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»Wir verschwinden hinter dem Mond«, sagte Phil Stone leise. »Verlust des Signals.«

Dana starrte auf das Gitter des Lautsprechers. Seine Reaktion machte ihm Angst: er war verwirrt und hatte das Gefühl, verloren zu sein. Zum erstenmal seit dem Start bestand keine Sichtverbindung mehr zwischen Apollo und der Erde. Das Kontrollzentrum war nicht imstande, Kontakt zur Besatzung aufzunehmen - als ob ein Seil gekappt worden wäre.

Dana war der Ansicht, daß im Lauf der Jahre ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Astronauten entstanden war. Ob es nun gesund war oder nicht; das Wissen, daß das Kontrollzentrum immer da war, immer mit den klügsten Köpfen besetzt war, nahm den Piloten einen großen Teil der

Verantwortung ab. Es war, als ob Houston das Schiff für einen flöge. Auf der anderen Seite waren die wenigen Momente, wo Besatzung und Schiff autonom funktionieren mußten, Momente der Angst. Keine Angst vor der Gefahr, die ohnehin ein ständiger Begleiter war, sondern Angst vor dem Versagen. Hoffentlich bin nicht ich derjenige, der es verbockt.

Nun befand sich die Mehrstufenrakete im Anflug auf den Mond. Sie tauchten immer tiefer in die Gravitationsquelle des Satelliten ein, und der Mond wurde immer größer - er schwoll von Minute zu Minute weiter an, und die Landschaft zog an den Fenstern vorbei.

»Seht euch den alten Mond an«, sagte Jones. »Rauher als mein Hintern. Ich werde wohl nie dort unten landen, aber ich bin froh, daß ich überhaupt so weit gekommen bin. Dieser Draufgänger Gershon müßte nun hier sein. Würde sich gewiß wie zuhause fühlen. Ist wie in Kambodscha.« Er stieß ein keckerndes Lachen aus.

Dana versuchte, über den Scherz seines Kommandanten zu grinsen, was ihm aber mißlang. Phil Stone zu seiner Linken schien auch Unbehagen zu verspüren.

Solche Sprüche waren nicht mehr angebracht, sagte Dana sich. Waren sie vielleicht nie gewesen.

Das Raumschiff tauchte in den Mondschatten ein, in totale Dunkelheit: das Licht der Erde fiel nie auf diese verborgene Landschaft, die unter ihnen dahinraste.

Das Funkgerät blieb stumm.

Wir sind allein, wir drei. Die auf der Erde inhaftierte Menschheit versteckt sich hinter dem Mond.

Plötzlich war Dana in bisher nicht gekannter Intensität von der Richtigkeit der Sache überzeugt. Wie auch immer es dazu gekommen ist, die Entscheidung, das Raumfahrtprogramm fortzuführen, war richtig. Was für ein Abenteuer wäre uns sonst entgangen. Wir müssen weitermachen. Erfahrungen wie diese werden uns verändern. Wir werden unseren Horizont erweitern.

Die zerklüftete Landschaft zog unter dem Fenster vorbei.

»In Ordnung, ihr Scheißer, genug gegafft. Bereiten wir uns auf die Zündung vor.«

Die Enterprise umkreiste den Mond.

Mittwoch, 25. Mai 1977 NASA-Hauptquartier, Washington

Mike Conlig haßte Washington. Er hatte das Flugzeug kaum verlassen, als die schwüle, drückende Hitze über ihm zusammenschlug. Er spürte eine Art von psychischem Druck, den die Leute auf ihn ausübten, die sich in diesem schäbigen Winkel der Erde zusammengerottet hatten.

Nun saß er zusammen mit Hans Udet und Bert Seger in Tim Josephsons geräumigem, luxuriösem Büro. Conlig fühlte sich fehl am Platz, verloren in dem großen Raum und in diesem großen, weichen Sessel. Und im Anzug fühlte er sich auch unwohl; die Krawatte schien ihn zu strangulieren.

Dann stürmte Tim Josephson mit einem Aktenordner unter dem Arm in den Raum und setzte sich an den schlichten, polierten Schreibtisch. »Ich will gleich zur Sache kommen«, sagte Josephson. »Ich habe Ihre Statusberichte gelesen. Sie wissen, worum es geht. NERVA ist verdammt weit hinter dem Zeitplan zurück. Die Projektprüfung soll in drei Monaten stattfinden. Und nach dem, was ich gehört habe, werden Sie das nicht schaffen.«

