Öffentlichkeit ständig vor Augen führten, daß dieses
Unternehmen absolut nichts Heroisches hatte.
Also hatte Josephson mit einer gewissen Zufriedenheit verfolgt, wie Nixon sich allmählich von der Raumfähre verabschiedet hatte. Bei der nächsten Generation von Trägersystemen für den bemannten Raumflug würde es sich wahrscheinlich um eine verbesserte Saturn-Serie handeln.
Außerdem schien Nixon der Empfehlung der >Arbeitsgruppe Raumfahrt< gefolgt zu sein, den Plan der neuen modularen Raumstationen zu verwerfen und statt dessen nur die SkylabSerie fortzusetzen, die aus Saturn-Brennstofftanks improvisiert werden sollte. Die NASA-Ingenieure verloren darob schier die Fassung, vor allem Mueller und seine Raumstation-Lobby. Doch all diese Kürzungen schufen ein Kostenprofil, das vielleicht vom Weißen Haus genehmigt werden würde.
Natürlich wäre im Programm auch ein Handel enthalten. Rockwell hatte als Favorit für die Produktion der auf Eis gelegten Raumfähre gegolten. Und nun hatte es den Anschein, daß sein Rivale Boeing das größte Stück vom Kuchen des neuen Zusatztriebwerks bekam, weil Boeing als Hersteller der ersten Stufe der Saturn S-IC Haupt-Auftragnehmer beim neuen Saturn-Projekt werden sollte. Boeing wartete mit allen möglichen Ideen für eine Kostensenkung beim Saturn V-System auf: so sollten zum Beispiel wiederverwendbare Raketen eingesetzt werden, und die S-IC selbst sollte auch wiederverwendet werden können, indem sie mit Tragflächen, Fallschirmen, wasserstoffgefüllten Ballons, Luftbremsen, Paragleitern und Systemen aus rotierenden Fallschirmen ausgerüstet wurde.
Also hatte Rockwell - der Hersteller von Apollo - zur aller Überraschung das Nachsehen. Als Trostpflaster durfte das Unternehmen ein Programm auflegen, in dessen Rahmen die S-II, die wasserstoffbetriebene zweite Stufe der Saturn, zu einer interplanetaren Zündstufe modifiziert wurde. Weil es sich jedoch um den Part handelte, der von NERVA übernommen werden sollte, war das S-II-Programm bereits redundant, bevor es überhaupt begonnen hatte, und es wurde auch schon die Frage nach dem Sinn dieses Programms gestellt.
Dennoch rechnete Johnson damit, daß Rockwell auf die eine oder andere Art entschädigt werden würde. Die Firma war bereits Anwärter für das große Trägerraketen-Programm, das aus der heutigen Entscheidung resultieren würde, obwohl sie noch nicht einmal verkündet war.
Inzwischen waren die Militärs auf Johnsons Linie eingeschwenkt, nachdem er ihnen versprochen hatte, sie würden bei den neuen Skylabs berücksichtigt werden. Dadurch hatten sie die Möglichkeit, an die Missionsziele der alten Bemannten Orbital-Labors anzuknüpfen.
Beim neuen Raumfahrtprogramm handelte es sich um eine Resultierende des Gleichgewichts der Kräfte, um einen Kompromiß zwischen den Fraktionen im Weißen Haus und im Kongreß. Im Grunde nichts Neues, sagte Josephson sich.
Doch es wäre nicht möglich gewesen, ohne daß Michaels Fäden gezogen, Leute um einen Gefallen gebeten und sich des Geflechts aus politischen Allianzen bedient hätte, das er im Lauf der Jahre geknüpft hatte. Ein nicht so begnadeter Direktor - Thomas Paine zum Beispiel - hätte das niemals zuwege gebracht. Und doch wußte Josephson, daß Michaels’ Arbeit gerade erst begonnen hatte. Michaels war es bisher lediglich gelungen, die Zusage für den Start eines neuen Programms zu erhalten; die Herausforderung lag nun darin, dafür zu sorgen, daß diese Zusage auch für die zukünftige Entwicklung des Programms Gültigkeit hatte.
Fred Michaels kannte Nixon noch aus den Sputnik-Tagen, wo er Eisenhowers Vizepräsident gewesen war. Michaels glaubte, daß Nixon den Symbolgehalt des Raumfahrt-Zeitalters von Anfang an erkannt hatte. »In erster Linie geht es hier um Politik und nicht um Wissenschaft«, hatte Michaels Josephson offenbart, und Josephson sprach diese Erkenntnis nun auf Band. »Das eigentliche Motiv für die Raumfahrt ist Prestige. Nixon hat das begriffen. In dieser Hinsicht ist er formbar wie Lehm. Ich sage Ihnen, Tim: im Grunde wundere ich mich überhaupt nicht darüber, wie die Dinge sich entwickelt haben. Alles was er brauchte, war das richtige Argument.«
Vielleicht, sagte Josephson sich. Doch Nixon war auch ein hochintelligenter Pragmatiker, ein Mann, auf dessen Prioritätenliste die Raumfahrt ziemlich weit unten stand.
