Die isokinetischen Übungen wirkten auch dem MineralienEntzug der Knochen entgegen. Die Knochen waren immer stark genug, um den von den Muskeln ausgeübten Belastungsspitzen standzuhalten.
Die Besatzung mußte sich alle paar Tage einem Elektrokardiogramm und Seismokardiogramm unterziehen sowie die Atemfrequenz und das Atemvolumen messen. Die Ergebnisse wurden an die Ärzte auf der Erde übermittelt. Insgesamt ging durch den biomedizinischen Krempel ein ganzer Tag pro Woche verloren.
Der Besatzung gefiel das gar nicht. Deshalb sagte Stone sich, daß er den anderen mit gutem Beispiel vorangehen müsse. Wenn er schluderte, würden sie das auch tun. Also achtete er darauf, daß er wenigstens das Trainings-Minimum von einer Stunde pro Tag einhielt.
Dennoch entwickelte Stone, allen Vorsorgemaßnahmen zum Trotz, einen klassischen Fall von Hühnerbeinen, wie die Astronauten es nannten. An den Beinen trat Muskelschwund ein. Die Fußsohlen waren so weich wie bei einem Kleinkind. Und die Körperteile, die am schnellsten ermüdeten, waren die Hände. Die Hände wurden ständig auf eine Art und Weise beansprucht, die auf der Erde unüblich war. Sie zogen ihn durchs Modul und bremsten seine Masse ab.
[Std:Min:Sek] 11:43:24
Heute war Stones Duschtag. Jeder durfte einmal pro Woche duschen.
Er zog Hemd und Hose aus und schwang die Beine in die labile Duschkabine. Hierbei handelte es sich um einen Zylinder aus weißem Gewebe, der an eine große Ziehharmonika erinnerte. Er zog den Vorhang zu und hakte ihn in eine an der Decke befestigte Metallscheibe ein. Dann seifte er sich ein und spülte mit klarem Wasser nach. In Ermangelung der Schwerkraft floß das Wasser durch den Luftstrom vom Körper ab.
Er hatte das Gefühl, daß ganze Hautschichten sich lösten; die Katzenwäsche, die zwischen den Duschbädern nur möglich war, genügte eben nicht. Eine angenehme Nebenwirkung war, daß die Dusche die Muskeln entkrampfte.
Durch das in der Luft hängende Wasser hatte die Sache sowieso mehr Ähnlichkeit mit einer Sauna als mit einer Dusche.
Er dachte über seine Leute nach.
Sie alle waren von NASA-Psychologen über das menschliche Verhalten während langer Phasen der Isolation aufgeklärt worden. Stone hielt sich mit seiner Flugerfahrung für abgeklärt und robust. Doch bei seinen Leuten erkannte er hin und wieder die typischen Anzeichen der Isolation: Schlafstörungen,
Langeweile, Unruhe, Ängstlichkeit, Zorn, Depressionen, Kopfschmerzen, Reizbarkeit, nachlassende Konzentration und ein Verlust des Raum- und Zeitgefühls.
Die Ares wurde täglich mit Botschaften von irgendwelchen wohlmeinenden Leuten, Familienangehörigen und Freunden bombardiert, doch die Zeitverzögerung war inzwischen so groß, daß eine vernünftige Konversation unmöglich war. Und irgendwie hatten diese vertrauten Stimmen von jenseits der relativistischen Barriere den Effekt, daß der Besatzung die Isolation um so deutlicher bewußt wurde.
All das machte der Mannschaft zu schaffen.
Gershon wirkte ziemlich souverän, zumindest an der Oberfläche. Er war noch immer der alte Scherzkeks. Doch es traten zunehmend Dissonanzen auf. Gershon war von Beruf Pilot und kurze, heftige Adrenalinstöße gewöhnt.
Dennoch bewährte Ralph sich in Stones Augen. Gershon wußte, daß er seine Chance bekommen würde, wenn er die Marsfähre auf die Oberfläche brachte. Stone betrachtete es als seine Aufgabe, den Mann zu motivieren, bis sie den Mars erreicht hatten.
York indes war ein anderer Fall.
York war zugeknöpft, penibel und ein wenig verschlossen. Und überaus arrogant und herablassend. Und noch dazu ein Zivilist. Gershons Witze und Späßchen brachten sie schier zur
Weißglut, doch sie sagte nie etwas; statt dessen fraß sie es in sich hinein und schmollte nur. Das vergiftete die ganze Atmosphäre.
