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Die Bar im Holiday Inn war ziemlich voll. Es war der fünfte Juli, der Tag nach der Zweihundertjahrfeier. Wimpel hingen an den Wänden, und aus gegebenem Anlaß gab es noch andere Dekorationsgegenstände: ein paar Zeitungsfotos von der >Operation Sail<, der großen Regatta im Hafen von New York und vergilbte Handzettel für diverse Veranstaltungen.

York erspähte einen Tisch in der Ecke. Als Ben ging, um die Getränke zu holen, schnappte sie sich den Ordner und breitete die sowjetischen Bilder auf dem Tisch aus.

Bei den ersten Bildern handelte es sich um Fotomontagen für PR-Z wecke: das Modell einer Mars 9-Landekapsel auf einer Nachbildung der Marsoberfläche. Die Kapsel schlug auf die Oberfläche auf, nahm die Form einer Kugel an und fuhr dann vier Träger mit Instrumenten und Antennen aus. In der Endphase glich die Kapsel einer geöffneten Blüte mit einem Durchmesser von etwa einem Meter.

Ben kam mit den Getränken zurück: Bierflaschen, die noch mit einer glitzernden Reifschicht überzogen waren.

Sie schob die PR-Fotos über den Tisch. »Sieh dir nur diesen Mist an. Roter Sand und blauer Himmel.«

Er lachte. »Das kannst du den Sowjets nicht anlasten. Wir hatten doch selbst mit einem solchen Anblick gerechnet. Das Problem ist nämlich, daß wir uns den Mars als Ebenbild der Erde wünschen.« Er nahm eins der Bilder. »Ist ihre Marslandekapsel nicht trotzdem schön?«

»Ja, sicher«, knurrte York. »Aber Viking wäre noch viel schöner gewesen. Viking hätte stereoskopische Kameras, eine vollwertige meteorologische Station und vier biologische Experimentalträger gehabt. Und Voyager wäre ein richtiges Fahrzeug gewesen.« Voyager, eine schwere Marssonde, die von einer Saturn V ins All geschossen werden sollte, war den Etatkürzungen von 1967 zum Opfer gefallen, und die Viking-Landekapseln waren 1972 gestrichen worden. »Stell dir das mal vor. Wenn wir diese sowjetische Sonde nach einem Flug von ein paar hundert Millionen Kilometern sehen wollen, ist sie nicht da. Traurig.«

Er hob die Hände. »Was soll ich dazu sagen. Wie dem auch sei, so schlechte Arbeit haben die Sowjets nun auch wieder nicht geleistet.«

»Wir hätten es besser gemacht, Ben. Das weißt du auch.«

Um diesen Effekt zu erzielen, hätte die NASA nur eine weitere Mariner-Sonde einsetzen müssen, die hochauflösende Aufnahmen von der Landezone hätte machen und eine Gesteinsprobe mit Atmosphäreneinschluß nehmen können. Es war wie das Mondprogramm der sechziger Jahre; das unbemannte wissenschaftliche Programm war den operativen Erfordernissen der anstehenden bemannten Mission völlig untergeordnet worden. Die mit hochwertigen Kameras bestückte neue Mariner war keine wissenschaftliche Sonde, sondern ein >Fernspäher< für die bemannten Missionen. Und wir hätten wenigstens zwei Vikings hochschicken können.

Inzwischen schickten auch die Sowjets ihre primitiven Sonden zum Mars, jedoch mit einer rein wissenschaftlichen Ausrichtung. Eigentlich hatten die Sowjets schon seit 1960 alljährlich Sonden zum Mars geschickt. Von den diesjährigen Sonden hatte Mars 8 versagt, doch Mars 9 hatte am Vortag die ersten Aufnahmen von der Oberfläche zur Erde gefunkt - am amerikanischen Unabhängigkeitstag. Die erste Marslandekapsel der Menschheit hatte den Sowjets einen gewaltigen Propagandaerfolg beschert.

Priest holte noch mehr Bilder aus dem Ordner. »Hier. Das wolltest du doch sehen.«

Sie griff sich die Aufnahmen und sichtete sie begierig. Die Bilder waren aufgrund der geringen Auflösung körnig. Aber sie waren in Farbe. Bald war der Tisch mit Bildern von verkrustetem, rostbraunem Mars-Regolith, einem felsigen Horizont und einem rosafarbenen Himmel bedeckt.

