Dennoch hielt er die Nachrichten von zu Hause für wichtig. Es erinnerte sie daran, daß es eine bewohnbare Welt gab, zu der sie nach dem Flug in dieser Blechbüchse zurückkehren würden.
Stone ging auf die Toilette, wusch sich und zog ein T-Shirt sowie eine kurze Hose an. Dann hängte er sich eine Lesebrille an einer Schnur um den Hals.
Heute müßte eigentlich ein guter Tag werden. Gemäß Missionsplan sollte Stone ein paar optische Beobachtungen vornehmen, um das TCM-2, das morgige KurskorrekturManöver vorzubereiten. Dies war ein Höhepunkt der Mission, auf den er sich schon seit der Erstellung des Flugplans gefreut hatte.
Doch zuvor mußte er noch viel Routinekram erledigen. [Std:Min:Sek] 08:15:31
Nach dem üblichen diffizilen Frühstück bestand für die Besatzung der erste Punkt der Tagesordnung darin, die Wände des Missionsmoduls mit Desinfektionstüchern abzuwischen.
Das mußte alle paar Wochen getan werden - und noch öfter, wenn die Eierköpfe auf der Erde ihnen sagten, daß die bakterielle Belastung im Missionsmodul den Grenzwert überschritten hatte. Das war auch ein Problem der Mikrogravitation. Mikroorganismen fanden auf den driftenden Wassertropfen ideale Lebensbedingungen vor und vermehrten sich in den Winkeln des Moduls rasant. Darüber hinaus beeinträchtigte die Mikrogravitation die Immunreaktion der Besatzung: das hatte etwas mit der verringerten Anzahl von Lymphozyten im Blut zu tun.
Anschließend schwebte die Besatzung zur Raum-Arche.
Bei der Arche handelte es sich um eine Reihe von Tierversuchen, von denen ein paar von Jugend forscht< entwickelt worden waren. Es gab Kunststoffbehälter in verschiedenen Größen, in denen Elritzen, sechs Mäuse, ein paar hundert Fliegenpuppen und eine Spinne namens Arabella enthalten waren. Es gab sogar einen Behälter mit Würmern. Stone tippte gegen einen der transparenten Behälter. Er sah, daß die Elritzen enge Kreise zogen; offensichtlich waren sie durch die fehlende Schwerkraft desorientiert.
Während der Planung der Mission hatte York ihre Skepsis in bezug auf den wissenschaftlichen Nutzen der Arche zum Ausdruck gebracht, und Gershon hatte es von vornherein abgelehnt, sich mit einem solchen Mist zu befassen. Doch nun waren beide, wie Stone feststellte, recht angetan von der Ausrüstung.
Stone fand die Würmer interessant. Sie stammten von Samoa und hießen Palolo. Sie lebten in Tunnels, die sie tief in Korallenbänke trieben und tauchten nur zur Paarung auf, im letzten Viertel des Oktobermonds. Alljährlich. Doch niemand wußte, wie die Würmer den richtigen Zeitpunkt feststellen konnten. In Samoa waren die durch den Mond verursachten Gezeiten zu schwach, um von den Würmern wahrgenommen zu werden. Zumal das Mondlicht höchstens ein paar Zentimeter in die felsigen Behausungen der Würmer vordrang.
Deshalb sollte durch dieses Experiment ermittelt werden, wie die Würmer sich verhielten, wenn sie nicht mehr dem irdischen Schwerefeld ausgesetzt waren.
Die Spinne befand sich in einem Behälter mit dem Etikett Araneus Diadematus. Ein solides Netz mit einem Durchmesser von mindestens dreißig Zentimetern war im Behälter aufgespannt. Die Spinne hockte im Mittelpunkt.
»Gut, Arabella«, murmelte Stone, »dann bist du nun ein Astronaut, was? Schau’n wir mal, was du so draufhast.« Er öffnete die Vorderseite des Behälters, und die Fäden des Netzes wurden in Schwingungen versetzt. Dann zerriß das Netz, und die Spinne driftete haltlos in der Luft. Er hatte ein schlechtes Gewissen wegen der Vernichtung des Netzes. Doch bei dem Experiment ging es gerade darum, daß die Spinne ein neues Netz spinnen sollte. Akustische Transducer erzeugten ein hochfrequentes Schallfeld im Behälter, das durch jede
Bewegung der Spinne gestört wurde. Außerdem gab es Lichtschranken und eine Kamera.
Die dreiköpfige Besatzung scharte sich um den Behälter, riß Witze über die Spinne und tippte an den Behälter und die Ausrüstung.
Nun schwebte Stone zu einem kleinen Experimental-Garten hinüber. Er hatte eher Ähnlichkeit mit einer Vitrine, in der sich ein Blech mit Erdreich von den Ausmaßen einer Aktentasche befand. Dort gediehen Erbsen, Weizen, Gurken, Petersilie, Zwiebeln, Dill, Fenchel und Knoblauch. Ein paar Pflanzen wuchsen in der Mikrogravitation, und andere in einer botanischen Zentrifuge, in der die Bedingungen auf dem Mond und dem Mars simuliert wurden.
