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Ein schwacher, aber unverkennbarer Schweißgeruch lag in der Luft.

Priest zuckte die Achseln und schaute wie ein Schaf. »So sieht das immer hier aus, Natalie. Eine Art kontrolliertes Chaos. Dies ist das Herz des Raumfahrt-Operationszentrums. Hier gehen in einem steten Strom die Daten von Mariner ein. Die Leute arbeiten im Schichtdienst. Die Arbeit ist >adaptiv<: die Daten des einen Orbits dienen als Grundlage für die nachfolgenden Berechnungen. Da bleibt nicht viel Zeit fürs Saubermachen.«

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Du müßtest erst einmal sehen, wie eine geologische Forschungsstätte nach ein paar Tagen aussieht.«

Ein etwa metergroßes Modell des Mariner 9-Raumschiffs hing in einer Ecke des Raums. Sie blieb stehen und betrachtete es. Vier silbrige Sonnensegel waren um eine achteckige Kiste aufgefächert. Ein Raketentriebwerk mit Brennstofftanks war auf der Oberseite der Kiste montiert, und an der Unterseite klebte eine Instrumentenbatterie. York erkannte die winzigen Linsen von Kameras, die im fluoreszierenden Licht glitzerten. Die Sonde wirkte ziemlich primitiv im Vergleich zu den schweren Viking-Sonden, die bereits für den für 1975 geplanten Start entwickelt wurden. Dennoch war Mariner 9 eine Augenweide, wie eine schöne Uhr.

York hegte nach wie vor Zweifel am wissenschaftlichen Nutzwert des Raumflugs. Als Kind hatten die Bilder von Mariner 4 sie fasziniert, ihr sogar einen Schauder über den Rücken gejagt. Doch diese Faszination hatte sich gelegt, und die Fortschritte der späteren Sonden hatte sie gar nicht mehr verfolgt. Und dennoch: dieses schöne, filigrane Ding war von Menschen wie ihr gebaut und ins All geschossen worden, um auf eine Umlaufbahn um den Mars einzuschwenken. Es war das erste von Menschenhand erschaffene Objekt, das einen anderen Planeten umkreiste.

Was für eine Vorstellung!

Priest erzählte ihr vom Staubsturm. »Er hat den ganzen verdammten Planeten überzogen, Natalie. Als wir ankamen, haben wir nichts gesehen. Messungen haben ergeben, daß der Staub eine Höhe von achtzig Kilometern erreichte. Es klingt unmöglich, aber es stimmt. Einen Gefallen hat der Sturm uns aber getan.«

»Wie das?«

»Auf einmal wollten alle unbedingt einen Blick auf die Monde werfen. Übrigens, soll ich dir einen Kaffee holen? Oder einen Krapfen?«

»Nein danke, Ben.«

Er führte sie durch weitere Korridore zu einem kleineren Labor. Noch mehr hemdsärmliges Personal, das an Computern und Monitoren arbeitete.

»Bildbearbeitung«, sagte Priest. Er führte sie zu einem freien Monitor, und sie nahmen auf wackligen Klappstühlen Platz. Dann bearbeitete er die Tastatur. »Das erste halbwegs deutliche Bild von Phobos bekamen sie beim einunddreißigsten Umlauf - gerade erst vergangene Nacht. Ich bin bis zum frühen Morgen aufgeblieben und habe ihnen bei der Verarbeitung der Daten zugesehen. « Ein Bild wurde nun auf dem Monitor zusammengesetzt, Zeile um Zeile, von oben nach unten. »Mariner nimmt die Bilder auf Magnetband auf und schickt sie zur Erde; einem Zeitungsfoto vergleichbar, das per Fernschreiber übertragen wird. So haben die Leute heute nacht das erste Bild erhalten.«

Sie lächelte. »Was soll das, Ben? Weshalb zeigst du mir nicht einfach das fertige Bild? Veranstaltest du wieder so eine NASA-Show?«

Er hob die Augenbrauen. »Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich dir Zynismus attestieren.«

Impulsiv berührte sie seine Hand. »Es tut mir leid, Ben.« Seine Haut war warm und ledrig.

Er grinste sie an.

Heute fand sie Ben, mit seiner Intelligenz und der Begeisterung für dieses grandiose Mars-Projekt, einfach unwiderstehlich. Verdammt. Solche Gefühle sollte ich nicht haben.

Sie konzentrierte sich auf die Bilder.