Seger zuckte die Achseln. »Da vermag ich Ihnen kaum zu widersprechen, Tim.«

Josephson legte die Hände aufeinander. »In Ordnung. Wir stehen in dieser Hinsicht unter starkem Druck; wir müssen Ihre Arbeit gegen Anfechtungen des Kongresses und anderer Stellen verteidigen. Man sagt, wir hätten hierbei aufs falsche Pferd gesetzt. Die Technik der Nuklearraketen steckt noch in den Kinderschuhen; vielleicht sollten wir lieber eine evolutionäre Politik betreiben und erst einmal die chemische Technik weiterentwickeln. Und zu allem Überfluß sind da noch die Atomkraftgegner, die nicht damit einverstanden sind, daß wir die Saturn-Raketen mit Tonnen von radioaktivem Brennstoff beladen.« Sein Blick schweifte von einem zum andern. »Sie haben sicher von den Protesten in Seebrook oben in New Hampshire gehört: zweitausend Leute haben gegen den Bau des Fissionsreaktors demonstriert. Mit der Nutzung von Nukleartechnik schwimmen wir gegen den Strom, meine Herren.

Aber ich weiß auch, daß die Probleme in diesem einen Bereich nicht das ganze beschissene Programm gefährden dürfen. Wie Sie wissen, hat Rockwell seit 1972 parallel zur nuklearen Option die Entwicklung der chemischen Technik betrieben - in Gestalt der Weiterentwicklung der S-II. Fred Michaels spielt mit dem Gedanken, den Kongreß zu bitten, die Finanzierung von NERVA einzustellen und die Mittel für diese Entwicklungslinie bereitzustellen.«

Hans Udet schüttelte den Kopf, wobei sein graublondes Haar im fluoreszierenden Licht schimmerte. »Nein. Begreifen Sie doch.«

Josephson beugte sich vor. »Nein. Jetzt müssen Sie zuhören und begreifen, Hans. Das ist kein Spiel, das wir hier spielen. Es bedarf ungeheurer Anstrengungen, für ein Programm wie das Ihre eine politische Koalition zu bilden und aufrechtzuerhalten. Jim Webb hat das in den Sechzigern für die NASA geleistet; und wir können froh sein, daß Fred Michaels heute diese Rolle übernimmt. Aber Wunder vermag auch er nicht zu vollbringen.«

Dies war das erstemal, daß Conlig Josephson persönlich begegnete. Der aalglatte Inspektor der NASA verströmte eine Aura bürokratischer Kompetenz, die ziemlich telegen war. Jeder Zoll ein Organisator. Anfang Vierzig, mit dem kleinen Kopf auf einem langen Hals, der hohen Stirn, den dicken Brillengläsern und dieser schnellen, zielstrebigen Motorik wirkte Josephson wie ein großer Laufvogel.

Doch seine trockenen Worte verfehlten ihre Wirkung bei Conlig nicht; plötzlich war er wie elektrisiert. Mein Gott. Er hat recht. Wir haben echte Probleme; es wäre durchaus möglich, daß diese Bastarde uns den Hahn zudrehen. Und wenn das passiert, kannst du drauf wetten, daß keiner von uns, der an NERVA arbeitet, auch nur im Ansatz am neuen Programm teilnehmen darf, worum auch immer es sich handelt. Conligs ganze Karriere - alles, sein ganzes Selbstwertgefühl - hing von dieser Entscheidung ab. Ein falsches Wort, und meine Laufbahn ist beendet. Weil es nämlich kein weiteres NERVA-Projekt mehr geben wird; jedenfalls nicht für mich.

»Also.« Josephson hatte seine Vorrede abgeschlossen. Er schwenkte den Kopf und schaute in die Runde. »Ein Resümee. Sie sollen mir sagen, wo Sie stehen und wie Sie die Erfolgsaussichten beurteilen. Ich möchte die ungeschminkte Wahrheit hören; jetzt ist nicht der richtige Moment für falschen Stolz. Das ganze Programm hängt davon ab, daß wir die richtigen Entscheidungen treffen.« Er nahm Udet ins Visier. »Wollen Sie anfangen, Hans?«

Der alte Deutsche setzte sich kerzengerade hin. »Die Wahrheit, Tim? Die Wahrheit, so wie es aus den Berichten hervorgeht, sieht so aus, daß NERVA in Schwierigkeiten steckt. Es ist uns bisher nicht gelungen, eine nennenswerte

Brenndauer zu erreichen.« In seinem abgehackten, mit einem Akzent behafteten und nicht ganz fehlerfreien Englisch, das von einem bizarren Alabama-Nölen unterlegt wurde, erläuterte Udet die unzähligen Probleme von NERVA - zu geringe Leistung der Pumpen, Schwachstellen an den Düsen - und die Maßnahmen, welche das Personal zu ihrer Behebung ergriff.