Der Beschluß des Präsidenten ist ein historischer Schritt für das nationale Raumfahrtprogramm. Es wird der Menschheit neue Perspektiven für die Eroberung des Weltalls eröffnen. In zehn Jahren wird die Nation über die Mittel verfügen, Menschen und Ausrüstung über interplanetare Distanzen zu befördern. Mittelfristig rechnen wir damit, daß solche Missionen ebenso zur Routine werden wie der Flug zum Mond und die sichere Rückkehr zur Erde. Nicht nur der Mars, sondern auch unser Schwester-Planet Venus, die Ressourcen des Asteroidengürtels sowie die Monde des Jupiter und die äußeren Planeten rücken in greifbare Nähe. Hierbei wird es sich um Komponenten eines Raumfahrtprogramms handeln, das eine konzertierte Aktion aus Wissenschaft, Forschung und Anwendung darstellt und sich im Rahmen des gegenwärtigen Etats für die Raumfahrt bewegt. Ich danke Ihnen.
Chronologische Akte Frederick W. Michaels, 1972, Archiv der NASA, NASA-Hauptquartier, Washington, DC.
Mittwoch, 5. Januar 1972 NASA-Hauptquartier, Washington, DC
Gregory Dana hatte den Tag mit einer Diskussion von Rendezvous-Techniken für die geplanten Skylab-Missionen verbracht. Auf dem Gang begegnete er ein paar NASA-Mitarbeitern aus Houston, die sich vor dem Schwarzen Brett versammelt hatten.
»Was ist denn hier los?«
»Wissen Sie das noch nicht? Wir fliegen zum Mars. Nixon hat endlich die Genehmigung erteilt. Sehen Sie hier.« Sie bahnten ihm eine Gasse zum Schwarzen Brett. Auf den ersten Blick sah Dana nichts, das für ihn von Interesse gewesen wäre: Karten für eine Sportveranstaltung, verschiedene Fortbildungsmaßnahmen und ein Akupunktur-Kurs (hier im NASA-Hauptquartier!) und einen Aufkleber in Signalorange mit der schlichten Botschaft JESUS HILFT. Doch dort, halb verdeckt von den banalen Aushängen, war ein engbedrucktes Blatt Papier mit einem Briefkopf. Es handelte sich um eine Verlautbarung von Nixon und eine Anmerkung von Michaels, dem neuen NASA-Direktor. Ein paar Pressemeldungen waren auch ausgehängt: ein >Marsflug-Leitfaden< mit simplen Frage-und-Antwort-Informationshappen über die Mission und ein paar spektakuläre künstlerische Impressionen der verschiedenen Phasen der Mission. Es wurden sogar die Optionen skizziert, die diskutiert und wieder verworfen worden waren.
Danas >Katapult-Modus< wurde jedoch nicht erwähnt.
Seit jener apokalyptischen Phase A-Konferenz, die im Juli in Huntsville stattgefunden hatte, war die Entwicklung der MarsOptionen praktisch an Dana vorbeigegangen. Und nun hörte er zum erstenmal von Nixons Entscheidung - zusammen mit der Putzkolonne des Hauptquartiers und dem Rest der Nation.
Was sollte er nun tun? Noch einen Brief an Fred Michaels schreiben?
Er spürte, wie die Ungerechtigkeit, die schiere Dummheit, ihm ein Loch in den Magen brannte.
Wie dem auch sei, er war aus dem Rennen. Vielleicht wäre Jim wenigstens imstande, ein paar seiner eigenen Träume zu verwirklichen, während diese Entscheidung allmählich in die Praxis umgesetzt wurde.
Dana klemmte sich die Aktentasche unter den Arm und ging.
Zweites Buch.
Trajektoren
Zeitdauer der Mission [Tag/Std:Min:Sek]
Plus 003/09:23:02
York driftete im Schlafsack. Sie war hundemüde, aber der Schlaf wollte sich einfach nicht einstellen. Ihr Steiß war wund, und sie verspürte einen dumpfen Kopfschmerz, als ob eine Erkältung im Anzug wäre. Plötzlich bekam sie Herzrasen, und das Blut rauschte ihr in den Ohren. Sie vermißte den Druck eines Kissens unter dem Kopf, die Sicherheit einer Decke, in die sie sich kuscheln konnte. Zudem war der Schlafsack zu groß: sie stieß laufend gegen die Innenseite. Und bei jeder Bewegung preßte sie das warme Luftpolster, das sich um den Körper gebildet hatte, aus dem Schlafsack und fröstelte infolgedessen.
Nachdem es ihr endlich gelungen war, sich zu entspannen, überkam sie das Gefühl des Falls. Einmal wäre sie fast im Schlafsack verschwunden, doch dann drifteten die Arme nach oben, und eine Hand berührte ihr Gesicht.