Stone inspizierte die Reihen der Pflänzchen. Die Erbsen hatten sich in den ersten paar Wochen gut entwickelt, doch nun sah es so aus, als ob sie verdorren würden. Er gab ihnen Wasser und Nährstoffe. Die Pflanzen bildeten nur sporadisch Samen, doch aus Tests ging hervor, daß die Pflanzen einen hohen Nährwert hatten; die Mikrogravitation beeinträchtigte also nicht die Protein-Synthese. Die Wurzeln schlugen jedoch in alle Richtungen aus, weil sie in der Schwerelosigkeit nicht in der Lage waren, sich zu orientieren.
Stone wurde vom Kontrast der grünen, fruchtbaren Pflanzen und der kalten Schwärze hinter der wenige Zentimeter dicken Hülle des Missionsmoduls überwältigt. Er hauchte die Erbsenpflänzchen an, um mit konzentriertem Kohlendioxid ihr Wachstum zu stimulieren.
[Std:Min:Sek] 09:57:57
Stone zog am isokinetischen Trainingsgerät. Die Maschine war in der Mitte des Missionsmoduls an einem Ausleger verschraubt. Das Gerät hatte einen Hebel mit zwei Griffen, Schulterpolster und Handgriffe, die über eine Gelenkkette eine Luftturbine antrieben. Die Trainingsmaschine war eine Neuentwicklung, welche die Tretmühlen und Rudergeräte ersetzte, die bei früheren Flügen verwendet worden waren. Indem er die Füße auf einer Plattform abstützte, vermochte Stone eine Reihe von Übungen durchzuführen.
Er schaute ständig auf die in der Maschine integrierte Uhr und grämte sich jedesmal wegen der Zeit, die er noch trainieren mußte. Er fühlte sich unwohl; das Hemd war durchgeschwitzt, und Schweiß klebte an der Brust und zwischen den Schulterblättern. Als einzige Ablenkung diente ein kleines rundes Beobachtungsfenster, das neben ihm in die Druckhülle eingelassen war. Er starrte hinaus in die Dunkelheit.
Nach ein paar Monaten - so hatte Stone es jedenfalls verstanden - paßten die Körperfunktionen sich an die Mikrogravitation an und pendelten sich in einem neuen Gleichgewicht ein, das sich jedoch von dem auf der Erde unterschied. Das neurovestibuläre System, der AusgleichsMechanismus im Ohr, versagte zuerst - deshalb auch die Raumkrankheit -, doch erholte es sich nach ein paar Tagen wieder. Dann stellte der Flüssigkeitshaushalt des Körpers sich um, anschließend das kardiovaskuläre System, das Herz und die Blutgefäße.
Der irdische Normalzustand indes stellte sich nicht mehr ein.
Stones Gehirn, das nicht auf Mikrogravitation programmiert war, glaubte, das überschüssige Blut würde sich im Kopf ansammeln, weil zuviel Flüssigkeit im Körper war. Also befahl es den Nieren, mehr Urin auszuscheiden. Und das barg die Gefahr der Dehydrierung. Deshalb mußte Stone täglich über einen Liter Flüssigkeit mit einer Salzlösung trinken. Das hatte die NASA von den Russen abgeschaut.
Die übermäßige Urinausscheidung hatte jedoch zur Folge, daß Kalzium und Kalium aus den Knochen gezogen wurden. Wegen des Kalziummangels bestand nun das Risiko, daß die Knochen spröde wurden oder sich Nierensteine bildeten, und das fehlende Kalium verursachte womöglich Herzprobleme. Also mußte er Nahrungsmittelzusätze einnehmen, und für den Fall von gravierendem Knochenschwund waren anabolische Steroide verfügbar.
Die Muskeln wurden nur minimal belastet, so daß - falls er dem nicht entgegenwirkte - Muskelschwund eintreten würde. Deshalb mußte er an der Trainingsmaschine das volle Programm absolvieren. Dann gab es noch Hilfsmittel wie den Pinguin-Anzug - so genannt, weil man beim Training wie der besagte Vogel umherwatschelte. Dieser Anzug bestand aus elastischen Bändern, die den Träger in eine fötale Körperhaltung zwangen. Auf diese Art arbeiteten die Muskeln ständig, als ob sie sich gegen die Schwerkraft stemmten. Und dann gab es noch den chibis, die russische Bezeichnung für Kiebitz. Das hatte die NASA auch von den Sowjets abgekupfert: verstärkte Beinkleider, die den Luftdruck an den Beinen verringerten und das Herz zu größerer Aktivität anregten, um Blut aus dem Unterleib nach oben zu pumpen.