Die leere Stufe würde in etwa das gleiche Gewicht und die gleichen dynamischen Eigenschaften haben wie eine beladene Mondlandekapsel. Also wäre eine Apollo durchaus in der Lage, sie auf eine Mondumlaufbahn zu bringen. Die einzigen Modifikationen, die noch an der S-IVB vorgenommen werden müßten, würden sich auf die übliche Passivierungs- und Neutralisierungs-Ausrüstung beschränken - Ausrüstung, um die Stufe von einem trockenen Brennstofftank zu einer ArbeitsStation umzurüsten - sowie Träger und Gestelle für die Ausrüstung. Man würde Vorräte für einen vierwöchigen Aufenthalt auf der Mondumlaufbahn hinaufschicken und die Station anschließend für spätere Besatzungen modifizieren.
Je eingehender Stone sich mit der Materie befaßte, desto mehr war er von der Durchführbarkeit überzeugt. Es wäre, so wurde ihm bewußt, zu schaffen. Aber...
»Wieso?«
Jones schaute von seiner Lektüre auf; Seger musterte Stone mit durchdringendem Blick.
»Wieso was?«
»Wieso tun wir das überhaupt, Bert? Im Grunde ist das nur eine Spritztour in den Weltraum. Wir müssen wegen der Gewichtseinsparung so viele Geräte weglassen, daß Skylab B bei den wissenschaftlichen Projekten deutliche Abstriche machen muß.«
»Ich kenne die Problematik, Phil. Aber wir können den ganzen Kram doch auch mit dem zweiten Flug hochschicken, oder? Dann wird bei Ihrem Flug der Schwerpunkt eben eher auf der Flugerprobung als auf der Wissenschaft liegen.« Seger war ein dünner Mann mit einer intensiven Aura. Er hatte schwarzes, zurückgekämmtes Haar und einen dunklen Teint; Stone ging er jedenfalls auf die Nerven. »Wenn Sie einmal auf meinem Stuhl sitzen, Phil, müssen Sie den Nutzen für das Programm als Ganzes im Auge haben. Sie dürfen den Blickwinkel nicht nur auf Ihre Mission verengen. Ja, es ist eine Spritztour. Aber was für eine. Sie wird uns wieder an die Spitze katapultieren.«
Jones kam nun auf das Training für die Erdorbit-Missionen zu sprechen, das sie inzwischen abgeschlossen hatten. »Und was ist mit den Russen?« Die Sowjets hatten den Vorschlag unterbreitet, im Erdorbit mit einem Sojus-Raumschiff an Skylab-B anzudocken. »Es würde schon an ein Wunder grenzen, diese Spritztour in eine Rendezvous-Mission im Mondorbit zu verwandeln«, sagte Jones. »Ich meine, die Russkis haben bisher noch keinen einzigen Kosmonauten über den Erdorbit hinausbefördert.«
»Die Sowjets behaupten noch immer, daß sie in ein paar Jahren zumindest in der Lage wären, ein Schiff auf eine Mondumlaufbahn zu schicken - innerhalb der Lebensdauer der Station«, sagte Seger. »Dann wäre das also zu schaffen. Und selbst wenn es nicht zu schaffen ist, könnten wir die Sache mit den Russen vielleicht zu einem schlichten Andockmanöver mit einer Apollo im Erdorbit reduzieren. Davon abgesehen, vergessen Sie die Russen einmal. Chuck, Sie werden Neuland betreten und eine Raumstation im Mondorbit ausrüsten. Niemand hat bisher auch nur etwas annähernd Vergleichbares unternommen. Ich sagte mir, daß diese Herausforderung Sie vielleicht reizen würde.«
Jones machte einen nachdenklichen Eindruck.
Stone wußte, daß Seger die richtigen Knöpfe drückte, was Jones betraf. Die Vorstellung deprimierte ihn.
Bis zu einem gewissen Punkt vermochte Stone sich sogar in Seger hineinzuversetzen. Paradoxerweise war die Moral der NASA seit der Mars-Entscheidung gesunken. Viele Mitarbeiter hatten an dem eingestellten Raumfähren-Programm gearbeitet, das sie als technische Herausforderung begriffen hatten. Im Vergleich hierzu basierten die Skylabs auf dem Stand der Technik der frühen Sechziger. Außerdem hatten die ständigen Etatkürzungen den Elan der NASA ohnehin gebremst.
