»Und?«
»Der GCMS hat nichts gefunden, Natalie.«
»Nichts? Aber das ist unmöglich.«
Organische Moleküle waren nicht notwendigerweise ein Nachweis für Leben. >Organisch< bedeutete lediglich >auf Kohlenstoffbasis<. Trotzdem waren organische Moleküle eine notwendige Vorstufe für erdähnliches Leben, und man hatte erwartet, daß sie auch auf dem Mars vorkamen; organische Substanzen waren sogar in Meteoriten von der Peripherie des Sonnensystems gefunden worden.
»Die Jungs am JPL vermuten, daß auf dem Mars ein Prozeß abläuft, der organische Verbindungen zerstört«, sagte Ben. »Ultraviolette Strahlen von der Sonne vielleicht.«
»Dann ist die Oberfläche also sterilisiert.« Sie war am Boden zerstört. Ihr wurde bewußt, daß sie wider alle Vernunft gehofft hatte, auf die eine oder andere Lebensform zu stoßen. Vielleicht eine robuste Flechte, die sich in den Windschatten eines Felsens krallte. »Der Mars ist tot.«
»Sollte ein renommierter Wissenschaftler wie du wirklich solche voreiligen Schlüsse ziehen?« Er brachte ein weiteres Papier zum Vorschein. »He, hör dir das mal an. Es stammt von ihrem Meteorologen-Team. Die Winde am späten Nachmittag wehten wieder vorwiegend aus östlichen Richtungen. Erneut drehten die Winde nach Mitternacht auf Südwest und wehten für einen Zeitraum, der zwei Zyklen zu entsprechen scheint, mit geringen Abweichungen aus dieser Richtung. Die maximale Windgeschwindigkeit betrug sieben Meter pro Sekunde, doch es wurden auch Böen mit Spitzengeschwindigkeiten von etwa dreizehn Metern pro Sekunde registriert. Das TemperaturMinimum, gemessen bei Einbruch der Dämmerung, entsprach fast dem Wert vom Vortag: minus sechsundneunzig Grad Celsius. Das Maximum, gemessen um vierzehn Uhr sechzehn Ortszeit, betrug minus dreiundvierzig Grad - zwei Grad kälter als zur gleichen Zeit am Vortag. Der mittlere Druck. Mein Gott, Natalie, das ist ein Wetterbericht vom Mars.«
Sie schaute zu ihm hoch. Er hatte einen sanften Ausdruck auf dem Gesicht, und die blauen Augen schienen geradewegs in sie hineinzublicken.
Seit Jahren, so sagte sie sich, hatte sie Kurs auf Ben Priest genommen - vielleicht auf diesen Moment -, wie ein steuerloses Raumschiff auf der Flugbahn zum Zielplaneten.
Sie rückte an ihn heran und beugte sich über die Fotos vom Mars. Ihre Lippen berührten sich sanft, fast furchtsam. Seine Haut war kühl und etwas rauh. Sie drückte sich wieder an ihn, und diesmal wurde es ein richtiger Kuß.
Das hat verdammt lang gedauert. Ben Priest und der Mars. Es war eine passende Kombination.
Schließlich lösten sie sich wieder voneinander.
Er tätschelte ihr die Wange. »Wie, zum Teufel, komme ich denn dazu?«
»Die Sowjets senden Bilder von der Marsoberfläche«, sagte sie. »Das ist ein großer Tag für uns und die Menschheit. Vielleicht sogar ein Schritt in der Evolution. Wie sollte man das sonst feiern?« Sie holte den Zimmerschlüssel aus der Tasche ihrer Bluse. »Komm.«
Ben war schon lang eingeschlafen, und York war immer noch wach. Es war eine höllische Nacht gewesen; die Dunkelheit war mit Wärme und Feuchtigkeit gesättigt. Die Laken lagen lose auf ihr und hinterließen ein klammes Gefühl auf der Haut. Sie hörte das Ticken des Weckers neben dem Bett und das Knarren der sich abkühlenden Rolläden. Aufnahmen der Mars 9 und Computerausdrucke waren am Fußende des Betts auf dem Boden verstreut, und obendrauf lagen die Kleider.
Sie spürte die Wärme von Ben neben sich. Ben war um den Mond geflogen, und nun lag er hier, in ihrem Bett.
Sie erinnerte sich an Bens Frage. Woher, zum Teufel, kommt das denn? Genau das war die Frage. Und wohin gingen sie nun?
Sie fragte sich, ob sie ihn auf Karen und die Kinder ansprechen sollte.
Er hatte sie nicht erwähnt; York wußte nicht einmal, wo Karen sich im Moment aufhielt. Er hatte ihr nur gesagt, daß sie Probleme mit ihrem Sohn hatten: der junge, enthusiastische Petey hatte sich zu einem Peter gewandelt, einem schwierigen Siebzehnjährigen, der die Wände seines Zimmers schwarz gestrichen - und die Bilder von den Sternen und Astronauten überpinselt hatte. Er verbrachte nun mehr Zeit damit, Alice Cooper zu hören als sein Vater.