»Diese Bilder sind nur für den Dienstgebrauch am JPL bestimmt«, sagte Ben. »Die Sowjets haben sie uns zukommen lassen, weil wir ihnen Mariner-Aufnahmen ihrer Landezone in Hellas zur Verfügung gestellt hatten. Du hast sie also nie gesehen. In Ordnung?«

»Sicher.« Ihr Herz schlug höher. »Meine Güte, Ben, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich darüber freue. Ich hätte sonst Monate gebraucht, um an diese Aufnahmen zu kommen.«

Er berührte flüchtig ihre Hand; seine Hand war kühl und trocken, und die Berührung erschreckte sie irgendwie. »Es bedeutet mir viel, dich so zu sehen, mußt du wissen.«

Sie schaute auf ihre Hand, die von der seinen umschlossen wurde. Sie war verwirrt und spürte einen Widerstreit der Gefühle. Dann war ihre komische Beziehung mit Ben Priest also immer noch komisch.

Sie zog die Hand zurück. Sie wollte nicht mehr daran denken. Nicht, wenn sie den Mars vor sich auf dem Tisch liegen hatte.

Die sowjetische Landekapsel saß inmitten einer weiten, gewellten Landschaft aus einem ockerfarbenem Material. Felsbrocken waren zwischen flachen Dünen verstreut. In ihren Augen bestand eine Ähnlichkeit mit den Steinwüsten Nordafrikas, Nordamerikas und Asiens. Ein paar Aufnahmen zeigten Ausrüstungsgegenstände der Landekapsel selbst: einen geöffneten Instrumententräger, der auf dem Boden ruhte, ein paar Geräte rustikaler sowjetischer Machart und ein paar weißlackierte Kästen, die mit dem rosigen Himmel kontrastierten. Ein anderes Foto zeigte einen Greifarm für die Entnahme von Proben, der gleichsam im Triumph gen Himmel gereckt war. Sie erkannte Gräben, die der Arm aus dem sandigen Regolith gebaggert hatte.

Es wirkte höchst real, und die Steine waren so plastisch abgebildet, daß sie versucht war, in die Bilder zu greifen und die Steine aufzuheben.

»Natalie? Ist alles in Ordnung?«

Sie schaute zu ihm auf. Er verschwamm vor ihren Augen, und sie spürte, daß eine warme Flüssigkeit ihr die Wange hinunterlief.

»Natalie?«

»Ja.« Mit einer Serviette wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht. »Entschuldigung.«

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.«

»Ich hatte eben das Gefühl, dort zu sein. In dieser Landekapsel, auf dem Mars.«

Ich weiß genau, wo ich bin.

Ich bin in Hellas. Einem der tiefsten Einschlagbecken auf dem Planeten.

Es ist kurz vor der Sonnenwende: im tiefsten Winter, hier in der südlichen Hemisphäre des Mars.

Die rötliche Oberfläche ist mit Felsbrocken übersät. Dort drüben zwischen den Dünen erkenne ich etwas, das nach Einschlagkratern aussieht. Diese Dünen bestehen offenbar aus Flugsand. Und ich erkenne noch weitere Windeffekte, zum Beispiel diese Spuren aus feinkörnigem Sand, die sich zwischen den Felsen hinziehen. Das sagt mir, daß der Wind hier konstant aus einer Richtung weht.

Doch es ist auch offensichtlich, daß die Morphologie der Landschaft nicht allein auf Erosion und Windablagerungen beruht. Dort drüben erkenne ich Abschnitte einer harten, gefritteten Oberfläche. Gefrittet bedeutet eine Kruste aus Mineralsalzen, ein Endprodukt der Verdampfung.

Es hat hier Wasser gegeben, das die Oberfläche geformt hat...

Er bestellte noch ein paar Biere, und sie trank, bis sie beschwipst war.

»Und nun schau dir das mal an.« Ben legte ihr eine Fotokopie vor. »Das ist der Hit.«

Sie überflog den Text. Es handelte sich um ein Manuskript von Boris N. Petrow, Biowissenschaftler und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Der Bericht war zurückhaltend formuliert und in der Fachsprache einer Disziplin abgefaßt, die ihr nur ansatzweise vertraut war. Obendrein wies der Text noch die offizielle sowjetische Sprachregelung auf.

Sie legte das Papier aus der Hand. »Es ist so verdammt vage. Ich werde kaum schlau daraus.«

»Ja.« Er schwenkte das Glas. »Allerdings sind die Resultate genauso vage. Beim biowissenschaftlichen Experiment wird ein Gaschromatograph-Massenspektrometer verwendet.«

»Wir hätten das besser gemacht. Viking wäre mit.«

»Ja, ich weiß. Wie dem auch sei, der GCMS hat nach organischen Molekülen im Regolith gesucht.«