Wenn man die Raumfahrtindustrie betrachtete, arbeiteten gerade einmal hunderttausend Leute an den verschiedenen Raumfahrtprogrammen, verglichen mit dem Spitzenwert von einer halben Million während der Apollo-Phase. In Houston, Marshall und den anderen Zentren wurden sogar Entlassungen geplant.
Inzwischen war die NASA wegen der ersten orbitalen Raumstation, Skylab 1, ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Pete Conrad hatte die erste Mission zur Inbetriebnahme von Skylab geleitet. Die zweite Mission hatte militärischen Charakter gehabt, um das Verteidigungsministerium nach der Streichung der Raumfähre zu besänftigen. Ken Mattingly, ein ApolloVeteran, hatte eine Mannschaft aus militärischen Astronauten geführt - >Raumfahrt-Pioniere< - und im Rahmen eines Geheimprogramms Spionagesatelliten, Strahlungsmeßgeräte und verschlüsselte Nachrichtenstrahlen getestet. Die bisherigen NASA-Flüge hatten bewußt vor den Augen der Öffentlichkeit stattgefunden - eine Politik, die auf Kennedy zurückging.
Der US-Nachrichtendienst hatte inzwischen erfahren, daß sowjetische Kosmonauten in Saljut-Schiffen als Beobachter bei Manövern in Sibirien fungiert und den Kommandeuren auf dem Schlachtfeld in Echtzeit taktische Informationen übermittelt hatten.
Viele Leute waren über die Militarisierung des Weltalls unglücklich und betrachteten diese Entwicklung als Verrat an den hehren Prinzipien von Apollo. Und Jack Kennedy hatte öffentlich dagegen protestiert.
Also hatte Seger vielleicht recht damit, daß ein Flug ins All die Moral der Nation heben würde. Dennoch blieb es eine Spritztour.
Stone hatte selbst eine militärische Ausbildung. Doch hatte er sich nicht aus dem Grund am Raumfahrtprogramm beteiligt, um Spione im All zu plazieren oder waghalsige Einsätze zu fliegen. Für ihn stellte dieses Vorhaben einen faulen Kompromiß dar. Die Wissenschaft wurde auf dem Altar der Politik geopfert. Wie in den alten Zeiten.
Und in seinen Augen sprach das nicht gerade für Segers Urteilsvermögen.
Nun beendete Seger die Diskussion. »Chuck, Phil, eine solche Gelegenheit müssen Sie beim Schopf packen. Ein Flug zum Mond ist jetzt genau das Richtige. Die Nation braucht dringend ein Erfolgserlebnis: in dieser Minute sagen zwei Mitarbeiter des Weißen Hauses vor dem Senat gegen den Präsidenten aus. Und was die Risiken betrifft - erinnern Sie sich, daß Apollo 8 schon bei der zweiten bemannten Apollo-Mission zum Mond geflogen ist, mit der ersten bemannten Saturn V und der ersten V, die nach der unbemannten Apollo 6 geflogen ist, die immerhin ein Fehlschlag war.«
Nun verstand Stone. Seger hatte seine Biographie gelesen. Hier ist Berts Apollo 8. Zurück zum Mond! Ein grandioser Flug: er würde Geschichte schreiben. Und Skylab B soll dafür geopfert werden.
»Bedenken Sie nur«, sagte Seger, »welchen Auftrieb uns das geben wird, wenn Sie Erfolg haben.«
»Wenn, Bert«, sagte Jones. »Wenn.«
Nachdem er noch einmal darüber nachgedacht hatte, war Stone auch nicht glücklicher.
Aber er wollte ins All fliegen. Wenn er diese Kröte schlucken mußte, um das zu erreichen, dann würde er sie eben hinunterwürgen.
Zumal - wie Stone mitten in der hektischen Trainingsphase erkannte - ihm die Vorstellung gefiel, zum Mond zu fliegen.
Freitag, 20. Juli 1973 Mason City, Iowa
Der Artikel ging über die ganze Breite der gestrigen Ausgabe der Washington Post. Ralph Gershon saß in der öffentlichen Bibliothek seiner Heimatstadt und las den Artikel immer wieder durch.
...Amerikanische B-52-Bomber haben in den Jahren 1969 und 1970 während einer Reihe von Einsätzen etwa 104000 Tonnen Bomben über kommunistischen Stützpunkten im neutralen Kambodscha abgeworfen... Das Pentagon hatte die geheime Bombardierung am Montag bestätigt, nachdem ein ehemaliger Major der Luftwaffe berichtet hatte, daß er Berichte über Lufteinsätze über Kambodscha gefälscht und Unterlagen über die tatsächliche Anzahl der Bombenangriffe vernichtet hatte...