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Der Mars, der Zug um Zug seine Geheimnisse preisgab, übte einen verführerischen Reiz auf sie aus. Ihr wurde nun bewußt, daß Ben das schon früher erkannt hatte als sie selbst. Ganz zu schweigen von Mike, der ohnehin kaum über seinen eigenen Tellerrand hinausblickte.

Doch der Traum, die Ambitionen an sich, waren nicht das Problem. Das Problem war, daß sie als >Seiteneinsteiger< eine Chance hatte, zum Mars zu fliegen. Ben wurde nicht müde, ihr zu erzählen, daß sie das richtige Alter und die richtige Qualifikation hätte, um sich bei der NASA zu bewerben.

Das Problem war, daß sie es vielleicht wirklich versuchen würde. Doch in dem Moment, wo sie in die NASA eintrat und zum Mars zu fliegen versuchte, würde sie ihr ganzes Leben wegwerfen. Sie würde wieder zur Schule gehen und ein ebenso endloses wie sinnloses Training mit diesen Arschlöchern von der NASA absolvieren müssen, und sie würde vielleicht ein paar Jahre im Erdorbit verbringen und Arbeiten verrichten müssen, die mit ihrer eigentlichen Ausbildung nichts zu tun hatten.

Und es würde wahrscheinlich auch bedeuten, daß sie nie Kinder haben würde.

Wollte sie das alles wirklich opfern und sich einer solchen Strapaze unterziehen, nur für die vage Chance, auf den Hängen von Tharsis umherzuspazieren?

Doch es juckte sie in den Fingern, im Dreck zu wühlen und die lockere Kruste der Marsoberfläche abzutragen.

Am nächsten Tag wollte sie sich mit Mike treffen. Sie hatte in Los Angeles ein Hotelzimmer reserviert, das ihnen für einige Zeit als Liebesnest dienen sollte.

Nach der letzten Nacht hatte sie jedoch ein schlechtes Gefühl wegen der Besprechung oder Verabredung oder wie auch immer sie es in diesem Stadium der Beziehung zu Mike nennen sollte. Aber dann entschied sie sich doch, ihn zu besuchen; sie glaubte, keine andere Wahl zu haben.

Vor dem Abschied kramte Ben einen Zettel aus der Jackentasche. »Hier«, sagte er. »Für dich.«

Achtzehn Stunden später, im Hotelzimmer in LA, massierte York die Spannung aus Mikes Schultern, und schließlich schlief er ein.

York hingegen lag hellwach da.

Sie war steif und fror ein wenig, und die zerknitterten Laken drückten im Rücken. Die wohltuende Wirkung der Schnäpse aus der Mini-Bar war verflogen, und nur ein schaler Nachgeschmack geblieben.

Über eins mußte sie mit Mike noch reden.

Sie öffnete die Nachttischschublade und holte Bens Zettel heraus.

Im weichen Glühen der Lichtsplitter an der Decke vermochte sie den Text nicht zu lesen, erkannte aber ein paar Bilder: das berühmte Foto von Joe Muldoon auf dem Mond, die behandschuhte Hand auf der Brust, und kleine schematische Grafiken von Raumschiffen, die im Sonnensystem umherflogen. An der Rückseite war ein Bewerbungsbogen zum Abtrennen; sie fuhr mit dem Finger über die Perforation.

Der Handzettel war im Auftrag der NASA von der Nationalen Akademie der Wissenschaften herausgegeben worden und hatte den Titel Verwendungsmöglichkeiten für Wissenschaftler als Astronauten« Er malte die Zukunft im All in leuchtenden Farben: erweiterte Laboratorien im Erd- und

Mondorbit, permanente wissenschaftliche Stationen auf der Oberfläche, als Fortsetzung der ersten zaghaften Schritte von Apollo. Und dann wurden die Ziele der NASA über den Mond hinaus dargelegt:    die    erste bemannte Mars-Mission,

Umkreisungen der    Venus    - und bemannte    Flüge    zu den

Asteroiden und den Jupiter-Monden.

Es war ein Bewerbungsbogen für einen Astronauten.

Erst hatte sie den Zettel schon wegwerfen wollen. Sie war zutiefst enttäuscht    von    diesem Mülclass="underline" typische    NASA-

Träumereien, die ein unbegrenztes Budget und politische Unterstützung voraussetzten. Und dafür sollte sie ihre Karriere opfern und ein Jahrzehnt ihres Lebens wegwerfen? Schließlich war nichts an diesem erstaunlichen Programm real.

