»Eins zu zwei?« Sei ehrlich, Natalie. »Auf keinen Fall. Ich würde, sagen wir, eins zu zwanzig akzeptieren, falls das gesichert wäre.«
»Eins zu zehn?«
»Wenn es gesichert wäre.«
»Und wie wollen Sie die Laufbahn als Astronautin und Wissenschaftlerin überhaupt miteinander vereinbaren? Besteht hier nicht die Gefahr einer Konkurrenz?«
»Sicher. Aber das Entwicklungspotential überwiegt diese Nachteile.« Auf dem Mars war die nächste Entdeckung schon in Sichtweite. Wie bei Darwin auf den Galapagos-Inseln... »Aber ich müßte meine Karriere schon weiterverfolgen. Ich würde versuchen, zweigleisig zu fahren.«
»Wie soll das aussehen?«
»Vielleicht ein Drittel bis die Hälfte der Zeit sollte ich meinen Forschungen widmen.«
Chuck Jones beugte sich vor. Seine schwarzen Augen schienen direkt in sie hineinzublicken. »Doktor York. Sie sind nicht verheiratet.«
Was, zum Teufel, soll das? »Nein, bin ich nicht.«
»Wie ist Ihre Meinung zur bevorstehenden Nationalen Frauen-Konferenz?«
».Was soll damit sein? Es tut mir leid, ich vermag nicht zu folgen.«
»Sie müssen wissen, daß sie im November hierher nach Houston kommt. Soweit ich weiß, wird ein Umzug durch Houston stattfinden - die First Lady, Billie Jean King. Wenn Sie dann hier sind und bei der NASA arbeiten, werden Sie dann an diesem Umzug teilnehmen?«
»Vielleicht. Wahrscheinlich nicht. Ich habe mit solchen Dingen nicht allzu viel am Hut.«
»Werden Sie diese Konferenz unterstützen - passiv oder nicht, Doktor York?«
Sind Sie auch eine von diesen Feministinnen, die sich in letzter Zeit mausig machen? Mein Gott. Muß ich darauf antworten? Dem Ärger, den sie verspürte, verlieh sie im Tonfall Ausdruck: »Ich befürworte das Gleichstellungsgesetz von 1974, und mir ist an seiner Durchsetzung gelegen. Ich unterstütze die volle Berufstätigkeit der Frau, flexible Kinderbetreuung und andere grundlegende Dinge. Zum Teufel, ja, ich werde die Konferenz unterstützen, wenn Sie es genau wissen wollen.« Sie sah sie herausfordernd an. Und wenn das gegen mich spricht, dann fahrt zur Hölle, ihr Arschlöcher.
»Möchten Sie uns etwas über Ihre Beziehung zu Michael Conlig erzählen?«
Sie spürte, wie die Handflächen sich mit kaltem Schweiß überzogen. Mein Gott. Das kommt ja immer besser. Das war geradezu empörend. Für einen Moment erwog sie, den Raum zu verlassen.
Dann erstattete sie ihnen einen knappen Bericht über die >nicht Fleisch, nicht Fisch<-Beziehung mit Mike.
»Und sind Sie im Moment zusammen?« fragte Jones.
Sie fragte sich, was die bessere Antwort wäre. Ja oder nein? Vielleicht gelang es ihr später, Mike zu überreden, ihre Version zu bestätigen.
Ach, zum Teufel damit. »Ich weiß nicht, Sir. Es ist ziemlich kompliziert.«
Jones erwiderte ihren Blick für ein paar Sekunden. Dann lehnte er sich im Sessel zurück. »Gut, Doktor. Michael Conlig arbeitet für einen unserer Hauptauftragsnehmer am NERVA 2-Projekt. Aber das wissen Sie bereits. Es wäre gut möglich, daß Sie mit ihm zusammenarbeiten.«
»Wäre möglich.«
»Sind Sie der Ansicht, Ihre komplizierte Beziehung würde irgendwelche Probleme aufwerfen?«
Diesmal machte sie kein Hehl aus ihrem Ärger. »Nein. Bin ich nicht. Ich muß diese Unterstellung in aller Form zurückweisen, Sir. Mike konzentriert sich auf seine Arbeit. Er geht geradezu darin auf. Das gilt auch für mich.«
Jones hob die Augenbrauen. »Ist das vielleicht der Grund für die Komplikationen?«
Fick dich. »Wir beide verfolgen ein Ziel. Wir beide würden unsere Arbeit nach besten Kräften verrichten, ob wir nun zusammenarbeiten oder nicht.« Sie schaute trotzig in die Runde, als ob sie das Gremium vor weiteren Fragen dieser Art abschrecken wollte.
