Выбрать главу

Ein Blick auf das Gerüst sagte York, daß es noch Jahre dauern würde, bis NERVA einsatzbereit und in der Lage war, die versprochenen hundert Tonnen interplanetare Schubkraft zu entwickeln.

Die nach oben weisende Düse saß auf einem kurzen, dicken Zylinder, und die beiden kleineren Trichter wuchsen aus den Seiten des Zylinders. Der Zylinder war der Druckmantel, der den radioaktiven Kern enthielt, und die kleinen, kardanisch aufgehängten Düsen dienten der Lage- und Bahnregelung. Sie sah die ringförmig angeordneten, konischen Servomotoren an der Grundfläche des Triebwerks. Die Servomotoren betätigten die Steuertrommel, die wiederum den Reaktor moderierte. Ein großer, sphärischer Wasserstofftank war in der Nähe des Triebwerks angebracht. Von ihm gingen Röhren aus, die sich um Druckhülle und Düse wanden. Dampfschwaden entwichen aus dem Tank, und die Metallwandung war mit einer Eisschicht überzogen.

Adam Bleeker skizzierte die Funktionsweise des Antriebs.

»Flüssigwasserstoff dient sowohl als Brennstoff als auch als Kühlmittel - das wird auch als regenerative Kühlung bezeichnet. Eine Pumpe drückt den Wasserstoff durch den Kühlmantel, der den Druckmantel und den Trichter umgibt. Dann wird der Wasserstoff durch den radioaktiven Kern gepumpt, wo er verdampft und aus dem Trichter austritt.«

Es gab also noch immer kein Rückhaltesystem für den ausgetretenen Wasserstoff, stellte York abwesend fest.

Bleeker zeigte ihr, wie ein Überströmrohr vom Reaktor einen Teil des heißen Wasserstoffgases auf eine Turbine leitete, welche die Pumpen des Triebwerks während des Flugs antrieb. Das Abgas der Turbopumpe trat durch die kleinen Zusatzdüsen aus und diente als Brennstoff für die Lage- und Bahnregelung.

»Und wo liegt nun das Problem?«

»Kavitation. Gasblasen im Flüssigwasserstoff. Wir haben den Kern auf Betriebstemperatur gebracht und den Wasserstofffluß ausgelöst. Für etwa eine halbe Sekunde hat der Schub den Sollwert erreicht. Doch dann stieg die Kerntemperatur an. Irgendwo hinter der Pumpe ist Kavitation aufgetreten: Wasserstoffblasen haben die Zirkulation des Kühlmittels unterbunden. Deshalb ist die Kerntemperatur weiter angestiegen. Wir mußten den Reaktor ‘runterfahren«, sagte er mit müder Stimme. »Sie können sich vorstellen, welchen Sicherheitsbestimmungen wir hier unterliegen. Wenn der Druckkörper geborsten wäre, hätten die radioaktiven Bestandteile sich in die Atmosphäre verflüchtigt, und es wären immense Schadenersatzforderungen auf uns zugekommen. Als wir das Problem erkannten, traten also die Vorschriften in Kraft. Wir stellten die Wasserstoffzufuhr ab und fluteten den verdammten Kern mit Wasser, um die Temperatur zu senken. Nun müssen wir das radioaktive Wasser abpumpen und den Kern per Fernsteuerung zerlegen, um zu überprüfen, ob die

Brennstoff-Durchlaufzylinder nicht durch die Hitze beschädigt wurden. Es wird Tage dauern, bis wir für den nächsten Test bereit sind.«

»Mein Gott. Was für eine Bescherung.«

York musterte sein Profil; im hellen Schein der Strahler wirkte Bleekers Haut dünn, fast durchscheinend. Es fiel ihr schwer, Bleekers Reaktion auf diese Vorfälle zu ergründen. Waren die strengen Sicherheitsvorschriften ihm ein Dorn im Auge? Hatte er Probleme damit, in einer solch instabilen und unerprobten Versuchsanordnung mit tödlichen Substanzen zu hantieren? Sie vermochte es nicht zu sagen. Genauso wie bei der ersten Begegnung vermittelte Bleeker den Eindruck, als würde nichts ihn aus der Ruhe bringen. Er wirkte fast seelenlos.

