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Brennstofftank Quartier. Unter dem Boden befand sich der wesentlich kleinere Kugeltank für den Flüssigsauerstoff. Dieser war als Lager vorgesehen und sollte mit seinen dickeren Wänden als Notunterkunft für die Besatzung dienen - sie vor Sonnenstürmen schützen, falls im Verlauf der Mission welche auftraten.

Der Wasserstofftank war durch dreieckige Gitterroste in drei Ebenen unterteilt. York trug Spezialschuhe mit V-Profil, womit sie auf beiden Seiten der Gitter Halt fand. Mitten durch die Werkstatt verlief eine Rutschstange, und überall waren Gurte, Sicherungsleinen und Halteschlaufen angebracht.

Die unterste Ebene des Tanks war die >Unterkunft< - die Messe, Schlafkabinen und Toiletten. Die mittlere Ebene diente als Kommando- und Leitzentrale, von der aus alle Subsysteme des Raumschiffs, Umweltprozesse und Flugoperationen überwacht wurden. Außerdem waren hier eine Experimentalstation und eine Fitnessabteilung eingerichtet. Am kreisförmigen Umfang des Tanks verlief ein Parcours fürs Lauftraining. Die Trainingsgeräte, die sich noch immer in Startkonfiguration befanden, waren am Druckmantel verlascht. Und auf der obersten Ebene, in der Spitze der AresMehrstufenrakete, befand sich die Wissenschaftliche Plattform.

Das Modul hatte Ähnlichkeit mit einem Maschinenraum, sagte York sich. Tanks und Vorratskisten waren an den gekrümmten Wänden befestigt, und überall verliefen Kabel und Rohre unter einer gelben Kunststoffverkleidung.

Als sie zur Wissenschaftlichen Plattform hinaufschwebte, hatte sie den Eindruck, eine achteckige Höhle zu betreten. Regale für die Ausrüstung und Stauräume waren an den Wänden montiert. Eine Seite des Oktagons diente als Decke, die für wissenschaftlich-experimentelle Zwecke über Sichtfenster und Luftschleusen verfügte, deren mit massiven

Handrädern versehene Luken wie Safetüren aussahen. Alles war noch an seinem Platz, ordentlich verstaut und verpackt.

Sie schwebte zur rechten Wand und verankerte die Füße in zwei Halterungen vor der Instrumenten- und Steuerkonsole: einem breiten Pult mit Schaltern, Bildschirmen und Tastaturen. Sie betätigte ein paar Schalter und bootete die Computer der Wissenschaftlichen Plattform. Anschließend fuhr sie die restliche Ausrüstung hoch und überprüfte sie.

Während die wissenschaftliche Station zum Leben erwachte, glaubte York eine Ähnlichkeit mit einem Labor zu erkennen, das ein Streber in seinem Kinderzimmer eingerichtet hatte. Es war kompakt, klein und irgendwie putzig.

Ein paar Experimente, die Ares durchführen sollte, waren Teil langfristiger Mikrogravitations-Forschungsprogramme. Es gab Versuche zur Züchtung von Protein-Kristallen und der Diffusion von Bakterien unter den Bedingungen der Mikrogravitation sowie ein klobiges Arrangement mit der Bezeichnung >Wärmerohr-Leistungs-Experiment<, ein Versuch zur Diffusion der Wärme an überhitzten Stellen in Röhren und Leitungen in der Mikrogravitation.

Doch Ares bot noch ein paar spezielle Möglichkeiten. Es war geplant, von den beiden weit entfernten Bezugspunkten Ares und Erde spektakuläre Vorgänge auf der Sonne zu beobachten, zum Beispiel Sonnenflecken und Protuberanzen. Zu diesem Zweck stand eine ganze Palette von Instrumenten bereit: ein Coronagraph, ein Spektroheliograph und ein spektrographisches Teleskop. Weil die Ares-Mehrstufenrakete sich zur Sonne ausrichten würde, um den Verdampfungsverlust zu minimieren, war die ganze Ausrüstung auf einem Gestell montiert, das wie ein Rückspiegel aus dem Missionsmodul ausgeklappt und ausgerichtet werden würde.

Die Einstellungen dauerten länger als erwartet. Die Computer waren ziemlich langsam. Die Modelle, mit denen Ares ausgerüstet war, waren bereits veraltet: die schon zehn Jahre alte Konstruktion der Plattform war sozusagen um diese leistungsschwachen Maschinen herumgebaut worden. Die Computerfirmen hatten sich gegenüber der NASA verpflichtet, die Ersatzteilversorgung mittelfristig zu gewährleisten. Doch es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, daß York - im tiefen Weltraum, auf dem Weg zum Mars - sich mit einer Technik behelfen mußte, die heute kein Schüler, der etwas auf sich hielt, mehr benutzen würde.