Die obersten Linien des Bilds waren schwarz gewesen -leerer Raum. Doch nun erkannte sie erste Details, eine weißgraue Kurve, die Linie um Linie Gestalt annahm. Zuerst hielt sie das für die Krümmung einer Kugel, doch dann sah sie, daß die Form zu unregelmäßig für eine Kugel war.

Phobos erwies sich als halb im Schatten liegende Ellipse mit zerklüftetem Rand. In Yorks Augen hatte Phobos mehr Ähnlichkeit mit einem Asteroiden als einem Mond. Er war von alten, großen Kratern übersät, von denen manche so tief waren, daß die Einschläge, die sie verursacht hatten, den kleinen Mond fast zerschlagen haben mußten.

»Natalie, das ist Phobos - er ist etwa halb so groß wie unser Vollmond -, wie du ihn vom Mars aus sehen würdest.«

Phobos sah aus wie eine verschrumpelte Kartoffel. Priest starrte das Bild an, wobei die Schwarz- und Grautöne sich in seinen Augen spiegelten. »Das ist Geschichte, Natalie. Stell dir das mal vor: ich war einer der ersten Menschen, die Phobos und Deimos, die Mars-Monde, gesehen haben. Ich wollte dich daran teilhaben lassen und dir zeigen, was ich gesehen habe.«

Erneut spürte sie den Drang, ihn zu berühren, doch sie unterdrückte ihn.

»Zeig mir den Mars, Ben.«

»Sicher.«

Nach ein paar Minuten hatte Priest Bilder der Oberfläche des Planeten rekonstruiert. Doch der Staubsturm hielt noch immer an. Außer an den Polen waren nur noch an einem Ort Einzelheiten zu sehen: ein Gebiet namens Tharsis in der Nähe des Marsäquators. Es waren vier unregelmäßige, annähernd kreisförmige Punkte zu erkennen, von denen drei sich auf einer Geraden befanden. Der vierte war etwas nach Westen versetzt.

»Was könnte das sein?« fragte sie.

»Wer weiß? Ich schätze, wir werden es erfahren, nachdem der Sturm sich gelegt hat. Die Belegschaft des Labors nennt diese Erscheinungen >Carls Markierungen« Nach Sagan.«

Die Formen auf den Bildern erregten ihre Neugier; sie kamen ihr irgendwie bekannt vor. Wenn die Sicht nur etwas besser wäre. »Du sagst, diese Region würde Tharsis genannt. Wissen wir sonst noch etwas darüber?«

»Eigentlich schon. Du bist die Geologin, Natalie. Du müßtest es wissen.«

»Sag’s mir einfach, du Arsch.«

»Seit Mitte der Sechziger werden Radar-Bilder vom Mars gemacht. Diese Tharsis-Region - die von der Erde aus nur als heller Fleck erscheint - ist anscheinend das höchste Plateau auf dem Planeten.«

»Wirklich? Wie hoch denn?«

Er zuckte die Achseln. »Fünfzehn bis dreißig Kilometer über Normalnull. Wir wissen es nicht mit Bestimmtheit. Normalnull aus dem Grund, weil es auf dem Mars ja keine Meere gibt und die Bezeichnung >Meeresspiegel< deshalb nicht anwendbar ist.«

»Ihr müßt doch noch Bilder mit einer höheren Auflösung haben als diese hier. Es ist der einzig sichtbare Punkt auf dem Planten, mein Gott! Jemand muß die Kameras noch einmal darauf ausgerichtet haben.«

Priest hieb in die Tasten und fand auch ein paar Bilder mit mehr Details. Fast hätte sie sich die Nase am Monitor plattgedrückt, so nahe ging sie heran.

»Und du meinst, diese Merkmale seien stabil? Nicht nur. äh. Wirbel im Staubsturm oder so?«

»Ach was. Sie existieren schon, seit Mariner vor ein paar Wochen den Mars erreicht hat. Wir sehen hier ohne Zweifel Oberflächenmerkmale.«

Sie erkannte runde Markierungen in jedem Fleck. Und eine Art Kante. Sie sehen fast aus wie Vulkantrichter. Die Schlünde von Vulkanen.

Doch weshalb erschienen überhaupt solche Formationen auf dem Mars? Weil sie sich in Tharsis befinden. Und Tharsis ist die höchstgelegene Region auf dem Mars. Und weshalb diese spezifischen Merkmale? Weil sie die höchsten Punkte von Tharsis darstellen - und folglich die höchsten Punkte des Planeten sind.

»Mein Gott«, flüsterte sie.

»Natalie? Was ist denn?«