»Sie müssen alle unter starkem Druck stehen«, sagte sie. »Ich weiß, daß die Fähigkeit der NASA, NERVA 2 zu starten, weithin bezweifelt wird.«

»Von wem denn?«

Sie zuckte die Achseln. »Von der Presse. Vom Kongreß.«

»Ja«, sagte er gleichmütig. »Vielleicht haben sie auch Grund dazu. Wissen Sie, das Programm wird von den Deutschen in Huntsville geleitet. Und sie haben das konstruktive Ziel -hundert Tonnen Schub für dreißig Minuten - nicht deshalb vorgegeben, weil sie wußten, daß es möglich ist; sie haben diesen Wert deshalb definiert, weil wir ihn für das Profil der Mars-Mission benötigen. Sie haben keine ausgefeilten Analysen erstellt, sondern einfach drauflosgebaut. So haben sie immer schon gearbeitet. Und in Anbetracht ihrer Erfolgsbilanz läßt sich auch kaum etwas dagegen sagen. Aber.«

»Aber Sie sind sich nicht so sicher.«

Er zögerte. »Der Entwicklungsplan, nach dem wir vorgehen, basiert auf den Erfahrungen mit der chemischen Antriebstechnik. Der Nuklearkram ist eben etwas anderes. Ich glaube, es dämmert ihnen eben erst, wie anders. Und das, obwohl wir schon vieles vom Wunschzettel gestrichen haben, wie zum Beispiel eine Drosselung. ich glaube, wir haben uns übernommen.«

Nun rückte eine Gruppe in weißer Schutzkleidung in die Sperrzone ein und näherte sich der NERVA.

York fragte sich, ob einer von ihnen Mike war. Es gab keine Möglichkeit, das festzustellen.

Grimmig starrte sie auf die reglose NERVA. Wegen dieses Schrottgeräts werde ich Mike in den nächsten Wochen nicht zu Gesicht bekommen.

Bleeker verabschiedete sich von ihr, um sich wieder seiner Arbeit zu widmen.

Für ein paar Minuten verfolgte sie die langsam ablaufende und riskante Demontage. Dann ging sie zum Auto zurück und schlief auf der Rückbank ein.

Als sie aufwachte, stand die Sonne schon hoch am Horizont, und im Auto war es stickig und heiß. Von Mike war nichts zu sehen. Sie suchte einen Waschraum auf und hinterließ eine Nachricht für Mike. Dann fuhr sie nach LA zurück.

Zeitdauer der Mission [Tag/Std:Min:Sek]

Plus 004/21:38:11

Das tägliche Arbeitspensum wurde vom Kontrollzentrum über Nacht nach oben übermittelt, in Form eines sechs Meter langen Computerausdrucks. Die Daten enthielten Zeitvorgaben und kurze persönliche Mitteilungen. York trennte ihren Teil der Liste ab. Den Teil vom Vortag warf sie weg und fügte die aktuelle Ausgabe in den Ordner ein. Dann machte sie sich Gedanken über den Tagesablauf.

Sie ging die Liste durch, wobei sie zuerst nach Punkten mit Zeitvorgabe suchte.

Dann suchte sie nach Aufgaben, die einer Vorbereitung bedurften, und nach solchen, die sie gemeinschaftlich mit den anderen durchführen mußte.

Im Gegensatz zu den Aufgaben, die den ersten Astronauten oblagen, war das Arbeitspensum weniger an starre Fristen gebunden, sondern stellte eher einen >Einkaufszettel< mit Zielvorgaben dar. Anders als in den Tagen, als die MondSpaziergänge bis auf die Minute genau choreographiert waren, war die Missions-Planung nun entzerrt. Die >Einkaufszettel<-Methode war während der langen Skylab-Flüge der siebziger Jahre aufgekommen. York war erleichtert; schließlich hatte sie

- wie ihre Kollegen - langjährige Berufserfahrung und mußte nicht von einem Haufen Experten unten in Houston >an der langen Leine geführt< werden.

Um sie bei der Zeiteinteilung zu unterstützen, hatte sie einen kleinen Wecker in der Tasche stecken, den sie für wenig Geld in einem Laden in Nassau Bay erstanden hatte. Sein primitives Aussehen und die Gangungenauigkeit hatten inmitten dieser HighTech-Umgebung einen besonderen Reiz.

Ihre Hauptaufgabe für den Tag bestand darin, die Wissenschaftliche Plattform hochzufahren. Sie schwebte entlang der Längsachse des zylindrischen Missionsmoduls nach oben.

Das Missionsmodul beruhte auf der Konstruktion der Skylabs, die mittlerweile seit über einem Jahrzehnt im Dienst waren. Wegen der begrenzten Tragfähigkeit der Saturn VB war das Missionsmodul >trocken< in den Erdorbit gebracht worden

- ohne Brennstoff, aber schon eingerichtet und mit kompletter Ausrüstung. Die Besatzung bezog im vierzehn Meter langen