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Er schwebte zum Panoramafenster in der Messe hinunter und packte das optische Besteck aus.

Das Besteck umfaßte ein Teleskop mit achtundzwanzigfacher Vergrößerung und einen Sextanten. Der Sextant war ein kompaktes Gerät mit einem Okular und einer kalibrierten halbrunden Skala, um die Winkel zwischen den Sternen zu messen. Stone hantierte gern mit diesen schönen, schweren Messinginstrumenten. Falls er von diesem Flug ein Andenken mitnehmen würde, dann keinen Marsstein, sondern dieses kleine Instrument.

Stone plazierte sich vor das Panoramafenster.

Zuerst bestimmte er den scheinbaren Durchmesser der Sonnenscheibe, wodurch er die Entfernung des Raumschiffs von der Sonne ermittelte. Dann bestimmte er die Winkel zwischen der Venus und einem Fixstern und zwischen der Erde und demselben Fixstern. Mit diesen drei Messungen hatte er die Position im Raum bestimmt. Zur Sicherheit würde er noch ein paar zusätzliche Messungen durchführen.

Er war nicht imstande, das optische Instrument in der Mikrogravitation ruhig zu halten. Doch er kompensierte dieses

Manko, indem er die Instrumente in der Luft driften ließ; dann hielt er das Auge ans Okular und bekam ein genaues Ergebnis.

Das erste TCM6 war zehn Tage nach dem Start von der Erde erfolgt. Schon zu diesem Zeitpunkt war das Schiff deutlich von der programmierten Flugbahn abgewichen. Die Verantwortlichen in Houston hatten der Ares Parameter für Kurskorrekturen übermittelt, und das Korrektursystem der MS-II-Stufe - zwei modifizierte Mondfähren-Triebwerke - hatte die Geschwindigkeit um mehr als sieben Meter pro Sekunde erhöht. Doch nach den aktuellen Daten wich das Raumschiff noch immer leicht vom Kurs ab. Heute würde Stone Position und Geschwindigkeit des Raumschiffs ermitteln und den Kurs neu bestimmen; und morgen, wenn sie es denn schafften, würde das zweite TCM das Schiff vollends auf den richtigen Kurs bringen.

Die Bodenstation verfügte über eine ganze Palette an Möglichkeiten, um die Position eines Raumschiffs zu bestimmen. Je schneller das Schiff sich von der Erde entfernte, desto stärker wurde die Trägerfrequenz des Funks verschoben, wie beim Pfeifen eines vorbeifahrenden Zugs. Zur Bestimmung der Entfernung wurde ein Modulationsmuster - ein kurzer digitaler Code - zum Raumschiff abgestrahlt und wieder aufgefangen. Anhand der Laufzeit des Signals sahen die Spezialisten auf der Erde, wie weit das Schiff von der Erde entfernt war. Darüber hinaus verwendete die Ares eine experimentelle Methode, wobei der Winkel zwischen der Ares und einem Quasar - einer weit entfernten Radioquelle -gemessen wurde.

Doch nicht einmal die Kombination dieser Techniken erlaubte eine hinreichend präzise Ortung der Ares; die Genauigkeit betrug nur etwa die Hälfte des erforderlichen Werts.

Die Ares verfügte selbst über automatische optische Sensoren. Zum einen gab es zwei Sonnensensoren -Cadmiumsulfid-Photowiderstände - auf dem Sonnensegel. Dann gab es noch ein sogenanntes Sternfolge-Gerät, eine Linse mit einer Sondenröhre. Doch das automatische System war nicht allzu effektiv. Alle paar Tage wurde das Sternfolge-Gerät durch helle Teilchen irritiert, Abfallpartikel, die zusammen mit dem Raumschiff die Sonne umkreisten.

Also mußte Phil Stone - wie die irdischen Seefahrer es seit Tausenden von Jahren getan hatten - das Schiff nach den Sternen navigieren.

Er summte bei der Arbeit. Er wußte, daß er sein Handwerk beherrschte. Er hatte in Planetarien auf der Erde und im Mondlabor geübt; er war in der Lage, Messungen mit einer Genauigkeit von ein paar Bogensekunden durchzuführen. Diese Befähigung verschaffte ihm eine große Befriedigung.

Als er fertig war, packte er die Instrumente zusammen und schwebte wieder zu seiner Steuerkonsole. Dann gab er die Zahlen in den Computer ein, um die Position zu ermitteln. Natürlich würde er die Rohdaten an Houston übermitteln, doch er wollte sich beweisen, daß er selbst auch dazu imstande war.

Stone fand Gefallen daran, die Flugbahn des Raumschiffs zu visualisieren und zu ermitteln, wo er sich gerade befand.

