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Nur daß das auch nichts geholfen hatte. Mike war wohl so intelligent, daß er erkannte, was sie störte, doch es war auch klar, daß es ihm nicht wichtig war; nicht so wichtig jedenfalls wie der erfolgreiche Abschluß des Projekts.

Sie liebte Mike. Glaubte sie zumindest. Und er liebte sie. Doch sie wußte auch, daß ihre ständige Trennung und die unterschiedliche Bewertung solcher Projekte wie NERVA einen Keil zwischen sie trieb.

Sie erinnerte sich, daß sie ein halbes Jahr, nachdem sie sich kennengelernt hatten, nach Jackass Flats gefahren waren. Und das war mittlerweile drei Jahre her. Vielleicht sollte sie dieses glückliche halbe Jahr als Ausnahme und nicht als Regel betrachten.

Inzwischen hatten die Geologen in Flagstaff die ersten detaillierten Karten vom Mars erstellt - vier Monate, nachdem

Mariner in den Orbit um den Mars gegangen war. York hatte sich Exemplare dieser Karten besorgt und brütete nun darüber.

Der Mars warf alle bisherigen Vorstellungen über den Haufen.

Der Mars war asymmetrisch. Die südliche Hemisphäre war angeschwollen, und das mit Kratern förmlich perforierte Land erhob sich deutlich über Normalnull. Die nördliche Hemisphäre lag größtenteils unter Normalnull und war viel glatter als der Süden. doch im Norden lag Tharsis.

Tharsis war eine Beule im Planeten, deren Größe und Form der Fläche von Südafrika entsprach. Es war, als ob ein Viertel der gesamten Marsoberfläche durch titanische Kräfte angehoben worden wäre. Die Beule befand sich in einem >Spinnennetz< aus Rissen und Spalten: östlich von Tharsis, in der Coprates-Region, zog sich ein Schluchtensystem fast um ein Viertel des Planetenumfangs.

Das alte, kraterübersäte Gelände im Süden wurde von Rinnen und Kanälen durchzogen, die möglicherweise von fließendem Wasser in die Oberfläche gefräst worden waren. Doch heute war kein Wasser auf der Oberfläche zu erkennen, das zur Schaffung solcher Gräben imstande gewesen wäre. Vielleicht war das Wasser verdunstet oder befand sich in unterirdischen Reservoirs.

Das war es, was für sie den Reiz des Mars ausmachte, diese Mischung aus Mondlandschaft und erdähnlichen Witterungsverhältnissen, eine Kombination, die eine außergewöhnliche Welt ergab: sie glich weder der Erde noch dem Mond, sondern hatte eben die charakteristischen Eigenschaften des Mars.

Doch sie hatte damit nichts zu tun.

Sie hatte schon lange erkannt, daß die Arbeit, die sie verrichtete, keine glanzvolle, aber wenigstens eine solide Karriere begründete. Ihre Zukunft lag wahrscheinlich in der kommerziellen Geologie, und sie würde ihr Leben auf Ölfeldern oder in Bergwerken verbringen. Sie konnte sich schon einmal auf Hitze und Kälte, Klapperschlangen, Kuhmist und giftige Pflanzen einstellen.

Kurzum: ihr Berufsleben würde todlangweilig werden.

Sie würde Mike nie sehen. Sie interessierte sich nicht einmal für ihre Arbeit. Und inzwischen verbrachte sie ihre Freizeit damit, in der Phantasie geologische Erkundungen auf der pockennarbigen Oberfläche des alten Mars durchzuführen.

Es lief darauf hinaus, sagte sie sich mit vorbehaltloser Offenheit, daß ihr Privatleben seit Jahren stagnierte. Wie ihr Berufsleben.

Irgendwo im Innern spürte sie den Keim einer neuerlichen Entschlossenheit, wie ein Staubkorn, um das eine neue Zukunft sich kristallisiert.

Ich muß näher an diese Mars-Sache ran. Nicht für Mike, nicht einmal für Ben Priest. Für mich.

Vielleicht gab es eine Möglichkeit. Vielleicht erhielt sie im Raumfahrtwissenschaftlichen Laboratorium hier in Berkeley eine Anstellung, in diesem großen weißen Gebäude auf dem Gipfel des Grizzly Peak.

Sie stieg aus dem Bett, grub den Schnellhefter mit Fotos vom Mars aus und widmete sich wieder dem Studium der erodierten Krater.

Donnerstag, 7. Juni 1973

Lyndon B. Johnson-Raumfahrtzentrum, Houston (das ehemalige Zentrum für Bemannte Raumfahrt)

Phil Stone war der erste, der die Weiterungen von Segers Aussage begriff.