Zumal die Arbeit in der Mikrogravitation sich als schwierig erwies. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, entschwebte. Auf die größeren Ausrüstungsgegenstände hatte sie wenigstens ein Auge, aber ihr Notebook, Stifte und Taschentücher unterlagen ebenfalls diesem Phänomen. Sie vergeudete viel Zeit damit, die Gegenstände wieder einzufangen. Und sie mußte sich in einer bewußten Anstrengung verankern - in Fußhalterungen, indem sie sich an einem Regal festhielt oder die Beine um eine Strebe schlang -, bevor sie eine Bewegung ausführte. Sonst machte sie jedesmal, wenn sie einen Schalter betätigte, die Bewegung des Schalters mit.

Es war, als ob sie sich auf einer Eisfläche befände: einer großen, unsichtbaren dreidimensionalen Eisfläche, auf deren Oberfläche Gegenstände in gerader Linie herumrutschten und wo sie ständig das Gleichgewicht verlor.

Als York in die Messe zurückdriftete, war Phil Stone schon in der kleinen Bordküche mit der Zubereitung des Essens beschäftigt. Essenspäckchen und Tabletts schwebten neben ihm in der Luft.

Eine an der Wand der Messe montierte Kamera war auf ihn gerichtet; York erinnerte sich, daß für diese Zeit wieder eine

Übertragung vorgesehen war. Sie fragte sich, wie viele Leute wohl noch zuschauten.

Stone schaute zu York hoch. »Du siehst jetzt wirklich wie ein Astronaut aus, Natalie.«

»Wieso?«

»Schau mal in den Spiegel.«

Der nächste Spiegel hing über dem Waschbecken. York trieb hinüber und unterzog sich einer Musterung. Das Haar stand in Strähnen vom Kopf ab, wie ein Heiligenschein, und sie schien Tränensäcke bekommen zu haben. Dies war auch ein Effekt der Mikrogravitation: die Ansammlung von Flüssigkeit unter der Gesichtshaut. Bei der Berührung der Zone unter den Augen fühlte die Haut sich zart an, als ob sie gespannt wäre.

Gershon rutschte kopfüber die Stange herunter. »Hallo, japanisches Fräulein«, sagte er und verzog die Lider so, daß er Schlitzaugen bekam.

Statisches Rauschen drang aus den an der Wand befestigten Lautsprechern. »Ares, Houston. Wir sehen hier eine Wundertüte, Phil.« Capcom war heute Bob Crippen.

York spürte, wie die anderen sich versteiften. Crippens gezwungene Witzigkeit signalisierte ihnen, daß sie gleich an die Öffentlichkeit treten würden. Wir stehen wieder auf der Bühne, Jungs.

Stone hielt einen unbeschrifteten braunen Beutel hoch. »Guten Tag, Bob. Würden Sie es für möglich halten, daß hier Hühnerklein drin ist? Ich muß diesen Beutel nur in diese kleine Schublade stecken, sehen Sie, wo hundert Milliliter heißes Wasser in den Beutel gespritzt werden. Dann hole ich ihn wieder raus und schüttele den Inhalt ein wenig. Und hier ist es schon, leckeres Hühnerklein.« Er legte das Gericht auf ein neben ihm schwebendes Tablett. Nun befanden sich vier Beutel auf dem Tablett, eine Dose Nüsse und ein Beutel mit Fruchtsaft. Alles war mit Klettverschlüssen fixiert. Stone bugsierte das Tablett zu Gershon. »Komm und hol dir dein Essen ab.«

»Happi-happi.« Gershon schnippte den Verschluß der Futtertüte weg und spritzte sich den Inhalt in den Mund. Dann winkte er grinsend in die Kamera; er verzehrte das Mahl kopfüber, relativ zu Stone.

»Wir fliegen nun schon seit über zwanzig Jahren ins AU«, sagte Stone gemütlich, »und ich schätze, daß unsere Küche inzwischen ganz ordentlich ist. Bei uns gibt es im Grunde das gleiche zu essen, das die Besatzungen der Stationen im Mond-und Erdorbit auch vorgesetzt bekommen. Der Speiseplan hat einen Turnus von sechs Tagen. Die Nahrung ist zum größten Teil rehydrierbar. Wie die Nudeln und das Hühnerfleisch.« Er wies auf sein Tablett. »Rehydrierbare Nahrung hat nämlich den höchsten Nährwert. Wir haben aber auch Nahrungsmittel, die thermostabilisiert sind - vor dem Start gekocht und in einer Kühlbox gelagert. Ich habe hier zum Beispiel gedünstete Tomaten und Hackfleisch mit Zwiebelsauce. Und ein paar Lebensmittel haben sogar ihre ursprüngliche Form, wie diese Mandeln hier. Und dann gibt es noch gefriergetrocknete Birnen und Erdbeersaft. Wir haben zwar keinen Kühl- oder Gefrierschrank wie die Skylabs, aber wir haben etwas Neues: einen Backofen. Er hat natürlich Umluftschaltung und keine Konvektion. Heiße Luft steigt in der Schwerelosigkeit nämlich nicht auf. Und in der kleinen Küche haben wir sogar fließend warmes und kaltes Wasser.«