Ben sprach zwar kaum darüber, aber sie sah ihm an, daß es ihm Kummer bereitete. Ben sprach überhaupt kaum von seiner Familie.
Und York war ein heuchlerisches Arschloch. Vor ein paar Stunden war Karen ihr noch scheißegal gewesen.
Würde Ben Karen jemals verlassen? Offensichtlich waren sie schon lang zusammen. Und sie war eine Seemannsbraut gewesen. Karen hatte Ben geheiratet, obwohl sie wußte, daß sie oft allein sein und sich um ihn Sorgen machen würde. Vielleicht glaubte Ben, ihr Loyalität zu schulden.
Und wenn er sie verließ - was dann? Würde York ihn überhaupt wollen?
Und was war mit Mike?
Es war, so sagte sie sich, ein einziges Chaos. Es war schwer zu verstehen, daß eine Person mit einer derart ausgeprägten Rationalität und Logik nicht imstande war, ihre Beziehungen zu einer Handvoll Leute zu regeln.
Sie dachte nicht weiter darüber nach, sondern hob den Ordner vom Boden auf und vertiefte sich in den Inhalt der sowjetischen Akte.
Sie stieß auf RSF-Ergebnisse. Das RöntgenstrahlenFluoreszenz-Gerät hatte eine Analyse der Zusammensetzung des Mars-Regolith zur Erde übermittelt. Sie überflog die Analyse. Siliziumdioxid: fünfundvierzig Prozent; Eisenoxid: achtzehn Prozent. Es gab reichlich Silizium, Eisen, Magnesium, Aluminium, Kalzium und Natrium. Allerdings wichen die prozentualen Anteile von irdischem Gestein ab. Eisen überwog. Kalium hingegen kam kaum vor. Das war wohl signifikant; es bedeutete nämlich, daß das Marsgestein homogener war als das irdische Gestein, das durch die Erdwärme getrennt wurde. Vielleicht hatte der Mars gar keinen Nickel- und Eisenkern wie die Erde.
Sie fluchte stumm und erging sich dann in Spekulationen. Diese Daten waren nicht repräsentativ. Die sowjetische Landekapsel war nämlich nur an einem Punkt des Planeten heruntergegangen, dessen gesamte Oberfläche der Fläche der irdischen Landmasse entsprach. Und sie mußte sich nur das Foto des Greifarms ansehen, um seinen begrenzten Nutzwert zu erkennen. Er vermochte nur loses, bröckliges Material einzusammeln, das die Geologen als fines bezeichneten. Das genügte aber nicht für ein vollständiges Bild.
Wir brauchen jemanden, der mit Spaten und Hammer aus der Landekapsel steigt.
Nachdem sie die anfängliche Enttäuschung nun überwunden hatte, waren die biowissenschaftlichen Ergebnisse ihr egal. Es war die Geologie, die sie faszinierte; das Leben war schließlich nur die >erste Ableitung< der Geologie. Dennoch wäre gegen ein positives biowissenschaftliches Ergebnis auch nichts einzuwenden gewesen. Wenn irgendein Vieh auf Siliziumbasis vor der verdammten russischen Kamera herumgehopst wäre, würden wir schon morgen zum Mars fliegen. Ein fossiler Trilobit hätte aber auch schon genügt.
Sie erinnerte sich an die unscharfen Bilder von Mariner 4. Und an die erstaunlichen Bilder von Phobos und Olympus Mons, die von Mariner 9 stammten. Durch diese Sonden hatte die Menschheit in den letzten zehn Jahren mehr über den Mars gelernt als im Verlauf der bisherigen Geschichte. Sie war froh, in einer solchen Zeit zu leben, wo so viele alte Geheimnisse gelüftet wurden.
Glücklich. Vielleicht.
Doch es war, als ob sie den Lockruf des Mars hörte.
Sie legte die Berichte aus der Hand. Sie mußte aufhören, sich selbst etwas vorzumachen. Dieses Tröpfeln von Daten war nicht genug. Sie wollte die nächsten dreißig Jahre nicht so verbringen, wie sie die letzten drei verbracht hatte: über körnigen Mariner-Bildern brüten und Hypothesen aufstellen, die zu beweisen sie nie imstande sein würde. Ich will zum Mars fliegen, verdammt. Ich will mich mit allen vieren auf den steinigen Boden niederlassen, einen Graben ausheben und die behandschuhten Finger in die Erde graben. Ich will den rosigen Himmel und die Zwillingsmonde sehen, den Gipfel von Olympus Mons besteigen und an der Kante des Volles Marineris stehen...