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»Denk nicht mal dran«, grunzte er.

Sie fragte sich, ob sie ihm vom Bewerbungsformular in der Schublade erzählen sollte.

Doch er schaute auf die Uhr. »Ich wäre eh aufgewacht. Sie müßten nun wieder einen Probelauf machen. Ich scheine eine Art inneren Wecker zu haben, der mich in solchen Momenten weckt, selbst wenn ich dreißig Kilometer vom Testgelände entfernt bin.«

»Die Zündungen. Die Probeläufe. Immer diese abgefuckten Tests. Mike, wenn du dich nicht irgendwie entspannst, wirst du noch verrückt.«

Er stieß den Rauch aus. »Ich glaube, wir sind jetzt schon ein bißchen verrückt.«

Das Problem war, daß es Teil der >Unternehmenskultur< der NASA geworden war, die Leute so anzutreiben. Wir alle haben acht Jahre lang achtzehn Stunden pro Tag gearbeitet, um einen Menschen mit Apollo zum Mond zu schicken, und wenn wir das wieder tun müssen, um zum Mars zu kommen, dann werden wir es, verdammt noch mal, eben wieder tun. Doch es waren Fehler bei Apollo gemacht worden, und diese Fehler hatten Menschenleben gekostet.

Sie legte die Hand auf seine. Sie war verkrampft, fast zur Faust geballt. Sie streichelte seine Knöchel.

»Hör mal. Ich habe nachgedacht. Wir sollten uns öfter sehen.«

»Teufel, das weiß ich auch. Aber was sollen wir dagegen tun? Wir haben von Anfang an gewußt, was auf uns zukommt.«

Sie suchte nach Worten. »Aber ich glaube, daß unser Leben irgendwie leer ist, Mike; wir vernachlässigen uns zu sehr. Es gibt zu viele Dinge, die uns ablenken.« Sie deutete ins Hotelzimmer. »Wir brauchen mehr als neutrales Territorium wie das hier. Wir brauchen etwas Dauerhaftes. Ich glaube, wir sollten uns einen Ort suchen, an dem wir leben.«

Er stieß eine Rauchwolke aus. »Wo denn? Wir können doch schon froh sein, wenn wir für mehr als vierundzwanzig Stunden im selben Staat sind.«

Es ärgerte sie, wie er ihre Initiative abwürgte. »Ich weiß. Auf das >wo< kommt es nicht an. Überall. Hier oder vielleicht in Berkeley. Und es käme nicht einmal darauf an, ob das verdammte Haus für Dreiviertel des Jahrs leersteht. Es wäre unser Haus, Mike; darum geht es. Es wäre eine Art Basis für uns. Im Moment haben wir nur das Holiday Inn. Ich glaube nicht, daß das genug ist.« Ich bin achtundzwanzig Jahre alt, um Gottes willen.

Er drückte die Zigarette aus und beobachtete sie; derweil wurde Captain Kirk, von beiden unbemerkt, mit einer neuen

Krise konfrontiert. »Du bist eine verrückte Frau, Natalie York.«

»Vielleicht. Was willst du damit sagen?«

»Wieso jetzt? Ich meine, es kommt überhaupt nicht darauf an, wie wir unser Leben leben und wie oft wir uns sehen. Du wirst deine Karriere doch sowieso nicht aufgeben.«

»Natürlich nicht, und du doch auch nicht.« Sie zupfte an seinen Fingern. »Aber darum geht es gar nicht.«

Worum geht es dann, Natalie? Welcher Urinstinkt hat das an die Oberfläche gebracht, nach dieser langen Zeit?

Und ausgerechnet in dem Moment, wo du einen Weg einschlagen willst, der dich vielleicht für immer von der Erde wegführt...

Sie hatte gewiß noch nicht verarbeitet, was vergangene Nacht geschehen war.

Vielleicht war das - die Nacht mit Mike - nur eine Art, Ben zu bewältigen, sagte sie sich düster.

Und wenn das stimmte, was bedeutete das dann für sie und Mike?.

Mein Gott. Was für ein Chaos.

Das Telefon klingelte. Bei dem schrillen Geräusch zuckte sie zusammen.

»Meine Güte.« Er streckte den Arm aus und nahm den Hörer ab. »Hallo?. In Ordnung, ich komme.« Er legte auf.

»Mike.«

Er war schon halb aus dem Bett und suchte die Unterhose. »Der Probelauf hat schon wieder nicht geklappt. Die Brenndauer hat nicht einmal eine halbe Sekunde betragen, verdammt.« Er strich ihr übers Haar. »Ich muß hin, Natalie. Schlaf du nur weiter.«

»Ich habe überhaupt nicht geschlafen.« Sie strampelte sich frei und stand auf. Es war kalt im Zimmer. »Ich komme mit.«

»Das mußt du nicht.«

»Ich möchte aber. Zumal wir noch eine Unterhaltung beenden müssen.« Mike hatte sich schon das Hemd angezogen und murmelte etwas vor sich hin, während seine Gedanken längst um die Triebwerksprobleme kreisten.

