Jedenfalls an den meisten.
Vor dem Ankleiden wollte Chuck Jones noch aufs Klo.
Zu diesem Zweck mußte er sich entkleiden und in die orangefarbene Nische unter den drei Liegen steigen. Die sanitäre Einrichtung der Apollo bestand aus Plastiktüten mit Klebestreifen an der Öffnung und seitlich angebrachten fingerförmigen Röhren. Jones mußte mit dem Finger in die Tüte greifen - schließlich würde nichts fallen - und den Kot abstreifen und eintüten. Anschließend mußte er eine Kapsel mit Desinfektionsmittel knacken, in den Beutel stecken und diesen dann zukleben.
Bald wurde die Kabine von den Geräuschen und Gerüchen des Vorgangs erfüllt.
Dana ließ es einfach über sich ergehen. Die primitive Konstruktion des Systems war schließlich nicht Jones’ Schuld.
Die Ironie war nur, daß das Apollo-System in den letzten Jahren deutlich modernisiert worden war. Rockwell hatte die ursprüngliche Konstruktion gestreckt, die Zuverlässigkeit erhöht und die Nutzlastkapazität gesteigert. Apollo wurde nun überwiegend als Orbital-Fähre eingesetzt, welche die Besatzungen der Skylabs ablöste. Apollo bot Platz für vier Personen und hatte Ressourcen für einen achttägigen Aufenthalt im Orbit. Rockwell führte sogar Versuche mit einer wiederverwendbaren Kommandokapsel durch. Hierzu wurde ein Korrosionsschutz gegen das Meerwasser aufgetragen, und die Komponenten wurden nach dem Baukastenprinzip montiert - so war es möglich, eine Kommandokapsel nach der Landung im Meer als Teileträger zu verwenden, auch wenn die Kapsel an sich nicht mehr flugfähig war.
Doch manche Dinge hatten sie noch immer nicht in den Griff bekommen; zum Beispiel die Installationen.
Für Dana war der erste Raumflug mit einer langen Kette von Problemen und Komforteinbußen eine ausgesprochen deprimierende Erfahrung. Der Kontrast zwischen der Zenartigen Leere des Weltraums jenseits des Monds und den unbeholfenen Versuchen der Menschen, in dieser Leere zu überleben, sprang ihn förmlich an. Und vor dem Hintergrund als Pilot empfand er diese Technik als erschreckend primitiv.
Wir bewegen uns hier wirklich im Grenzbereich unserer Möglichkeiten. Paps hatte recht. Im Grunde sind wir noch nicht soweit. Noch nicht. Wir sind noch nicht intelligent genug. Schlaue Affen, die improvisieren und auf das Glück vertrauen.
Dennoch war es ein tolles Abenteuer, von dem er seinem Sohn Jake erzählen konnte.
Dana widmete sich nun der Abfallbeseitigung. Er sammelte die Lebensmitteltüten ein und füllte sie mit Pillen, um die Rückstände aufzulösen. Dann faltete er sie zusammen und stopfte sie in einen Müllbeutel. Der Abfall wurde in einem Stauraum deponiert. Schon wenige Stunden nach dem Start von der Erde waren die Sammelbehälter voll, und deshalb wurde der Müll im Weltall entsorgt. Die den Mond anfliegende Enterprise wurde von einer Wolke aus Fäkalienbeuteln und anderem Abfall eingehüllt.
Die Besatzung ging die MOI-Checklisten durch. Das alles fand in einer ungewöhnlichen Stille statt, stellte Dana fest. Der Grund dafür war indes nicht schwer zu erraten. Der Einschuß in eine Mondumlaufbahn galt als kritischer Moment der Mission; davon hing das Gelingen des ganzen Flugs ab - und, auch wenn das für die Astronauten-Karriere weniger wichtig war, der Erfolg des Mondlabors selbst.
Obendrein mußte die Zündung während der Phase erfolgen, wo das Raumschiff sich hinter dem Mond befand und der
Funkverkehr zur Erde unterbrochen war. Das Kontrollzentrum war also nicht imstande, ihnen zu helfen.
Nachdem er den Entschluß zur Durchführung dieser Mission erst einmal gefaßt hatte, hatte Bert Seger eine geschickte Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Apollo/Moonlab wurde als ein Unternehmen mit hohem Erlebniswert verkauft - die Rückkehr zum Mond, ein Beweis technischer Kompetenz. Außerdem wurde die Nation dadurch vom Fall von Saigon abgelenkt, den explodierenden Spritpreisen, der stagnierenden Wirtschaft, der Inflation. Er hatte sogar die Wünsche der Star Trek-Fans berücksichtigt, die auf Enterprise als Namen für das Schiff bestanden - die erste Apollo, die seit vier Jahren wieder zum Mond flog. Da verhallten die Proteste des Astronauten-Büros, daß man keinen Schiffsnamen für diese Mission brauchte, ungehört.