York war wie viele der berufstätigen Frauen, mit denen Stone bisher zu tun gehabt hatte. Soll heißen, sie hatte eine schwere Profilneurose.
Aber er beneidete und bewunderte sie wegen ihrer inneren Stärke.
Was ihn selbst betraf, so gestand Stone sich ein, daß die Mission alles für ihn war: das Raumschiff fliegen, seinen Auftrag ausführen, nachdem sie auf dem Mars gelandet waren und wieder zurückfliegen.
York hatte, im Gegensatz zu ihm, einen Blick für die größeren Zusammenhänge: diese grandiose Erfahrung, den interplanetaren Flug. Das waren innere Reservoire, aus denen York Kraft schöpfte und an denen sie - in dem Maße, wie sie im Verlauf der Mission aus ihrem Schneckenhaus herauskam -die anderen teilhaben ließ.
Zuweilen wurde sie sogar richtig poetisch.
Stone wußte, wie wichtig das war. Er hoffte, daß sie es auf diese Art schaffen würden. Und laut Aussage von Houston stieg sogar die Zuschauerquote der wöchentlichen Fernsehberichte - die nach der anfänglichen Begeisterung durch den Start steil abgefallen war - wieder an. Das war hauptsächlich Yorks Verdienst.
Er trocknete sich mit einem Handtuch ab und saugte die Wassertropfen in der Dusche mit einem Unterdruckschlauch ab. Das war eine fummelige und zeitaufwendige Arbeit.
Nachdem er die Duschkabine endlich abgebaut und verstaut hatte, war er wieder so frustriert und angespannt wie zuvor. Die entspannende Wirkung der Dusche war bereits verflogen.
[Std:Min:Sek] 13:12:5
Stone setzte sich an die Kontrollen des Missionsmoduls und ging die Betriebs-Parameter der Mehrstufenrakete durch: Lebensmittelverbrauch, Brennstoffverbrauch für die Lage- und Bahnregelung, Verdunstungsfaktor des Flüssigbrennstoffs.
Die Werte lagen überwiegend im grünen Bereich.
Doch die Sonnensegel, die wie Flügel aus den Seiten des S-IVB-Zusatztriebwerks wuchsen, drohten zu überhitzen. Die Segel konnten um fünfundzwanzig Grad geschwenkt werden, so daß die Sonnenstrahlen im spitzen Winkel einfielen und die Segel nicht überhitzten. Stone formulierte eine Empfehlung an das Kontrollzentrum, den Schwenk schon ein paar Tage früher auszuführen; Minuten später erwiderte Houston, daß man den Vorschlag prüfte.
Dann traten Schwierigkeiten bei der Stromversorgung einer ferngesteuerten Antennenschüssel auf, die zur Erde gerichtet war. Die Stärke des Signals war um drei Dezibel gesunken: vielleicht war ein Teil des Systems unter der thermischen Belastung ausgefallen. Das würde sich unter Umständen zu einem ernsten Problem auswachsen, denn die Übertragungsgeschwindigkeit, mit der hochauflösende Bilder zur Erde gesendet wurden, verringerte sich durch diesen Defekt. Die Bodenstation sagte, man würde zunächst nichts unternehmen, sondern erst ein paar Simulationen laufen lassen und Analysen erstellen.
Und nun traten noch Probleme mit ein paar Reglern der siebzehn Akkus des Moduls auf. Ein Regler, Nummer Fünfzehn, war schon vor ein paar Tagen ausgefallen, und nun folgte Nummer Drei. Das reduzierte die Stromversorgung des Moduls um ungefähr zweihundert Watt. Houston vermutete irgendwo einen Niederspannungs-Erregerstrom, der die Regler zu oft abschaltete, und Stone mußte die Zündsysteme des
Moduls umgehen und die Daten für den Energieverbrauch für die Spezialisten in den Nebenräumen des MOCR auslesen.
Es war eine langwierige, beinahe stumpfsinnige Arbeit. Der Routinekram gab einem wirklich den Rest; das war eine der Widrigkeiten des Langstrecken-Raumflugs. Doch das mußte sein, um diesen in Handarbeit hergestellten Blecheimer in Betrieb zu halten.
[Std:Min:Sek] 15:40:01
Endlich kam er dazu, sich der Navigation zu widmen.