Völlig verrückt.
Ein paar Wochen, nachdem sie das Expose eingereicht hatte, erhielt sie einen Brief von der Akademie. Immerhin war es noch kein Ablehnungsbescheid.
Sie hatte bei den Kriterien Alter, Körpergröße und
Gesundheitszustand den Anforderungen genügt und war auch in wissenschaftlicher Hinsicht für das Programm qualifiziert, mit nachgewiesener Expertise in einem relevanten Fachgebiet. Man schickte ihr weitere Formulare zu: einen
Bewerbungsbogen für den Öffentlichen Dienst, ein Formular für die Flugtauglichkeits-Untersuchung, wie es auch die Luftwaffen-Piloten ausfüllen mußten und noch ein paar andere.
Und sie sollte sich auf dem Brooks-Luftwaffenstützpunkt in Texas melden, um sich einer Musterung zu unterziehen.
In den Hort der heldenhaften Testpiloten! Mein Gott. Ich bin dicht dran.
Als sie in die texanische Ebene hinabstieg, drängte ihr sich das Bild eines Pfannkuchens auf. Es war ein heißer Junitag; nachdem sie das Flugzeug verlassen hatte und die paar Meter zur Abfertigungshalle ging, fühlte sie sich wie in einem Backofen.
Sie traf sich mit den anderen Kandidaten im Hotel, wo sie untergebracht waren. Angesichts der versammelten Koryphäen wollte sie schier verzagen. Ein Abteilungsleiter Chemie der Firma Caltech hatte sich eingefunden, ein Dr. med. aus Princeton, der gleichzeitig in Physiologie promovierte; ein Physik-Professor von Cornell, ein promovierter Physiologe, der gleichzeitig Jet-Pilot war und ein Dr. med. der auch Jet-Pilot war. Und so weiter. Es war offensichtlich, daß die >Wissenschaftler<, die der NASA vorschwebten, auch eine >operative< Qualifikation besaßen; mehrheitlich handelte es sich um Leute mit einer Doppelqualifikation als Pilot und Wissenschaftler.
York war die einzige Frau.
Mein Gott. Weiße männliche Piloten mit Habilitation. Da kann ich gleich einpacken.
Die Kandidaten nahmen gemeinsam das Mittag- und Abendessen ein. Dann organisierten die Männer Ausflüge zum Alamo, der in der Innenstadt von San Antonio gelegen war. York hatte mit diesen Macho-Veranstaltungen nichts am Hut und bemühte sich, nicht in eine Depression zu verfallen.
Am nächsten Morgen mußte sie um sechs Uhr Texas-Zeit aufstehen, was vier Uhr Berkeley-Zeit entsprach. Das war schon einmal das erste Handicap. Sie durfte nicht einmal einen Kaffee trinken; sie mußte die Tests mit nüchternem Magen durchführen und bis zum Mittagessen warten.
Die Tests würden die ganze Woche dauern.
Zuerst wurde sie auf Glukose-Verträglichkeit untersucht. Den Armen wurde Blut entnommen, derweil sie eine ekelhaft süße Glukose-Flüssigkeit schlucken mußte.
Dann erfolgten Sehtests: sie wurde auf Farbenblindheit untersucht, und die Netzhaut wurde photographiert, wobei sie von einem Blitz geblendet wurde. Sie mußte einen Liter lauwarmes Wasser trinken, woraufhin ein Gewicht auf den Augapfel gestellt wurde, um den Flüssigkeitsaustritt zu messen.
Anschließend erfolgten medizinische Untersuchungen. Sie mußte vier Stunden lang in einem Faraday’schen Käfig liegen, einer Metallhülle, die sie vor elektrischen Feldern abschirmte, während ein Kardiogramm erstellt wurde. York kam sich vor wie ein Schimpanse im Zoo. Dann wurde sie in einer Art Fallschirmgurt aufgehängt, während das Blut in die Füße floß. Sie mußte hyperventilieren, bis die ersten Ausfallerscheinungen auftraten und das Blickfeld verschwamm.
Dann - brutal schnell - wurde sie einem EKG unterzogen. Sie ging treppauf und treppab, wobei sie Elektroden an die
Brust halten mußte. Am Ende des Tests mußte sie in ein Mundstück blasen, zwecks Messung des Volumens des ausgeatmeten Kohlendioxids.
Es erfolgten Untersuchungen des Innenohrvorhofs, des Gleichgewichtsapparats des Mittelohrs. Abwechselnd warmes und kaltes Wasser wurde ihr ins Ohr gespritzt, um die Kanäle des Vestibulums zu irritieren und sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ärzte schauten ihr in die Augen, um die Zeitdauer zu ermitteln, bis die Augenlider aufhörten zu flattern.
