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»Wie Sie sehen«, schloß Udet seine Ausführungen, »ist die NERVA keinen Blumentopf wert - im Moment jedenfalls. Aber.« Und nun beugte er sich vor und musterte Josephson durchdringend. »Aber das galt auch für die F-1, die erste Stufe der Saturn, in einer vergleichbaren Entwicklungsphase Anfang der sechziger Jahre. Falls die Aussichten nicht noch schlechter waren. Damals hatten wir schon Probleme mit einer instabilen Verbrennung; damals flogen die verdammten Dinger uns schon um die Ohren. Aber wir durften dranbleiben, Tim. Wir haben die Arbeit fortgeführt. Und wir haben die Probleme so gründlich gelöst, daß die Saturn V nie einen signifikanten Triebwerksschaden erlitten hat.

Und nun ist es das gleiche. Wir brauchen kein AlternativProgramm. Mit NERVA gibt es Probleme: keine Frage. Aber es handelt sich nur um konstruktive Aspekte. Wir haben uns bisher nicht von solchen Dingen aus dem Konzept bringen lassen und jetzt auch nicht.« Während er sprach, hatte Conlig das Gefühl, daß Udet eine sublime Botschaft an Josephson ausstrahlte. Wenn Sie mich sehen, sehen Sie von Braun höchstselbst. Meine Triebwerke sind Helden. Wir haben euch zum Mond gebracht, und wir sind auch in der Lage, euch zum Mars zu bringen. Vertrauen Sie meinem Urteil und lassen Sie mich die Arbeit fortführen .

Conlig wünschte, er wäre in Santa Susana - oder noch besser, in Nevada, in Jackass Flats, in der stillen Leere der Wüste. Er wollte von diesem politischen Hickhack weg und sich wieder als Ingenieur betätigen.

Er dachte an Natalie.

Seine Beziehung zu Natalie war eine Art von Schmerz, der an der Peripherie seines Bewußtseins nagte. Er wußte, daß sie nicht glücklich war. Verdammt, genauso wenig wie er. Doch nun war in seinem Kopf kein Raum für solche Gedanken. Vielleicht in ein paar Jahren, wenn NERVA sich aus dem Sumpf gezogen hatte, würde er.

Josephson schaute ihn an. Die stumme Aufforderung, seinen Vortrag zu halten.

Langsam und stockend, ohne Udets preußischaristokratischen Redefluß, hob Conlig an zu sprechen.

Er beschrieb die Maßnahmen, die zur Lösung der Probleme bezüglich der Kavitation und der Wasserstoff-GraphitKorrosion getroffen worden waren. Dann kam er auf die Schwierigkeiten zu sprechen, die sich daraus ergaben, daß die starke Strahlung zu Fehlanzeigen beim Inhalt des Wasserstofftanks führte. Und so weiter. Dennoch, so sagte er Josephson, war die Arbeitsgruppe zuversichtlich, bald einen vernünftigen Probelauf und Systemtest zu erzielen. Immerhin hätte die Ausrüstung schon bewiesen, daß die Konstruktion die Vibrationen und Belastung während eines Flugs aushielt.

Er bemühte sich, die Situation in möglichst rosigen Farben zu schildern.

Josephson hörte kommentarlos zu. Dann wandte er sich an Bert Seger.

Der Programmdirektor hatte seit einer Woche mit den Leuten von NERVA zusammengesessen, in Santa Susana und den anderen Versuchsanlagen herumgeschnüffelt, wobei er sich offensichtlich selbst über den Stand der Dinge informieren wollte. Nun saß er dem spindeldürren Josephson gegenüber. Die obligatorische Nelke steckte im Knopfloch, direkt unter dem Anstecker mit dem Kruzifix.

Kurz und bündig schilderte Seger die Probleme aus seiner Sicht. »Tim, ich befürchte, daß wir den Zeitplan für NERVA vergessen können, nachdem wir die aktuellen Änderungen vorgenommen haben. Das eigentliche Problem sind die Sicherheitsmaßnahmen; wir müssen die Gerüste nach dem kleinsten Problem dekontaminieren und demontieren. Ich will damit nicht sagen, daß überhaupt keine Sicherheitsmaßnahmen mehr getroffen werden sollen; natürlich nicht. Aber wir müssen die jeweiligen Abschnitte des Programms von nun an realistisch planen. Realistischer jedenfalls, als wir es bisher getan haben. Aber.« Er verstummte.

