Es wird nicht geschehen. Vielleicht werde ich in einem sterilen Labor in Houston eine Gesteinsprobe unter Glas untersuchen. Und jemand anders wird auf dem Mars Spazierengehen und mit den Händen durch den rostfarbenen Dreck fahren. Aber nicht ich.
Wo es nun amtlich war, wurde ihr bewußt, wieviel ihr daran gelegen hatte. Im Rückblick sah sie den Traum vom Mars wie einen rubinroten Laserstrahl durch ihr Leben tanzen, nach dem all ihre Handlungen sich ausgerichtet hatten. Sie hatte das Raumfahrtprogramm mit Zynismus betrachtet: seine Kultur und die Auswirkungen auf die Gesellschaft ihres Landes. Zum Teufel, sie lehnte es wirklich ab. Die ganze Sache war grundfalsch und eine reine Geldverschwendung, und die wissenschaftlichen Ziele wären auch realisierbar gewesen, ohne schlecht ausgebildete menschliche Wesen in überladenen Raumschiffen mit Leckagen im Bordsystem ins All zu schicken.
Doch solange sie existierte, diese zerbrechliche Leiter von der Erde ins All, wollte sie sie besteigen. Ja! Ich gebe es zu. Ich wollte. Ich wollte es mehr als alles andere!
Sie zerknüllte den Brief und warf ihn auf den Boden.
Sie war froh, daß Mike nicht hier war.
Ben Priest rief ein paarmal an und hinterließ Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Er empfand Mitgefühl für sie.
Sie rief ihn nicht zurück.
Jorge Romero rief an. Er war förmlich am Durchdrehen.
»Weißt du, daß kein einziger Geologe den Eignungstest bestanden hat? Ist das zu fassen? Mein Gott. Wie kann man nur zum Mars fliegen und keinen Geologen mitnehmen? Ich sag dir, Natalie, ich werde darum kämpfen.«
York wollte das eigentlich gar nicht hören.
Es war nun eine Woche her, und sie hatte versucht, die ganze Sache abzuhaken. Die meiste Zeit genügte sie sich selbst, doch
nun hätte sie sich doch jemanden zum Reden gewünscht. Und wenn es ihre Mutter gewesen wäre.
Na ja, vielleicht auch nicht.
Sie befand sich in einem leichten Schockzustand: es war, als ob sie alles auf eine Karte gesetzt und ihre ganze Energie in eine Zukunft investiert hätte, die Mars hieß.
Doch nun sagte sie sich, daß der Traum vom Mars eine Art pubertäre Phantasievorstellung gewesen sei, von der sie sich endlich befreien müßte. Sie spürte einen Anflug von Scham, weil sie die üblen Spiele des Bewerbungsausschusses mitgemacht hatte. Und es entsprach sicher der Wahrheit, daß sie weit mehr - sogar in bezug auf die Mars-Studien - hier auf der Erde zu erreichen vermochte, als wenn sie ein Jahrzehnt ihres Lebens mit der vagen Hoffnung auf einen Raumflug vertan hätte.
Sie mußte endlich erwachsen werden.
Eine Sirenenstimme wie Romero hatte ihr nun gerade noch gefehlt.
Doch sein Redefluß hielt an. »Von den Geologen bist du am weitesten gekommen, Natalie. Du warst überhaupt die einzige Frau in der Endausscheidung. Mein Gott, wissen diese Kerle in Houston denn, was sie tun? Das ist doch kein Fliegerclub für Männer. Ich will diese Entscheidung anfechten und ihnen Kontra geben.«
»Ich weiß nicht, Jorge.«
Und so ging es weiter. Doch sie legte nicht auf.
Schließlich war sie damit einverstanden, daß Jorge ihren Namen wieder auf die Liste setzte.
Es gab viele Leute, die Romero einen Gefallen schuldeten. Sie vermutete sogar, daß er mit Ben Priest gesprochen hatte.
Sie mußte wieder nach San Antonio fliegen und sich erneut ein paar Tests unterziehen. Romero zog renommierte Ärzte der Luft- und Raumfahrtmedizin hinzu, die besten des Landes, damit sie sich des Falls annahmen. Diesmal waren die Untersuchungen noch schwerer zu ertragen, so groß war ihre Anspannung.
Sie unterzog sich dem Programm. Wie betäubt durchlief sie die verschiedenen Stationen; es kam ihr geradezu irreal vor.
In der Zwischenzeit versuchte sie, Pläne für den Rest ihres Lebens, hier auf der Erde, zu schmieden. Und sie versuchte, indes ohne Erfolg, einen Weg zu finden, Kontakt zu Mike aufzunehmen.