Er hat wahrscheinlich schon vergessen, worüber wir uns unterhalten haben.

Sie brachen kurz nach drei Uhr morgens zum Testgelände auf. Die Fahrt von der Innenstadt von LA nach Santa Susana würde eine halbe Stunde dauern.

Mike verließ das San Fernando-Tal, und York sah die dort unten glühende Straßenbeleuchtung, ordentliche rechteckige Blöcke aus Lichtern, mit denen der Boden und die Wände des Tals gepflastert waren.

Mike fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit und sprach kein Wort mit ihr.

Das Testgelände befand sich in einer geröllübersäten Senke in den Santa Susana-Bergen. Als Mike das Fahrzeug zum Stehen brachte, spürte York einen kalten Lufthauch.

Sie ging mit Mike zum Zentrum der Anlage.

Es stand kein Stern am Himmel, obwohl der Mond längst untergegangen war.

Santa Susana wurde im Auftrag der NASA von Rockwell International betrieben. Die Anlage war im Rahmen des Entwicklungsprogramms für die alte S-II, die zweite Stufe der Saturn V, errichtet worden. Dennoch wurden die Arbeiten an der S-II fortgeführt. Die Anlage wimmelte von Technikern -manche in Asbest- oder Strahlenschutz-Anzügen -, die auf dem Meßplatz umherliefen. Sie wirkten wie plumpe Insekten.

Das NERVA 2-Triebwerk stand kopfüber im Herzen der Anlage und war mit einem Maschendrahtzaun gesichert. Im

Schein starker Flutlichter ragte der Triebwerkstrichter gen Himmel.

Als sie sich der Umzäunung näherten, kamen Techniker auf Conlig zu. Mike rang sich einen letzten, um Entschuldigung heischenden Blick auf York ab und verschwand.

Sie schritt die Umzäunung ab.

»Hallo. Sie sehen so aus, als ob Sie das brauchen würden.«

Sie drehte sich um. Ein Mann befand sich neben ihr und grinste sie an. Er war groß, hatte einen blassen Teint und blondes Haar. Bekleidet war er mit einem schmutzigen Overall. Er hatte zwei Plastiktassen mit einer bräunlichen Flüssigkeit in den Händen. »Das soll Kaffee sein«, sagte er, »aber ohne vorherige Analyse möchte ich mich da nicht festlegen.«

»Kennen wir uns?«

»Denk schon. Adam Bleeker. Vor ein paar Jahren haben wir eine Exkursion in die San Gabriel-Berge unternommen.«

»Oh.« Der Kalte Krieger-Astronaut. »Mit Ben und Charles Jones. Das war vielleicht ein Reinfall.«

»Ach, das würde ich nicht sagen. Sie haben gute Arbeit geleistet. Übrigens nennt jeder ihn Chuck.«

»Wie auch immer.«

Dankbar nahm sie den Kaffee und nippte daran. Er war warm, hatte aber fast kein Aroma.

Bleeker erzählte ihr, er sei der NASA-Repräsentant bei diesem Projekt. Den gleichen Posten hatte Ben Priest vor ein paar Jahren innegehabt.

»Das ist aber eine ungewöhnliche Tageszeit für einen Triebwerkstest«, bemerkte York.

»Schon, aber wir sind so weit hinter dem Zeitplan zurück. Jede Stunde zählt.«

»Erzählen Sie mir davon. Ich bin mit Mike hergekommen. Kennen Sie ihn?. Mike Conlig.«

»Sicher.«

»Nachdem der Anruf gekommen war, hat ihn nichts mehr gehalten.«

Langsam gingen sie das Testgelände ab. Überall standen Techniker, in Fachgespräche vertieft. Die in der Luft liegende Spannung und Niedergeschlagenheit war fast mit Händen zu greifen - Mikes Stimmung potenziert.

Der Kontrast zu Jackass Flats - zur Begeisterung, die Mike dort an den Tag gelegt hatte - war frappierend.

Inmitten des ganzen Szenarios stand das NERVA 2-Triebwerk aufrecht und stumm hinter der Sicherheitsabsperrung. Dieses Triebwerk, so hatte Mike ihr gesagt, war das >integrierte Subsystem-Testbett-Triebwerk<; es handelte sich um einen kompletten, mehr oder weniger einsatzbereiten Motor, aber er war in diesem Gerüst gefangen. Und wenn er gezündet wurde, würde er sich höchstens in die Erde bohren.