Stone hoffte, daß trotz der mehrfachen Sterilisierung des Moduls genug Insekten überlebt hatten, um Arabella als Nahrung zu dienen. Gershon schüttete die FruchtfliegenLarven aus.
Sie flogen zum Mars, eingehüllt in ein Spinnennetz. Stone fand, daß das ein schönes Bild war.
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Stone hatte seinen üblichen Weltraum-Traum.
Eigenartigerweise war er sich der Gründe für den Traum bewußt, obwohl er schlief: die Brise vom Wandventilator, das Gefühl des Falls in der Mikrogravitation, vielleicht eine unterbewußte Erkenntnis der Geschwindigkeit, mit der er reiste.
All das verquickte sich zu einem Traum vom Fliegen.
Er war umgeben von Wäldern, Flüssen und einem blauen Himmel, und er flog in geringer Höhe, wie ein Raubvogel.
Juni 1978
University of California, Berkeley
Manchmal kam York die Aussicht, die Stelle in Houston anzutreten, geradezu attraktiv vor, verglichen mit der Kungelei in den Elfenbeintürmen der Universität. Sie würde dorthin gehen, wo große Dinge geschahen: die Leute dort befaßten sich mit wichtigeren Tätigkeiten als Anträgen für neue Finanzmittel, und die Leistung wurde nicht nur an der Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen pro Jahr gemessen.
Dann wiederum kam ihr das völlig irreal vor.
Viele Leute rieten ihr von einer Tätigkeit für die NASA ab, von den akademischen Führungskräften abwärts. So sagte man ihr zum Beispiel, daß der Schwerpunkt der Astronautik sich nicht in Houston befände, sondern an Universitäten wie Cornell, wo Carl Sagan lehrte. Hätte ihre Arbeit über Ablaufkanäle auf dem Mars denn davon profitiert, wenn sie ihr Bündel geschnürt hätte und nach Texas gegangen wäre?
Die NASA schien wirklich eine anti-wissenschaftliche Haltung einzunehmen. Nach der Landung von Apollo 11 hatte gleich eine ganze Gruppe von Wissenschaftlern gekündigt: Bill Hess, Chefwissenschaftler in Houston, Elbert King, Kurator der Mondproben, Eugene Shoemaker, Leitender Geologe von Apollo. Shoemaker hatte seiner Skepsis hinsichtlich der Ausrichtung des Raumfahrtprogramms Ausdruck verliehen und die mangelnde Eignung des Apollo-Systems für die Erkundung des Mondes kritisiert: so wurden Oberflächenproben zum Beispiel mit Flaschenzügen in die Landekapsel gehievt! Und es sah mitnichten so aus, als ob die Dinge sich gebessert hätten. Wäre es beim Mars-Programm etwa anders?
Es war deprimierend. Wenn diese bedeutenden Männer schon nicht imstande waren, in der NASA etwas zu bewirken, welche Möglichkeiten hatte sie dann?
Besorgte Freunde hielten ihr Zeitungsberichte unter die Nase. Der Fall Tennessee Valley gegen Hill war soeben abgeschlossen worden. Der Oberste Gerichtshof hatte gegen den Bau des neuen Tellico-Damms entschieden, weil er das einzige bekannte Habitat eines kleinen Fisches namens Schneckenfänger überfluten würde. Die Menschen waren heute nicht mehr für sinnlose technische Großprojekte zu gewinnen - galt das nicht auch für sie? -, und was war wohl größer und sinnloser als die NASA?
Andere Leute unkten, sie würde als billige Hilfskraft verschlissen und Butterbrote für die Astronauten schmieren. Und wenn sie dann in den akademischen Betrieb zurückkehren wollte, würde eine riesige Lücke im Lebenslauf klaffen. Sie würde eine vielversprechende Karriere aufs Spiel setzen.
Außerdem brauchst du dir nur Dallas anzugucken, um zu sehen, in welche kulturelle Wüste du dich begeben willst. Und das Klima dort unten in Texas, meine Liebe. O je!
Sie stellte sich stur, schwang sich sogar zur Anwältin des Raumfahrtprogramms auf. Als eine Anwendung der Regierungstechnik rangierte die Raumfahrt irgendwo zwischen echter Wissenschaft und dem Gegenteil. Zumindest trug sie nicht aktiv zur militärischen Vernichtung von Menschen bei. Sie zitierte Ben Priest als ein Beispiel eines intelligenten, besonnenen Erwachsenen, der - wenn vielleicht auch mit Mühe - in der Schlangengrube der NASA überlebte.
Wie dem auch sei, der einzige Weg zum Mars führte über Houston. Damit war die Sache erledigt, was sie betraf.
Sie sah Mike Conlig nicht mehr.
