bedeutung für die Zukunft. Gerade von den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die durch Skylab und NERVA gewonnen werden, wird unter anderem ein Impuls für die Volkswirtschaft ausgehen, und gleichzeitig werden die vielen qualifizierten (und anderweitig schwer vermittelbaren) Wissenschaftler und Techniker an Projekten arbeiten, die zur Erkenntnisgewinnung über den Weltraum beitragen. Sollten die langfristigen Projekte erst eingestellt und zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf gelegt werden, wäre eine erneute Zusammenstellung der NASA-Arbeitsgruppen mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden.
4) Als Reaktion auf unseren Druck hat die NASA die beantrag ten Mittel für Forschung und Entwicklung für die nächsten Haushaltsjahre um die Hälfte reduziert.
5) Apollo 14 war in jeder Hinsicht ein Erfolg. Am bedeutendsten ist jedoch der Umstand, daß die Mission das Selbstbewußt sein des amerikanischen Volks gesteigert (und -was ebenso notwendig war - der Welt die amerikanische Überlegenheit vor Augen geführt) hat. Die Ankündigung einer Streichung oder auch nur einer drastischen Kürzung des bemannten Raumfahrtprogramms der Vereinigten Staaten würde sich sehr negativ auswirken. Es würde in mancherlei Hinsicht einer Einstellung Vorschub leisten, die in meinen Augen im In- und Ausland um sich greift: daß unsere besten Jahre schon vorbei seien, daß wir den Rückzug antreten, die Verteidigungsanstrengungen reduzieren und uns freiwillig des Status als Supermacht und Nummer Eins in der Welt begeben. Amerika ist so reich, daß es sich mehr leisten kann als eine Erhöhung der Sozialausgaben.
Handschriftlicher Zusatz: Ich stimme Cap zu. RMN.
Caspar W. Weinberger, Stellvertretender Leiter des Planungsund Haushaltsausschusses - Memorandum für den Präsidenten, 27. August 1971. Akte 1968-1971: Weißes Haus, Richard M. Nixon, Präsident. Archiv der NASA, NASA-Hauptquartier, Washington, DC.
Mittwoch, 1. Dezember 1971
Jet Propulsion Laboratory, Pasadena
Ben Priest kurvte durch Glendale, bog nach Norden auf den Linda Vista ab und fuhr am Rose Bowl vorbei. Sein Mietwagen war ein alter Dodge mit defekter Heizung. Es war ein kalter Dezembertag, und York schwitzte und bibberte abwechselnd.
»Die Strecke zieht sich aber«, sagte sie.
Er grinste. »Ja. Hier wurden früher die Raketentriebwerke getestet. Wegen der möglichen Gefährdung der Bevölkerung wurde die Anlage so weit draußen im Arroyo angelegt. Und dann hat man einen Vorort drumherum errichtet.«
York sah, daß der Arroyo mit Bürogebäuden angefüllt war; bei den meisten handelte es sich um triste Kästen, doch es ragte auch ein imposanter Turm aus Stahl und Glas auf.
Die zum JPL führende Straße war auf einer Länge von einem halben Kilometer mit parkenden Autos gesäumt, und die Zufahrt zum Pressezentrum wurde von Übertragungswagen fast blockiert.
Am Eingang zum JPL stand ein Posten, der ihnen einen Parkplatz zuwies. York hatte den Eindruck, daß es kaum noch ein freies Plätzchen gab.
Eilig betraten sie das Gebäude. Im Innern schien es noch kälter zu sein. Priest führte sie durch Korridore, die mit Lochkarten und Computerausdrucken übersät waren. Schludrig gerahmte Nahaufnahmen vom Mond hingen an den Wänden. JPL war ein Ort der Kontraste; es war ein Bürokomplex wie jeder andere auch, sagte York sich, nur daß es sich um eine junge Belegschaft handelte - niemand trug Anzug und Krawatte, und statt dessen trugen die Leute das Haar länger und hatten sich Smiley-Buttons an den Pulli gesteckt. Ein paar Frauen hatten sogar Hotpants an. Andererseits hatte der Ort auch nicht das lässige Ambiente einer Hochschule; dafür stand hier zu viel auf dem Spiel. Man hatte das Gefühl, daß hier etwas bewegt wurde.
Sie erwähnte den vollen Parkplatz.
»Du hättest vor einer Woche hier sein sollen«, sagte Priest, »als die ersten Bilder vom Mars eingingen. Es wimmelte nur so von Presseleuten, Prominenten, Politikern und Science FictionAutoren.« Er lachte. »Du hättest ihre Gesichter sehen müssen, als wir ihnen nur die Aufnahme eines Sandsturms präsentierten.«
Es war ein eigenartiges Gefühl, sich wieder in Priests Gesellschaft zu befinden. Die Vergangenheit holte sie ein. Sie hatte ihn seit über einem Jahr nicht mehr gesehen und war erstaunt, daß er sein altes Versprechen wahr machte und sie mit hierher nahm, um ihr die Bilder vom Mars zu zeigen. Er schien sich nicht verändert zu haben: schlank, pflichtbewußt,
unkompliziert und intelligent.
Sie fühlte sich wohl in seiner Gegenwart. Er war ein angenehmer Umgang. Verheiratet.
Sie fühlte eine innere Unruhe.
Im Moment, so gestand sie sich ein, verfolgte sie kein klares Ziel, sondern arbeitete nur sporadisch an Hochschul-Projekten mit. Sie war bestrebt, ihr Leben in geordnete Bahnen zu lenken.
Und sie hatte noch immer diese Beziehungskiste mit Mike Conlig, der so in die Arbeit an NERVA vertieft war, daß er sie überhaupt nicht wahrzunehmen schien, falls er ihr überhaupt einmal etwas Zeit widmete. Mikes Leben drehte sich einzig und allein um NERVA; hinter der Schale des sanften Intellektuellen, die sie anfangs angezogen hatte, schien sich der Kern eines besessenen Monomanen zu verbergen.
Sie hatte den Eindruck, daß das ganze Raumfahrtprogramm aus solchen Leuten bestand.
York stellte sich nun die Frage, ob sie wirklich eine Nebenrolle an der Seite eines Hauptdarstellers spielen wollte, dessen Ziele nicht einmal die ihren waren?
Sie betraten die Kommunikationszentrale. Die Wände waren mit Bildschirmen bedeckt, die allesamt körnige, unscharfe Schwarzweiß-Darstellungen zeigten. Handbücher lagen auf den Tischen, und Bahnen von Computerausdrucken schlängelten sich über die Tische, den Boden und an den Wänden entlang. Das Personal - überwiegend hemdsärmlige, langhaarige Männer, deren Sicherheitsausweis an der Hemdtasche baumelte - brütete über den Bildern und Computerausdrucken. Auf den Tischen standen Tassen mit kaltem Kaffee - manche in gefährlicher Nähe zu wichtigen Unterlagen -, und in einer Ecke sah sie einen angebissenen Krapfen, aus dem noch die Füllung troff.