Später sollte sie auf einer geraden Linie durch einen verdunkelten Raum gehen. Damit sollten eventuelle Störungen des Gleichgewichtssinns festgestellt werden. Als das Licht wieder anging, sah sie, daß sie vielleicht einen Meter von der Mittellinie nach links abgewichen war.
Beim Kippstuhl handelte es sich um ein weiteres Gerät zur Untersuchung des Gleichgewichtsapparats. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einem elektrischen Stuhl, der sich auf einer rotierenden Plattform in der Mitte eines stockdunklen Raums befand. Sie wurde auf dem Stuhl angeschnallt, und Elektroden wurden an ihr befestigt, um die Augenbewegung zu verfolgen. Dann wurde der Stuhl mit einer Drehzahl von zwanzig Umdrehungen pro Minute gedreht und gleichzeitig nach vorn und hinten geneigt. Kipp- und Drehrichtung wurden ständig umgekehrt. Es war wie eine Fahrt in einem Karussell, das von einem Irren betrieben wurde; bei jedem Kippen überkam York ein Brechreiz, doch die Genugtuung des Erbrechens gönnte sie diesen Arschlöchern nicht.
In halbstündigen Intervallen mußte sie Urinproben abliefern; zu diesem Zweck mußte sie reichlich Wasser trinken. Sechsmal wurde ihr eine Blutprobe entnommen. Schließlich kollabierten die Venen in beiden Armen wegen der wiederholten Einstiche.
Die körperlichen Eignungstests wurden durch psychologische Tests aufgelockert: sie mußte mit Bauklötzen spielen,
Selbstportraits zeichnen und einen fünfhundert Fragen umfassenden Persönlichkeitstest absolvieren. Des weiteren standen Intelligenztests, Rorschach-Tintenklecks-Tests, Gedächtnis-Tests, Wortschatztests sowie Mathematik-Tests und Tests zum Leseverständnis auf dem Programm.
Sie arbeitete ein Blatt mit persönlichen Werten< durch, um Aufschluß über die Motive zu geben, aus denen sie zur Raumfahrt neigte. Sie brütete über den fünfzig Fragen, die mögliche Motive beinhalteten wie Geld und Ruhm, das Wohl der Menschheit, Abenteuerlust und Forschungsdrang.
Zunächst wollte York ehrlich antworten. Natürlich sind es die wissenschaftlichen Entdeckungen. Schließlich wählen sie hier Missions-Spezialisten aus! Was, zum Teufel, erwarten sie sonst? Doch dann kamen ihr Zweifel. Einseitigkeit, die Fixierung auf die Wissenschaft würde keinen guten Eindruck machen. Jeder Astronaut, sogar ein Spezialist, würde sich auch an Routinearbeiten beteiligen müssen. Zumal ein Mitglied der Mars-Expedition auch in der Öffentlichkeit eine gute Figur machen und in der NASA-Tradition den guten Amerikaner, das Abbild von John Glenn verkörpern mußte.
Also ging sie die Punkte nochmals durch und fragte sich, welche Kriterien in den Augen der Prüfer wohl relevant wären.
Dann wurde ihr bewußt, daß die anderen Kandidaten das gewiß auch schon erkannt und die Antworten in ähnlicher Weise frisieren würden.
Sie ging die Liste ein drittesmal durch und versuchte das zu berücksichtigen.
Ein ernster junger Mann erörterte mit ihr ein von einem Computer erstelltes Streuungsbild. Die Ergebnisse schienen ihn zu verwirren: hier war sie nur befähigt, ein Ziel auf einmal zu verfolgen, dort erwies sie sich als flexibel und war imstande, mehrere Ziele gleichzeitig und gar in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander zu verfolgen; hier drüben deutete das Resultat auf eine hohe Eigenmotivation hin, doch dort drüben arbeitete sie am liebsten im Team. und so weiter. Die Ergebnisse waren völlig widersprüchlich und degradierten den Test zur Farce.
Sie knirschte mit den Zähnen und schwieg, um es nicht noch schlimmer zu machen. Sie fragte sich, was das alles wohl kostete.
Eines Morgens bekam sie Bariumsulfat zum Frühstück, als Kontrastmittel für eine Röntgenuntersuchung der Gallenblase. Ein andermal wurde ihr eine Tritiumlösung verabreicht, um den prozentualen Anteil an Körperfett zu bestimmen. Sie schluckte Pillen, die Durchfall verursachten und die den Urin grün färbten. Beim EEG wurden ihr elf Nadeln in einen halben Quadratzoll Kopfhaut gepiekst.