Nichts davon. Außer vielleicht dem Mars.

Die Probleme waren hinlänglich bekannt: Mikes NERVA-Programm lag Jahre hinter dem Zeitplan zurück, es waren Verzögerungen in    der    Entwicklung des    neuen    Saturn

Zusatztriebwerks eingetreten, und das Projekt der Marslandekapsel war unterfinanziert und hatte immer noch keine klare Zielsetzung. und so weiter. Am Ende, falls der NASA überhaupt ein Erfolg beschieden war, würde der Flug zum Mars wahrscheinlich so ablaufen wie der Flug zum Mond: nicht im Rahmen einer langfristigen, integrierten Strategie der Erforschung des Sonnensystems, wie dieses Flugblatt suggerierte, sondern als riskante, singuläre Aktion. Eine andere Arbeitsweise schien angesichts der Organisationsstruktur der NASA auch nicht möglich.

Dennoch waren Fortschritte zu verzeichnen, und die Finanzierung schien zumindest mittelfristig gesichert. Jimmy Carters Einstellung zur Raumfahrt mußte sich erst noch erweisen, aber Ben hatte ihr gesagt, Fred Michaels, der NASA-Direktor, hätte sein Gewicht hinter Ted Kennedy als Vizepräsident in die Waagschale geworfen und ihm geholfen, die Nominierung gegen Walter Mondale zu sichern - der sich schon seit den sechziger Jahren als Kritiker des Raumfahrtprogramms profiliert hatte. Carter und Kennedy galten nun als klare Favoriten für die Wahlen im November. Und dann würden die Dinge besser stehen für Michaels, mit seinen Verbindungen zu den Demokraten und den Verbündeten unter den Kennedys inner- und außerhalb des Weißen Hauses.

Die NASA, so schien es, war noch immer auf Kurs zum Mars.

Sie hatte am Abend mit Mike darüber reden wollen.

Irgendwie war das Thema aber nicht zur Sprache gekommen.

Sie legte den Handzettel wieder in die Schublade.

Mike neben ihr bewegte sich, wachte aber nicht auf. Er war ihr zugewandt; dunkles Haar rahmte sein Gesicht. Er schlief wie ein Kind, sagte sie sich: auf dem Bauch, die Arme um den Kopf und das Gesicht auf der Seite. Im Schlaf war die Anspannung aus dem Gesicht gewichen, und er sah nun etliche Jahre jünger aus als vierunddreißig.

Sie hatte Mike in den letzten Monaten kaum gesehen. Er erstickte förmlich in Arbeit. In ein paar Monaten würde NERVA 2 die Phase A-Entwicklung abgeschlossen haben und sich einer Projektprüfung unterziehen müssen. Dann würde Phase B - Produktion und Operation - anlaufen. Die ersten unbemannten Probeflüge waren für 1978 vorgesehen, und die vorläufige Musterzulassung - die nach dem ersten bemannten Flug erteilt wurde - sollte bis Mitte 1979 vorliegen.

Doch Mikes Leuten war es noch immer nicht gelungen, dem neuen Triebwerk eine dokumentierte Brenndauer von mehr als ein paar Sekunden zu entlocken.

Mike machte das sehr zu schaffen. Er hatte nun schon seit Wochen fünfzehn bis achtzehn Stunden am Tag gearbeitet. Er war hager geworden, die Augen lagen tief in den Höhlen und waren dunkel gerändert; seine Kleidung und seine Frisur waren unordentlich. Sie wußte nicht, ob das seine persönliche Befindlichkeit widerspiegelte oder den Umstand, daß viele der Probleme bei den Kühlsystemen auftraten, für die er verantwortlich war.

Weil sie noch immer keinen Schlaf fand, schaltete sie das Fernsehgerät ein.

Eine Folge von Star Trek flimmerte über den Bildschirm. Die Warp-Triebwerke hatten mal wieder einen Defekt, und Mr. Scott kroch mit einem Schraubenschlüssel durch eine Art Glasröhre.

»Wenn es so einfach wäre«, nuschelte Mike. Er hatte den Kopf gehoben und schielte verschlafen auf das Fernsehgerät.

»Ich wollte dich nicht aufwecken, Scotty.«

Er griff nach einer Zigarette. »Möchtest du etwas zu trinken?«

»Nein. Ich glaube, der Brandy hält mich wach.« Der Geruch von kaltem Rauch stieg ihr in die Nase; er erinnerte sie an ihre Mutter. »Es gibt Zeiten wie diese, da wünschte ich mir, ich würde rauchen.«