Einen Monat nach den medizinischen Untersuchungen läutete das Telefon. Als York abhob, hörte sie Chuck Jones’ Stimme.
»Natalie?«
Ihr stockte der Atem.
Es war ein ganz normaler Tag gewesen, einer von vielen, der bald aus dem Kurzzeitgedächtnis gelöscht und sich im Dunst der Vergangenheit verlieren würde; als sie jedoch vernahm, was Jones zu sagen hatte, wußte sie, daß sie sich für ihr ganzes Leben an diesen Tag erinnern würde.
»Ja. York.«
»Die neuen medizinischen Ergebnisse sehen gut aus«, sagte Jones direkt. »Wollen Sie zu uns rüberkommen?«
Mein Gott.
»Natalie? Sind Sie noch dran?«
»Äh. ja, ich bin noch dran.«
»Nehmen Sie an?«
. Soll ich es wirklich tun? Aber was war mit den Routineangelegenheiten, die sich aus einem Stellenangebot ergaben? Gehalt, Eintrittsdatum, Stellenbeschreibung? Was ist mit der Rente, um Gottes willen? Soll ich vor lauter Dankbarkeit die Katze im Sack kaufen?
»Ich werde mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit annehmen.«
Es trat ein längeres Schweigen ein. Als Jones wieder dran war, sagte er ohne Umschweife: »Wir brauchen ein >ja< oder >nein<, Natalie. Dazwischen gibt’s nichts.«
Sie atmete durch. Sei’s drum. Geronimo. »Sie bekommen ein >ja<.«
Zeitdauer der Mission [Tag] Plus 066 [Std:Min:Sek] 06:34:51
Phil Stone hatte nicht gut geschlafen. Es war fast eine Erleichterung, als Musik aus dem Lautsprecher drang, von Gitarren erzeugte Sphärenklänge.
Er schloß die Augen und vergrub den Kopf im Schlafsack; vielleicht konnte er noch ein paar Minuten herausschinden.
Er hörte ein dumpfes Klappern und unterdrückte Flüche aus der Schlafkabine neben sich. Eine Faust schlug auf die Schaltfläche eines Interkoms. Ruhe, verdammt!
Dann war Ralph also auch schon wach.
Er hörte Natalie niesen. Das lag am Staub. Er stellte ein Problem dar; Staub setzte sich unter den Bedingungen der Mikrogravitation nicht, und trotz der Luftumwälzung und Filter wies die Luft einen hohen Staubanteil auf: durch das Essen, durch Bartstoppeln und Hautabschuppungen.
Die Musik brach ab.
Fred Haise, der heute Capcom war, meldete sich über Funk. »Wenn ihr bereit seid, Ares, habe ich ein paar Aktualisierungen für den Flugplan, für den Speiseplan und die Morgennachrichten.«
»Gebt uns die Nachrichten, Houston«, knurrte Gershon.
»Sicher. Wir haben. Die Lakers haben die Boston Celtics im Spiel um den NBA-Titel vier zu zwei geschlagen. Natalie wird sich freuen, das zu hören. Oder auch nicht. Die Entführung der TWA-Maschine dauert an. Es sieht so aus, als ob die Passagiere von Bord gebracht und in den Slums von Beirut verteilt worden seien. Hier ist etwas für Sie, Ralph; ich weiß, daß Sie ein Faible für Science Fiction haben. Gene Roddenberry hat gesagt, er hätte die Vorbereitungen für eine neue Star Trek-Szene abgebrochen. Sie sollte wie die erste Folge sein, und der gewaltige Raum-Kreuzer Enterprise sollte mit noch stärkeren Phaser-Batterien bestückt werden, und überhaupt sollte das Schiff an Größe und Leistungsfähigkeit des Antriebs alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. Doch dann hat er es sich anders überlegt; anscheinend hat er sich von euch inspirieren lassen. Roddenberry will nun eine neue Serie mit dem Titel Star Trek: Explorer kreieren. Sie handelt von einer Handvoll Menschen und Aliens, die mit einer Nußschale von Raumschiff tiefer ins All vorstoßen als je einer zuvor. Was sagt ihr dazu, Jungs. Die Wissenschaft wird zum Motor der Science Fiction. So heißt es hier.«
Gershon lachte. »Wer spielt mich? Und wer von uns ist das Alien?«
Haise, der zwar eine Frohnatur, aber kein Rhetoriker war, las weiter. Nach ein paar Minuten ging die monotone Stimme Stone zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus.