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Sie versuchte sich vorzustellen, hier zu arbeiten.

Fahrräder lehnten an jedem Gebäude, und vor den Eingängen standen große, mit Sand gefüllte Aschenbecher, aus denen Zigarettenstummel ragten.

Es herrschte eine ruhige Atmosphäre. Die quaderförmigen Gebäude Wirkten nicht wie eine Regierungseinrichtung. Es war eher wie eine Universität, sagte sie sich. Und wirklich hatte Dave, ihr Fahrer, es als >Campus< bezeichnet.

Das JSC hatte seine eigenen marsianischen Wassertürme. Es gab eine >Antennen-Farm<, ein eingezäuntes Feld mit großen weißen Schüsseln, die wie Blumen zur Sonne gerichtet waren. Und hier und da schimmerten große Tanks mit flüssigem Stickstoff.

Die Klimaanlage in Gebäude 4 arbeitete auf Hochtouren; es waren fünfzehn Grad Temperatur weniger als draußen. Das Gebäude war düster und verwinkelt. Decken und Böden waren gefliest, und die Wände wiesen den für Firmengebäude der sechziger Jahre charakteristischen gelb-braunen Anstrich auf. Sie spürte, wie der Mut sie verließ. Sie fühlte sich wie in einem trostlosen Sozialamt.

Sie nahm den Aufzug. Das Vorstellungsgespräch sollte in der >Astronauten-Bibliothek< stattfinden.

Auf ihr Klopfen hin wurde die Tür geöffnet, und ein Mann begrüßte sie: groß, spindeldürr, mit graublondem Haar und blauen Augen. Bekleidet war er mit Jeans und einem modischen Hemd. Er lächelte sie an und gab ihr die Hand.

Sie erkannte ihn. Es war Joe Muldoon. Ein MondSpaziergänger schüttelte ihr die Hand.

Der unvermittelte Wechsel der Perspektive traf sie mit Wucht. Dies war wirklich das Raumfahrtzentrum. Hier waren echte Astronauten, um Himmels willen. Veteranen.

Sie versuchte, Muldoon anzuschauen, doch es war ihr nicht möglich, ihm ins Gesicht zu sehen; sein Bild schien vor ihren Augen zu verschwimmen, und sie hatte den Eindruck, daß er glitzerte und leuchtete.

Und ich habe mich beworben, einer von ihnen zu werden. Mein Gott. Werden die Leute mich auch so ansehen? Wie, zum Teufel, werde ich damit umgehen?

Joe Muldoon führte sie zu ihrem Platz, einem mitten im Raum aufgestellten Sessel.

Es gab kaum Bücher in dieser >Bücherei<. An der Wand hinter ihr hing eine Reihe von Fotos: Portraits von toten Astronauten, Russen und Amerikanern. Mein Gott. Hilf mir, mich zu entspannen. Ein Großbild-Fernsehgerät lief in der Ecke, das die Aktivitäten der Skylab A-Besatzung im Orbit übertrug. Der Ton war leise gestellt. Der geteilte Bildschirm zeigte die Erde aus der Perspektive von Skylab sowie Flugbahndaten der Bodenstation. Gelegentlich hörte sie das Gemurmel der Luft-Boden-Schleife, über welche die Flugleitung mit der Raumschiff-Besatzung sprach.

Das Gremium bestand aus sieben Personen: sieben männliche Weiße an einem langen Tisch aus Eiche. Etliche Gesichter waren ihr aus den Presse- und Fernsehberichten über das Raumfahrtprogramm bekannt: Astronauten, ranghohe NASA-Mitarbeiter aus Wissenschaft und Verwaltung.

Und in der Mitte saß - Chuck Jones. Sie wollte schier verzagen. Der Vierschrötige mit dem dunklen Teint nickte ihr zu. Das früher schwarze, inzwischen graumelierte Haar war militärisch kurz gestutzt.

Mein Gott. Chuck Jones. Seit der Jahre zurückliegenden, bizarren Exkursion mit Jorge Romero in die San Gabriel-Berge hatte sie ihn nicht mehr gesehen.

Jones klopfte auf den Tisch und bat um Ruhe. »Danke, daß Sie gekommen sind, Natalie. Wir haben Ihre Bewerbung gelesen. Sie ist sehr beeindruckend.«

»Danke.«

»Dann können wir die Sache also abkürzen. Berichten Sie uns von Ihren wissenschaftlichen Studien und sagen Sie uns, in welcher Hinsicht sie uns beim Flug zum Mars unterstützen sollen.«

Plötzlich war ihr Mund so trocken wie der Sand von Jackass Flats. Was für eine Frage.

Zögerlich antwortete sie.

Sie skizzierte die Hauptrichtung ihrer Arbeit, die geologischen Untersuchungen auf der Grundlage der MarinerDaten und wie sie an der Formulierung einer Hypothese mitgewirkt hatte, daß es auf dem Mars vielleicht Wasser in flüssiger Form gegeben habe und daß es unter der oxidierten Oberfläche vielleicht immer noch welches gebe. Und daß,

wenn die Besatzung dieses Wasser eindeutig nachwies, die weitere Erforschung des Mars gewährleistet sei. Stoßt auf Wasser, und es wird noch viele Flüge geben, Jungs. Plätze für euch alle. Aber ihr braucht mich, um das Wasser zu finden.

Chuck Jones musterte sie. Sie war sicher, daß er sich von jener Exkursion an sie erinnerte.

Sie versuchte, locker zu wirken, zu lächeln und ihnen in die Augen zu sehen. Alles, was ihr entgegengebracht wurde, waren kalte Blicke. Doch während sie von ihrer Arbeit sprach, wuchs ihre Zuversicht, und ein Teil der Ehrfurcht fiel von ihr ab. Diese Männer kochten auch nur mit Wasser. Sogar Joe Muldoon. Und wo sie die Prüfer nun mit diesem Bewußtsein betrachtete, wurde ihr bewußt, daß mindestens drei von ihnen sie diskret musterten, ihr auf den Busen und die Beine schauten.

Nach diversen Fragen wollte Jones wissen, nach welchen Kriterien sie eine Landezone auf dem Mars auswählen würde. Wieder so eine heikle Frage, doch ihre Zuversicht war mittlerweile gestiegen. Sie schaute lächelnd in die Runde.

»Natürlich besteht mein Ziel in erster Linie darin, bei der ersten Mission ein erfolgreiches wissenschaftliches Programm durchzuführen«, sagte sie. »Deshalb ist der wissenschaftliche Wert der Landezone das ausschlaggebende Kriterium. Aber es ist auch offenkundig, daß die erste Landung extrem schwierig sein wird. Also müssen wir die Landezone primär nach dem Gesichtspunkt auswählen, eine sichere Landung für die Besatzung zu gewährleisten.« Sie leierte eine kurze Liste herunter: die Landezone müßte sich in einer weiten Ebene befinden, damit der Landeanflug nicht durch Berge beeinträchtigt würde. Die Windgeschwindigkeit müßte gering sein, man müßte eine Jahreszeit mit möglichst wenigen Staubstürmen wählen und so weiter.

»Wir müssen einen Wissenschaftler zum Mars schicken. Aber ein toter Wissenschaftler auf dem Mars würde uns nicht viel nützen.«

Das entlockte dem gestrengen Gremium zum erstenmal ein Lächeln. Schließlich war das eine Reprise von Deke Slaytons berühmter Begründung seiner Politik, keine Wissenschaftler auf die frühen Apollo-Missionen mitzunehmen. Es war alles Teil der Botschaft, die sie ihnen vermittelte, in Wort, Gestik und Subtext. Ich bin eine Wissenschaftlerin, eine gute dazu, mit dem passenden Profil. Aber ich bin bereit, euch Jungs bei der Verwirklichung eurer Träume zu helfen. Mehr noch - ihr braucht mich, um diese Träume zu verwirklichen.

Nun wurden substantiellere Fragen an sie gerichtet.

»Doktor York, wären Sie bereit für eine zweijährige Reise zum Mars?«

»Ich. sicher. Natürlich nur, wenn realistische Erfolgsaussichten bestehen. Hauptsächlich möchte ich aber aus wissenschaftlichen Gründen zum Mars fliegen. Und ich glaube, ich wäre vielleicht eher imstande, die Erfahrung zu artikulieren als.«

»Soll das nun >ja< oder >nein< heißen, Doktor?«

»Hä?«

»Ich habe Ihnen eine Frage gestellt. Würden Sie zum Mars fliegen wollen?«

»Ich glaube schon. Ja.«

»Doktor York. Angenommen, ich sage Ihnen, die Chancen, diese Reise zu überleben, stehen bei eins zu zwei. Wollen Sie dann immer noch fliegen?«

»Das ist gar nicht gesagt. Die Statistiken sind ungenau, und die Analysen.«

»Angenommen, ich wüßte es. Würden Sie immer noch fliegen wollen?«