Sie schlug die Augen auf.
Sie steckte in der Schlafkabine an der Grundfläche des Missionsmoduls. Die Kabine war etwas größer als ein Schrank und wurde von einem Schirm abgeteilt. An der Fläche über ihr waren eine Lampe, ein Interkom und ein Ventilator. Dann gab es noch Schubladen für persönliche Dinge wie Unterwäsche. Die Laden waren mit Kunststoffnetzen bespannt, um zu verhindern, daß der Inhalt sich überall verteilte.
Licht und Lärm drangen durch den Schirm. Sie hörte das Summen und Surren der Ausrüstung des Missionsmoduls und das gelegentliche Feuern der Lage- und Bahnregelungs-Düsen, welche die Ares auf die Sonne ausrichteten. Bei dem hellen, anti septischen Licht der Messe hinter dem Schirm und dem Geruch nach neuem Metall und Kunststoff kam es ihr so vor, als ob sie versuchte, in einem großen Kühlschrank einzuschlafen.
Anscheinend hatte man ursprünglich geplant, die Schlafkabinen durch massive Türen abzuteilen. Sie erinnerte sich sogar an ein Memo, in dem zu lesen war, die Notwendigkeit der Schaffung einer Intimsphäre für die Astronauten sei >signifikant< - die für die NASA typische, ebenso vage wie euphemistische Ausdrucksweise, wenn es um die Funktion der warmen Körper ging, die zu solchen Kosten in den Weltraum befördert wurden. Doch die Türen waren zugunsten einer Gewichtsersparnis weggelassen worden. Soviel also zur Signifikanz.
Und nun - zu allem Übel - mußte sie auch noch pinkeln.
Sie versuchte den Druck auf die Blase zu ignorieren, doch er stieg weiter an. Mein Gott. Es war aber ihre eigene Schuld; die Fäkalienröhre - die Toilette des Missionsmoduls, die Abfallbeseitigungs-Station - war nämlich so umständlich zu bedienen, daß sie auf ihre Benutzung verzichtete. Zumal der Harndrang sich seit dem Eintreten in die Mikrogravitation verstärkt zu haben schien.
Sie fügte sich ins Unvermeidliche. Sie schälte sich aus dem Schlafsack, schaltete das Licht an und schob den Schirm zurück. Bei jeder Bewegung schmerzte ihr der Rücken wie die Hölle.
Nach dem TOI hatten die Ares-Module den ersten der >Tänze< aufgeführt, welche die Besatzung bis zum Abschluß der Mission würde ertragen müssen. Unter dem Kommando von Stone hatte Apollo mitsamt der Besatzung sich vom Trägersystem getrennt, gedreht und mit der Spitze voran am Missionsmodul angedockt.
Bei der Einweisung ins Missions-Profil hatte man ihnen gesagt, mit der Trennung und dem Andocken zu warten, bis das TOI erfolgt war. Darüber hatte York sich gewundert. Weshalb sollten sie warten, bis sie schon unterwegs zum Mars waren, ehe sie sich vom Mutterschiff lösten? Doch in Anbetracht der Katastrophenszenarien, welche die Planer der Mission zugrundelegten, ergab es in gewisser Weise doch einen Sinn. Falls die MS-II bei der TOI-Zündung explodiert wäre, hätte die Besatzung aus der Apollo aussteigen und mit dem Reserveantrieb zurückkehren können. Und falls die Zündung erfolgreich verlief, das Andocken aber nicht, wäre die Besatzung in der Lage, mit Hilfe des leistungsstarken Triebwerks der Betriebs- und Versorgungseinheit zur Erde zurückzukehren.
Jedenfalls war es der Besatzung nach dem erfolgreichen Andocken gelungen, durch den Kopplungstunnel zu kriechen und das Missionsmodul - ihr interplanetares Zuhause - zu beziehen.
York verdrängte die Frage, ob es überhaupt sinnvoll war, das Raumschiff im interplanetaren Raum zu demontieren.
Sie driftete in die Messe. Sie war leicht wie eine Feder und unverwundbar; sie befand sich geradezu in einem Zustand der Trance. Das Missionsmodul war natürlich viel größer als die Apollo-Kommandokapsel. Doch sie lernte, sich in dieser Umgebung zu bewegen und zu agieren. Bald merkte sie, daß sie keine hastigen Bewegungen ausführen durfte. Sonst stieß sie vielleicht mit der Ausrüstung zusammen, legte aus Versehen einen Schalter um oder beschädigte die Ausrüstung sogar. Überhaupt war Hektik unprofessionell. Sie lernte, sich mit der Grazie eines Tauchers zu bewegen.