Sogar die Zähne wurden kontrolliert. Ein Dentist ließ sich ebenso fröhlich wie dümmlich über den ruinösen Zustand ihres Gebisses aus. Es schien ihm viel Freude zu bereiten, ihr detailliert zu schildern, welche Reparaturarbeiten an ihren Zähnen auszuführen seien. Sie wollen doch nicht mitten im leeren Raum zwischen Erde und Mars Zahnschmerzen oder gar einen Abszeß bekommen, ho ho!
Bei ihrer gesunden Lebensweise hatte York bisher kaum ein Krankenhaus von innen gesehen. Die hiesigen Ärzte waren von der Luftwaffe und Spezialisten in der Luft- und Raumfahrtmedizin. In ihrer Unwissenheit hatte sie erwartet, die Tests wären bloß hart. Die Wirklichkeit übertraf dann die schlimmsten Befürchtungen. Sie empfand die Untersuchungen als Quaclass="underline" barbarisch, brutal, oftmals lächerlich, doch kaum wissenschaftlich.
Bei der letzten Untersuchung, die freitags stattfand, stand eine Sigmoidoskopie auf dem Programm. Sie mußte sich selbst ein Klistier einführen. Dann legte sie sich auf eine Liege, und eine Ärztin schob ihr eine Sonde in den Hintern und dehnte den Darm. Sie schob die Sonde immer weiter hinauf.
York war zu diesem Zeitpunkt ebenso erschöpft wie zornig, gleichermaßen erniedrigt und ängstlich. Es bedurfte einer enormen Willensanstrengung, diese letzte Zumutung über sich ergehen zu lassen.
Vor San Antonio hatte sie die Sache auf die leichte Schulter genommen. Vielleicht, um Ben zu gefallen. Sie hatte es als ein Abenteuer betrachtet. Als amüsantes Kräftemessen zwischen ihr und der NASA - sie wollte sehen, wie weit sie kam, bevor sie rausflog.
Nun war alles anders. Diese Investition in Schmerz und Erniedrigung sollte nicht umsonst gewesen sein.
Die Bewerbung zurückzuziehen kam nun nicht mehr in Frage.
Die medizinischen Untersuchungsergebnisse stellten eine Unbedenklichkeitsbescheinigung dar. Sie hatte >keine offenkundigen medizinischen und psychischen Probleme«
Beruhigend, sagte sie sich. Das war eine Woche in der medizinischen Hölle wert gewesen.
Dann wurde sie zum Vorstellungsgespräch nach Houston eingeladen.
Das Flugzeug landete auf dem Houston Intercontinental. York ging zum Terminal und zum dort befindlichen Continental Airline Presidents’ Club. Sie stand vor einer einseitig verspiegelten Glastür. Auf ihr Klopfen hin öffnete ein NASA-Angestellter, ein kleiner, properer Mann in einem Blazer. Sie wies sich aus, und er führte sie hinein - aus dem Blickfeld der Presse? - und bot ihr eine Diät-Limonade an.
Als die Kandidaten vollzählig waren - es war die Gruppe aus San Antonio -, wurden sie in einer Limousine zum Nassau Bay Hilton chauffiert.
Als sie das klimatisierte Flughafengebäude verließ, schlug die feuchte Augusthitze ihr förmlich ins Gesicht; als ob der Boden dampfen würde. Obwohl es schon später Nachmittag war, schien die Sonne noch im Zenit zu stehen.
Die Limousine fuhr zunächst auf der I-59 nach Süden, in Richtung Innenstadt, dann über eine Umgehungsstraße in südöstlicher Richtung auf der 610. Das Nassau Bay Hilton befand sich in der Nähe des JSC, über dreißig Kilometer außerhalb der Stadt an der I-45.
Houston war eine in einer Ebene gelegene, wuchernde Ansiedlung. Die Stadt wirkte neu. Die Straßen waren modern und in gutem Zustand. Große, bunte Reklametafeln, welche die Schnellstraße säumten, stachen ihr ins Auge. Viele waren in spanischer Sprache beschriftet; immerhin wäre Texas einmal fast an Mexiko gefallen.
Es gab nur wenige Anzeichen für das hier angesiedelte Raumfahrtprogramm: aufblasbare Raketen auf dem Gelände von Gebrauchtwagenhökern, eine Ladenzeile mit der Bezeichnung >Tranquility Plaza<5 und eine
Basketballmannschaft, die >Rockets<.
Jenseits des hitzeflimmernden Highways ragten die Wolkenkratzer wie Startrampen aus der Ebene. Die
Wassertürme, große ovale Tanks, glichen den marsianischen Kampfmaschinen aus Krieg der Welten. Entlang der Straße waren Neon-Thermometer aufgestellt, die selbst zu dieser Tageszeit noch etwa fünfunddreißig Grad anzeigten.