»Ja, Bert?«

»Sie haben ein paar gute Leute dort draußen, Tim. Sowohl bei uns als auch bei den Auftragnehmern. Sie gehören zu den Besten. Und sie tun alles, um dieses Ding flügge zu machen. Ich empfehle, daß wir diesen Weg weiter beschreiten, Tim; Sie sollten keinen Richtungswechsel vollziehen.«

Josephson hörte stumm zu. »In Ordnung. Danke, Bert, meine Herren. Sie haben im wesentlichen das gesagt, was ich von Ihnen hören wollte. Ich glaube, ich muß Ihr Vertrauen in diese störrische Maschine, die NERVA, teilen. Ich werde Ihnen auch weiterhin Rückendeckung geben. Aber ich hoffe, Sie merken sich, was ich Ihnen heute gesagt habe. Bert, ich möchte, daß Sie mir einen aussagefähigen Statusbericht vorlegen, den ich oben präsentieren kann. Und ich möchte, daß Sie mir einen neuen Zeitplan vorlegen, Hans: einen realistischen Zeitplan. Und ich möchte, daß Sie sich daran halten - ab sofort.«

Diese deutlichen Worte, die er monoton heruntergeleiert hatte, paßten irgendwie nicht zu Josephsons trockenem Sachbearbeiter-Habitus. Conlig fühlte sich unbehaglich und wollte hier raus.

Als sie durch die Tür gingen, rief Josephson Bert Seger noch einmal zurück. »Ich möchte, daß Sie diese Arschgeigen härter rannehmen, Bert«, hörte Conlig Josephson sagen. »Tolerieren Sie keinen Scheiß mehr. Machen Sie Druck, damit diese nukleare Rakete endlich fertig wird.«

Das muß man uns nicht erst sagen, sagte Conlig sich, während er den anderen durch die tapezierten Korridore folgte.

Als er das Gebäude verließ, fühlte Conlig trotz der drückenden Hitze eine enorme Erleichterung. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. Es war, als ob der Lehrer ihn nach Hause geschickt hätte. Abgefuckte Bürokraten.

Jedenfalls würde er nun wieder an die Arbeit gehen: Energie einsetzen und die Angst abbauen, die sich in ihm angestaut hatte.

Januar 1977 — Januar 1978

Es dauerte ein ganzes Jahr, bis sie von der NASA einen Bescheid auf ihre Bewerbung bekam. Und doch, nachdem sie den ersten Schritt getan hatte, entwickelte sich eine Eigendynamik von zwingender Logik.

Ein paar Wochen, nachdem sie die Bewerbung abgeschickt hatte, erhielt sie ein Telegramm von der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Sie verlangte weitere Informationen: einen ausführlicheren Lebenslauf, Kopien von wissenschaftlichen Veröffentlichungen und ein fünfhundert Worte umfassendes Expose zu den Experimenten, die sie auf dem Mars durchführen wollte.

Also legte sie ihre Ideen über Abflußkanäle dar, daß sie unter dem Mars-Regolith nach Wasser suchen wollte und was das für die Kolonisierung des Planeten bedeuten würde.

Sie redigierte das Expose so, daß es exakt fünfhundert Worte umfaßte. Sie hatte zuvor schon mit Regierungsbehörden zu tun gehabt und wußte, daß die geringste Regelwidrigkeit all ihre Aussichten zunichte machen würde.

Im Grunde nahm sie die Bewerbung nicht allzu ernst. Aber sie wollte dennoch so weit kommen wie möglich: vielleicht erreichte sie eine Position, wo sie die Wahl hatte, ob sie diese verrückte Option - eine Karriere im Raumfahrtprogramm -weiterverfolgte oder nicht.

York las in einer Fachzeitschrift, daß nicht einmal tausend Wissenschaftler sich auf die Stellenausschreibung der Nationalen Akademie der Wissenschaften beworben hatten: viel weniger - laut Aussage der Presse -, als die NASA sich erhofft hatte.

York verstand das. Die Karriere eines Wissenschaftlers war kurz, wenn man die Produktivität als Maßstab nahm: der Höhepunkt der Schaffenskraft lag bei Ende Zwanzig/Anfang Dreißig. In diesem Alter war York nun. Eine Ausfallzeit war einer langfristigen Karriere unter Umständen abträglich.

Zumal die NASA die Nachwuchswissenschaftler in der Vergangenheit nicht gerade gefördert hatte. Kein einziger der ersten wissenschaftlichen Astronauten, die sich 1965 gemeldet hatten, waren mit Apollo zum Mond geflogen.

Man mußte schon verrückt sein, um die Karriere und das wissenschaftliche Ansehen für die geringe Aussicht aufs Spiel zu setzen, eines fernen Tages ins All zu fliegen; noch dazu bei einer Organisation wie der NASA, die fast nur aus Ingenieuren und Piloten bestand.