Als sie sich schließlich dazu durchrang, ihm von ihrer Bewerbung zu erzählen, schien er nicht überrascht. Sie hatte sogar den Eindruck, als ob er es gar nicht ernst nähme.
Er rief noch ein paarmal an, aus Marshall und Santa Susana. Doch er kam nicht nach Berkeley, um mit ihr zu reden oder ihr zu helfen, eine Entscheidung zu treffen.
Vielleicht hielt er das für eine Laune von ihr und glaubte, daß sie es sowieso nicht schaffen würde. Wenn das stimmte, dann kannte er sie aber schlecht.
Oder vielleicht glaubte er auch, daß sie ein Verhältnis mit Ben Priest hatte. Seit Pasadena, und das war nun schon zwei Jahre her, war sie nur noch einmal mit Ben ins Bett gegangen. Doch sie war keine Schauspielerin; das, was geschehen war, verrieten ihre Stimme, der Blick und die Körpersprache, falls Mike überhaupt so feinfühlig war, das zu erkennen.
Was er, wie sie traurig erkannte, nicht war.
Doch ihre Unterhaltung war zu steif, und es blieben zu viele Dinge unausgesprochen, um es mit Sicherheit zu sagen.
Es waren viele Details zu beachten.
Sie erhielt einen zweiten Brief. Aus ihm ging hervor, daß sie sich in sechs Wochen in Houston melden sollte, um mit der Grundausbildung zu beginnen. Das war eine lächerlich kurze Frist für einen engagierten Wissenschaftler, um sich von seinen Verpflichtungen zu lösen. Sie verordnete sich einen achtzehnstündigen Arbeitstag. Sie versuchte, ihre eigene Forschungsarbeit abzuschließen und einen Beitrag zu den Gruppenarbeiten zu leisten. Sie wies den Doktoranden, die mit ihr zusammenarbeiteten, neue Aufgaben zu und ließ die Lehraufträge auslaufen.
Ihr Gehalt bei der NASA entsprach dem, was sie auch an der Universität als Dozentin bekommen hätte. Sie hatte zwar nicht erwartet, als Astronautin Reichtümer anzuhäufen, doch die Bezahlung war erbärmlich; vor allem in Anbetracht der Umwälzungen in ihrem Leben, dem enormen Zeitaufwand und den Risiken, um Himmels willen.
Das machte ihr so zu schaffen, daß sie Ben Priest anrief.
»Hat man mich auf dem Kieker?«
»Das hat nichts mit dir zu tun. Du mußt bedenken, daß du in einer riesigen Hackordnung ganz unten stehst, Natalie. Du kannst nicht mehr erwarten als ein Militär-Astronaut im Rang eines Stabsoffiziers. Das wirst du wohl einsehen. Und ihr Gehalt ist gestaffelt, weil sie nach der militärischen Tabelle besoldet werden.«
»Ja, aber die Tarife für Zivilangestellte sind auch gestaffelt, wenn man erst mal drin ist. Es herrscht ein Beförderungsstau, und,«
Er unterbrach sie: »Das mußt du selbst wissen, Natalie. Ist das wirklich wichtig? Hängt es wirklich vom Gehalt ab, ob du zur NASA gehen willst? Wenn nicht, hör auf zu nörgeln und mach weiter.«
Sie ließ sich das durch den Kopf gehen.
Sie unterschrieb die Unterlagen.
Sie mußte sich um die Rentenversicherung kümmern. Sie verkaufte das Auto und kündigte die Mietwohnung. Dann setzte sie ein neues Testament auf: ihre Mutter war die Hauptbegünstigte, und - nach einiger Überlegung - setzte sie Ben Priest als Testamentsvollstrecker ein. Sie kaufte sich eine neue Garderobe: Sommerhosen und Blusen, die dem Klima in Houston angemessen waren. Sie sprach mit ihrer Bank und stellte einen Nachsendeantrag für die Post.
Sie wurde sogar Opfer von Nachstellungen der Presse und örtlichen Rundfunkstationen, die auf eine Geschichte über die Frau im Weltall erpicht waren. Nach dem Erscheinen der ersten gehässigen Story - Weltraum-Schönheit hinter dem Mond - jagte sie die Reporter weg, und damit schien die Sache erledigt.
Dann fanden Abschiedszeremonien statt. Sie haßte das.
Sie fuhr ein letztesmal durch Berkeley. Den Dwight Way entlang, über die Telegraph Street, an den Häuschen mit den Schindeldächern vorbei, und dann durch den Strawberry Canyon. Die Hügel waren mit üppigem sommerlichen Grün überzogen. In der Ferne, jenseits der Ebene von Berkeley, sah sie das Weichbild von San Francisco und Marin County, mit der rostfarbenen Golden Gate-Brücke als Bindeglied. Die Luft war klar und roch nach Eukalyptus.