»Mein Gott«, sagte er. »Sie wollen uns zum Mond schicken. Richtig?«

»Ja. Ja, das ist richtig. Das habe ich vor. Ich will Ihnen eine Saturn V geben und Sie in einen Orbit um den Mond schicken.«

Chuck Jones starrte Seger an, wobei sein breites Gesicht sich vor Erstaunen in Falten legte. »Natürlich wollen Sie das.«

Für lange Sekunden saßen die drei schweigend da.

Stone war wie betäubt; in diesem sterilen, nüchternen Büro, noch dazu am frühen Morgen, vermochte er eine solche Neuigkeit nicht zu verarbeiten.

Skylab B, die zweite Saturnmission im Erdorbit mit der Arbeitsbezeichnung >Nasse Werkstatt< sollte Stones erster Flug ins All werden. Er hatte sich schon seit Monaten auf die wissenschaftlichen und praktischen Anforderungen der Mission vorbereitet. Und nun wollte Seger alles über den Haufen werfen und ihn zum Mond schicken? Mein Gott.

Seger befingerte die Spange am Revers. »Sie müssen das größere Bild im Auge haben. NERVA steht wieder auf der Kippe. Das Testprogramm wurde eingestellt, wodurch wiederum Mittel für eine Saturn V frei wurden. Und wir müssen sie nutzen, denn sonst verlieren wir sie. Also will ich sie nutzen, um euch Jungs damit auf eine Mondumlaufbahn zu schicken.«

Stone runzelte die Stirn. »Die Saturn V ist doch gerade für den bemannten Raumflug bestimmt. Wie sollen wir sie dann verlieren?«

Seger zuckte die Achseln. »Wir haben die Kiste zwar gebaut, aber wir haben noch nicht das Geld, um sie auch fliegen zu lassen.«

»Wir können nicht zum Mond fliegen«, knurrte Chuck Jones. »Wir warten noch immer auf das J-2S.« Stationen für den Mondorbit waren zwar geplant, doch die Umsetzung würde noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. Zuvor mußte die S-IVB umfassenden Modifikationen unterzogen werden: das modernisierte J-2S-Haupttriebwerk, die Erhöhung der Nutzlastkapazität, eine automatische Trimmung für den Schwund in den Brennstofftanks, elektrische Heizdecken und Mylar-Isolierung, zusätzliche Batterien, eine modernisierte Elektronik. »Die beschissene S-IVB hat nicht mal genug Leistung, um aus eigener Kraft auf eine Mondumlaufbahn zu gelangen.«

»Nein, hat sie nicht. Aber die Leistung reicht trotzdem aus. Sehen Sie.« Seger hatte ein paar Hochglanzbroschüren auf dem Schreibtisch liegen, die er nun verteilte.

Stone überflog sein Exemplar. Es handelte sich um eine Zusammenfassung einer alten McDonnell-Douglas-Studie mit der Bezeichnung LASSO. Aus ihr ging hervor, wie man unter Zuhilfenahme von Saturn-Komponenten im Mondorbit Stationen unterschiedlicher Komplexität und Masse einrichten konnte. Die Broschüre bestand durchweg aus isometrischen Graphiken, farbigen Darstellungen und fettgedruckten Textabschnitten. Und natürlich war das Elaborat - schließlich war es vom Hersteller der S-IVB erstellt worden - über die Maßen optimistisch: ein paar der projektierten Daten gehörten bereits der Vergangenheit an.

»Sehen Sie Abschnitt 1.« Seger wies auf die entsprechende Stelle in der Präsentation. »Hieraus ist ersichtlich, daß wir in der Lage sind, auch ohne das modernisierte J-2S eine Station in die Mondumlaufbahn zu bringen.«

Auf den ersten Blick verlief der Start einer Saturn V wie bei einer Apollo. Doch anstelle einer Mondlandekapsel würde das Zusatztriebwerk ein Luftschleusen-Modul befördern, das an der Vorderseite der dritten Stufe angebracht war.

Die S-IVB würde das Raumschiff zum Mond schicken. Wie bei den Mondlandungen. Doch wenn die dritte Stufe ausgebrannt war, würde sie nicht abgestoßen werden. Die Apollo würde abkoppeln und über die Kopplungsöffnung an der leeren Stufe andocken. Dann würde die Mehrstufenrakete einer langen Raumflugbahn mit geringem Energiebedarf zum Mond folgen: anderthalb Tage länger als die dreitägigen der Landemanöver. Schließlich würde das Haupttriebwerk der Betriebs- und Versorgungseinheit von Apollo die Rakete abbremsen und auf eine Umlaufbahn um den Mond bringen.