Er hätte sich auch dafür entscheiden können, die bemannte Raumfahrt ganz einzustellen.
Und doch, und doch .
Und doch war da noch der liebe alte Jack Kennedy, der wie ein Geist aus seinem Studierzimmer in Neuengland sprach und den Amerikanern unablässig sagte, daß sie besser seien als das pessimistische Bild, das sie von sich selbst hatten: daß es ihnen schließlich gelungen sei, vor den Augen der ganzen Welt Menschen auf den Mond zu schicken; daß sie nicht stehenbleiben, sondern weitergehen und sich im Lichte des feurigen Traums immer wieder neu erfinden sollten - des Traums, dessen lebende Verkörperung Kennedy geworden war.
Und heute schlug die Stunde der Entscheidung. Michaels war zu einer Besprechung mit Agronski, anderen Beratern des Präsidenten und Repräsentanten des Haushaltsausschusses gebeten worden.
Agronski, so hatte Michaels Josephson gesagt, war gleich zur Sache gekommen. »Sie werden Ihren Mars-Tinnef bekommen, Fred. Gegen meine Überzeugung.«
»Der Präsident hat das Programm genehmigt.«
»Ja.« Agronski wühlte in seinen Unterlagen. »Es stehen noch ein paar Entscheidungen in bezug auf den Umfang und die Kosten aus.«
Michaels grunzte. »Was hat ihn dazu bewogen?«
»Eine Reihe von Faktoren. Vor allem der Punkt, daß es unser Prestige im In- und Ausland beschädigen würde, wenn wir den bemannten Raumflug ganz einstellten.« Er klang zerknirscht. »Daß die Mars-Mission die einzige Option ist, die sowohl prestigeträchtig ist als auch mit relativ geringem finanziellen Aufwand durchgeführt werden kann. Daß wir den NASA-Etat nur deshalb kürzen wollten, weil es sich angeboten hat. Daß die Streichung des Programms die Luft- und Raumfahrtindustrie in Mitleidenschaft gezogen hätte.«
Michaels hatte verstanden, und Josephson war auch nicht sonderlich erstaunt. Kennedys Lobbyarbeit und Michaels’ Wühlarbeit hatten zu einem Umschwung in der öffentlichen Meinung geführt. Zumal 1972 ein Wahljahr war; die Arbeitslosenstatistik in Staaten, die von der Raumfahrt abhingen - Kalifornien, Texas und Florida - gereichte Nixon nicht gerade zum Vorteil. Und wir hatten auch verdammtes Glück, in Cap Weinberger einen Verbündeten zu finden. Josephson wußte, daß ohne Caps Fürsprache innerhalb der Regierung das Programm der bemannten Raumfahrt vielleicht gescheitert wäre.
Am Anfang der Besprechung hatte es Auseinandersetzungen über Details und die Interpretation einer Verlautbarung des Präsidenten gegeben. Doch die Entscheidung war gefallen.
Mars.
Trotz seiner Müdigkeit fühlte Josephson eine tiefe Zufriedenheit. Als ob er nach einem guten Essen einen Brandy und eine Zigarre genießen würde.
Eigentlich war es sogar schlecht für Nixon gelaufen, sagte Josephson sich. Nixon hatte recht gehabt; er hatte ein bezahlbares Programm mit einem konkreten Ziel gewollt, ein Programm, das ein solides Fundament für die Zukunft bildete. Doch nun hatte es den Anschein, als ob es wieder auf den
Schmonzes mit Fußabdrücken und Flaggen hinausliefe. Und Jack Kennedy - oder vielleicht auch Ted, der von einem ermordeten und einem verkrüppelten Bruder profitierte und nun selbst den Einzug ins Weiße Haus vorbereitete - würde den Lorbeer ernten.
Wie dem auch sei, in einer solchen Gemengelage aus sozialen, politischen, ökonomischen und technischen Kräften, die von Männern wie Michaels, Nixon und Kennedy kontrolliert wurde, war die Entscheidung entstanden. Die Entscheidung - mit welchen Problemen und Unwägbarkeiten sie auch behaftet war -, Amerikaner zum Mars zu schicken.