Es war eine ausgefeilte PR-Aktion. Doch diese pompöse Inszenierung bedeutete, daß ein Mißerfolg - und sei er nur auf einen dummen Programmierfehler zurückzuführen - um so schwerer wiegen würde.
Apollo schüttelte sich leicht, und Elektromagneten klackten. Die Düsen für die Lage- und Bahnregelung feuerten, um das Rollen des Raumschiffs zu neutralisieren. Die Mehrstufenrakete hatte seit dem Start von der Erde rotiert, damit die Sonnenwärme gleichmäßig auf die Oberfläche der Kapsel einwirkte. Die Besatzung bezeichnete das als >Grill-Modus<.
Stone, der sich im Mittelpunkt der drei Liegen befand, sagte plötzlich: »He. Ich sehe den Mond. Direkt unter uns.«
Dana schaute von der Prüfliste auf.
Es hatte den Anschein, als ob Ströme von Öl am Fenster zu Danas Rechten hinabliefen. Dana fühlte einen Anflug von Panik; er hatte keine Ahnung, durch welche Fehlfunktion das verursacht worden war. Dann akkomodierten die Augen sich, und ihm wurde bewußt, daß er auf Berge schaute, die langsam am Fenster vorbei glitten. Die von den schräg einfallenden Sonnenstrahlen beschienenen Erhebungen zogen lange Schatten hinter sich her.
Die Berge des Mondes. »Mein Gott. Seht mal nach draußen.«
»Das ist nur der abgefuckte Mond«, sagte Jones. »Ihr werdet ihn noch lang genug sehen. Kommt schon, kümmert euch wieder um die Listen. Entfernung sechzehnhundert Kilometer. Zweitausend Meter pro Sekunde. Noch fünfzehn Minuten bis zum Abbruch der Sichtverbindung und dreiundzwanzig Minuten bis zur MOI-Zündung.«
Dana sah, wie die Sonne hinter dem Mondhorizont verschwand und der Mond von der Corona, der äußeren Atmosphäre der Sonne, indirekt angestrahlt wurde. Der Mond war hell beleuchtet, und es hatte den Anschein, als ob die Rückseite in Flammen stünde. Doch Dana erkannte auch die im Schatten liegende Seite, die hinter dem Fenster vorbeizog. Die Erde tauchte sie in ein gespenstisch fahles Licht.
Der Mond sah aus wie eine Glaskugel mit gesprungener Oberfläche; als ob er mit Schrot gespickt wäre. Das weiße Zentrum des Monds, das sich vom Schattenwurf des irdischen Lichts abhob, stach Dana ins Auge: der Mond hatte nun ein erstaunlich räumliches Aussehen und erschien nicht mehr als die gelbe Scheibe, wie von der Erde aus.
Dana machte einen großen, tiefen Krater aus, bei dem es sich vielleicht um Tycho handelte. Die Topographie des Mondes wirkte verschwommen - ein Eindruck, der durch die Schatten noch verstärkt wurde. Manchmal erschienen die Krater wie Kuppeln und die Berge wie Täler. Die Oberfläche des Monds glich einer Maske, deren Negativabdruck er nun vor Augen hatte.
Im Erdorbit hatte Dana die Krümmung des Horizonts gesehen, doch wegen des Umfangs der Erde hatte der größte Teil sich seinem Blick entzogen. Der Mond indes war eine kleine Welt. Die Krümmung war so stark, daß er die ganze Kugel vor dem geistigen Auge sah; er sah, daß er um eine Felskugel flog, die im dunklen All hing, das sich in alle Richtungen in die Unendlichkeit erstreckte.
Es wirkt so fremdartig. Das ist nicht unsere Welt. Und dennoch befanden sich drei Sternenbanner und drei leere Landegestelle auf diesen stummen Hügeln.
»Dreißig Sekunden bis zum Abbruch der Sichtverbindung«, sagte Jones.
»Enterprise, Houston.« Ralph Gershon war der neue Astronaut, der heute als Capcom fungierte. »Die Sichtverbindung bricht gleich ab. Ihr verschwindet hinter dem Mond. Eure Systeme sehen gut aus. Wir sehen euch auf der anderen Seite.«
»Roger, Ralph. Danke. Hier oben ist alles in Ordnung.« Das statische Rauschen aus den Lautsprechern wich plötzlich einem niederfrequenten Brummen.