Houston würde einen deutlichen Kontrast zu den älteren Städten bilden, in denen sie bisher gelebt hatte. Möchte ich wirklich hier leben?
Die anderen Kandidaten unterhielten sich über Elvis’ Tod, der erst ein paar Tage zurücklag. Sie hatte nichts dazu zu sagen -vielmehr langweilte die endlose Berichterstattung sie -, und sie war froh, als sie das Hotel endlich erreichten.
Das Nassau Bay Hilton war ein Hochhauskomplex am Ufer des Clear Lake, ein paar Minuten vom JSC entfernt. Die Stimme des Manns an der Rezeption hatte einen starken texanischen Akzent, und in der Lobby gab es einen Andenkenladen mit Cowboyhüten und - stiefeln. Sie hatte ein komfortables Einzelzimmer, mit Aussicht auf einen Yachthafen und ein azurblaues Schwimmbecken, das zu benutzen sie aber keine Zeit haben würde.
Am nächsten Morgen stand sie um halb sechs auf. Halb vier Berkeley-Zeit. Die Sonne stand schon hoch am Himmel.
Das Vorstellungsgespräch fand gleich nach dem Frühstück statt. Also wurde sie - es war noch nicht einmal halb sieben -in einer Limousine auf der NASA-Straße Eins in westlicher Richtung chauffiert.
Zur Rechten, nördlich der Interstate, befand sich eine umzäunte Koppel. Quaderförmige schwarze und weiße Gebäude waren über die Ebene verstreut, wobei jeder Bau mit großen Zahlen markiert war.
Der Fahrer - ein massiger, schwitzender Mann namens Dave - bog nach rechts in eine breite Einfahrt ein. Zur Rechten stand ein Granitblock mit der Inschrift LYNDON B. JOHNSON SPACE CENTER. Und zur Linken lag eine Saturn V auf dem Boden. Die Triebwerksstufen waren demontiert und auf Lkw-Anhängern deponiert worden.
Dave grinste, als er sah, wie sie die Saturn mit offenem Mund anstarrte. »Das ist nur ein Testgerät«, sagte er. »Die erste, die jemals gebaut wurde. Als es so aussah, als ob wir Apollo einstellen würden, war die Rede davon, eins der Fluggeräte zu nehmen und hier oder vielleicht auf Cape Canaveral auszustellen. Eine Mondrakete im Vorgarten.« Er kicherte und schüttelte den Kopf. »Können Sie sich das vorstellen?«
Die Vorbeifahrt an der Saturn schien eine halbe Ewigkeit zu dauern. Das Raketentriebwerk alterte. York sah Korrosion an den großen Nieten und Spinnweben an den großen A-Trägern, an denen das Triebwerk angeflanscht war. Ein Teil der Textilbespannungen um die Triebwerkstrichter war mit Flechten bewachsen. Das Sternenbanner an der Flanke der zweiten Stufe war verblaßt, und die rote Farbe der Streifen lief an der Hülle hinunter.
Hinter der Saturn befand sich ein kleiner Raketen-Garten. York identifizierte eine Redstone, den schwarzweißen Bleistift, der den ersten Mercury-Kapseln ihre suborbitalen Hüpfer ermöglicht hatte. Die Redstone stand aufrecht, war aber durch Drahtseile am Boden fixiert; York verglich das Ensemble mit dem gefesselten Gulliver. Und sie sah die Raumfähre, ein Produkt des Windkanals, die Attrappe des Space Shuttles, das nie gebaut worden war. Das flugzeugartige Gerät stand senkrecht und wurde von einem großen weißen Außentank gestützt.
Der Rumpf der Raumfähre war ungeschlacht und plump. Die Wölbung der Flügel indes, die aus den Zylindern der Zusatzraketen wuchsen, verlieh ihr in Yorks Augen eine besondere Ästhetik; das Raumflugzeug wirkte elegant, wie ein gestrandetes Relikt aus einer Parallelwelt, einer Zukunft, die nicht Wirklichkeit geworden war.
In Gebäude 110 durchlief sie die Sicherheitskontrollen. Dann erhielt sie eine Mappe mit Fotokopien und wurde zu Gebäude 4 geschickt. Sie ging zu Fuß dorthin.
Bei den Gebäuden handelte es sich um schwarze und weiße Blöcke. Einige gruppierten sich um eine Art Hof, wo Gräser im Sonnenlicht hellgrün leuchteten. Es gab Kirschbäume und einen Ententeich mit einer kunstvollen Steineinfassung. Nur daß die Enten fehlten: Ben Priest hatte ihr gesagt, daß die Tiere zuviel Schmutz gemacht hätten und deshalb verscheucht worden wären. Wir sind schließlich nicht wegen der Enten hier. Es herrschte tropische Hitze, und es regte sich kein Lüftchen. Die Stille wurde nur vom Zirpen der Grillen gestört. Das Gehen fiel ihr schwer; sie spürte förmlich, wie die Hitze ihr Energie entzog.