Die Energie, die zum Einschuß in die Transferbahn verbraucht wurde, war für menschliche Begriffe monumental. Schließlich hatte es fünf Jahre gedauert, den Treibstoff in den Orbit zu transportieren. Im kosmischen Maßstab indes war der Betrag so gering, daß die Flugbahn des Raumschiffs kaum von der Erdbahn abwich. Nachdem der Ares-Verbund sich von der Erde abgestoßen hatte, driftete er nun neben dem Heimatplaneten im Orbit, wie ein Hund neben seinem Herrchen.

Die ersten Ergebnisse sahen gut aus; das Raumschiff war dort, wo es sein sollte. Wenn durch die TCM-2-Zündung die Geschwindigkeit um einen Meter pro Sekunde erhöht würde, wäre das schon genug.

Nach getaner Arbeit gönnte er sich eine Pause. Er drehte die Beleuchtung der Messe herunter und saß in der warmen Kabine am Panoramafenster, umgeben vom Summen der Lüfter.

Die Ares war nun allein im Weltraum: Erde und Mond waren zu einem Paar sternenartiger Lichtpunkte geschrumpft. Im ganzen Universum erschien nur die Sonne als Scheibe.

Das Gefühl der Isolation war überwältigend: weitaus intensiver, als er es bei den bisherigen Raumflügen erlebt hatte. Nicht einmal in Moonlab hatte er sich so einsam gefühlt. Wenn man sich nicht gerade hinter dem Mond befand, hatte man die Erde immer im Blick. Und in Skylab A dominierte die Erde ohnehin jeden wachen Augenblick, und man fand Halt an dieser großen Decke aus Licht, an den Kontinenten und Ozeanen, die unter einem dahinzogen.

Hier draußen war das anders. Es gab kein >oben< und >unten<: es gab nur kleine Felseninseln, die im All umhertrieben. Für den interplanetaren Raumflug würden die Menschen eine neue Art der Wahrnehmung entwickeln müssen, sagte er sich, ein dreidimensionales Bewußtsein.

Während die Augen sich an die Dunkelheit anpaßten, kamen die Sterne zum Vorschein: Millionen - viel mehr, als durch die trübe Atmosphäre der Erde zu sehen waren. Er sah die Galaxis, einen großen Fluß aus Sternen. Er erkannte den Rand der Scheibe in Richtung des galaktischen Zentrums, im Sternbild des Schützen. Staubwolken zogen um die Peripherie der Galaxis und erweckten den Eindruck, als ob sie gezackt wäre. Die näheren Sterne funkelten in den dunklen Narben. Und er sah die Jupitermonde, vier an der Zahl, neben dem leuchtenden Planeten aufgereiht.

Ralph schwebte aus der Helligkeit der Messe herauf und brachte ihm das Essen, zwei Beutel mit warmgemachtem, rehydrierten Eintopf. Stone steckte sich einen Stift in den Mund und rührte das Wasser ein, bis die Pampe die richtige Konsistenz hatte.

[Std:Min:Sek] 19:37:20

Nach dreizehn Stunden hatte die Besatzung ihr Tagespensum erfüllt. York fühlte sich wieder kribbelig. Also schluckte sie eine Tablette und ging schlafen. Stone wollte noch aufbleiben und vielleicht einen Brief schreiben.

Doch Gershon, der auch noch voller nervöser Energie steckte, wollte Darts spielen.

Die Dartscheibe war neben dem magnetischen Kartenspiel die Freizeiteinrichtung des Missionsmoduls. Die Dartpfeile hatten Klettspitzen und waren gut ausbalanciert.

Mit einem Spiel in der Schwerkraft war es aber nicht zu vergleichen. Für einen zielgenauen Wurf empfahl es sich, den Dartpfeil nicht zu schnell, aber doch mit etwas Schwung durch die Luft zu bewegen, um ihn zu stabilisieren. War er nämlich zu langsam, geriet er durch die Luftströmungen ins Trudeln.

Gershon stellte die Scheibe auf der Wissenschaftlichen Plattform auf, und er und Stone warfen die Pfeile so, daß sie die Werkstatt in ihrer ganzen Länge durchflogen.

[Std:Min:Sek] 21:01:32

Gershon sagte ihm, er solle aufstehen und in die Raum-Arche kommen.

Arabellas Behälter war nicht richtig geschlossen gewesen, und die Spinne hatte sich selbständig gemacht. Gershon wies auf ein großes Netz, das sich auf einer Fläche von ein paar Quadratmetern von einer Seite des Missionsmoduls zur andern zog.