Doch die Neugier auf ihr Privatleben schien nun ohnehin gestillt zu sein. Die nächste Frage bezog sich wieder auf die Wasservorkommen auf dem Mars.
Als das Vorstellungsgespräch beendet war, spürte sie eine kalte Befriedigung.
Sie hatte keine Ahnung, ob sie bestanden hatte oder nicht. Es gab zu viele Faktoren, die sich ihrer Kontrolle entzogen, einschließlich der Kultur und Politik der NASA - zu viele Dinge, auf die sie trotz ihrer Qualifikation, Erfahrung und Eloquenz nicht den geringsten Einfluß hatte. Doch wenigstens hatte sie den Eindruck, ihr Bestes gegeben zu haben.
Dennoch fühlte sie sich irgendwie besudelt. Diese verdammten Fragen über Mike. Sie wünschte, sie hätte eine Möglichkeit gefunden, der Antwort auszuweichen.
Doch die einzige Alternative hatte darin bestanden, zu antworten oder das Handtuch zu werfen. Sie hatte sich fürs Antworten entschieden. Als der Adrenalinstoß nun versiegte, hatte sie das Gefühl, sich selbst untreu geworden zu sein. Sie hatte den ersten Kompromiß von vielen gemacht, die sie wohl akzeptieren mußte, wenn sie in die NASA eintreten und dort überleben wollte.
Als sie sich erhob und zum Gehen wandte, verabschiedete der Mond-Spaziergänger sie mit einem langen und langsamen Winken.
Der Bescheid von der NASA kam - endlich - gleich nach Weihnachten.
Sie stand im Flur des Apartments in Berkeley und sah auf den Umschlag aus weißem Büttenpapier mit dem blauen NASA-Logo.
Dies war ein entscheidender Augenblick in ihrem Leben. Ein wirklicher Scheideweg, eine Gabelung im Schicksal. In einer Richtung lag das Raumfahrtprogramm. Vielleicht sogar der Mars. In der anderen.
Irgendwie war sie nicht imstande, sich vorzustellen, was in der anderen Richtung lag, was folgen würde, falls dieser dünne, edle weiße Briefumschlag eine Absage enthielt.
Sie legte ihn ungeöffnet auf den Schreibtisch.
Dann kochte sie Kaffee und öffnete die restliche Post. Irgendwie schien es nicht angemessen, Den Brief wie jeden anderen zu öffnen.
Mike war draußen in Santa Susana mit den Probeläufen beschäftigt. York hatte seit ein paar Wochen nichts mehr von ihm gehört.
Seine Abwesenheit tangierte sie immer weniger. Sie hatten das Gespräch nie beendet, das sie in jener Nacht im Hotel in LA begonnen hatten. Mein Gott, es war Januar. Fast ein Jahr her. Sie wußte nicht, welche Richtung ihr Leben nehmen würde. York hatte Mike nicht einmal von der Bewerbung fürs Astronauten-Korps, vom Besuch in Houston und der Quälerei auf dem Luftwaffenstützpunkt erzählt. Ben Priest wußte natürlich Bescheid, aber sie hatte ihn gebeten, Mike nichts davon zu erzählen. Ben hatte sich zwar gewundert - sie hatte sich sogar über sich selbst gewundert -, doch sie hatte darauf bestanden.
Sie rechnete nicht damit, daß ihrer Bewerbung Erfolg beschieden war. Eigentlich nicht. Aber sie wollte sehen, wie weit sie kam. Sie betrachtete es als etwas, das sie nur für sich tat, ohne die Billigung oder Mißbilligung von Mike oder sonst jemandem.
Sie würde Mike alles erzählen, wenn sie scheiterte.
Falls sie scheiterte.
Und wenn sie Erfolg hatte? Wie würde sie es ihm dann beibringen?
Oh, hallo, Schatz, ich bin’s. Ach, nichts Besonderes... Ähem. Ja. Ich vermisse dich auch. - Ach, übrigens. Ich habe meine Karriereplanung umgeworfen und werde zum Mars fliegen. Meine Eierstöcke werden von der kosmischen Strahlung verödet werden... Ach was,! Wieso ich dir nichts davon gesagt habe? Ach, du weißt doch, wie das ist. Wir beide haben so furchtbar viel um die Ohren!. Mike? Mike?...
Sie öffnete den Umschlag.
Der Bescheid war negativ. Die Bewerbung war abgelehnt worden. Sie erfüllte nicht die verdammten körperlichen Voraussetzungen für die NASA.
Sie wankte zum nächsten Stuhl und setzte sich hin. Etwas schmolz in ihrem Innern und floß wie durch einen Abfluß ab.