Wie konnte sie all das gegen den feuchten Smog von Houston eintauschen?
Sie hatte nicht berücksichtigt, wie problematisch dieser Aspekt ihrer Odyssee werden würde. Ihr Arbeitsplatz, das Apartment, das sie seit Jahren bewohnt hatte, Berkeley an sich: all das, so wurde ihr nun - vielleicht zu spät - bewußt, machte ihr Leben aus. Die Areologie, die Erforschung der Geologie des Mars, und der Flug ins All waren eine Sache - doch sie hatte nicht geahnt, wie schwer es ihr fallen würde, die Wohnung zu räumen, die Karten und Abschiedsgeschenke entgegenzunehmen, Adressen auszutauschen und immer wieder Auf Wiedersehen zu sagen.
Mittwoch, 5. Juli 1978
Zentrale von Rockwell International, Los Angeles
Gershon ging um den Wagenpark, um sich nach der Fahrt von der Stadt hierher die Beine zu vertreten. Es war kälter, als er es von Kalifornien erwartet hätte.
Die Niederlassung von Rockwell zog sich an der südlichen Grenze des Internationalen Flughafens von Los Angeles hin. Auf der anderen Seite des Zauns befand sich die Betonfläche des Flughafens. Flugzeuge rollten wie Spielzeuge zwischen entfernten Gebäuden. Er hörte das leise Grollen startender Jets, und ein schwacher Geruch von Kerosin stieg ihm in die Nase. Wenn er die Augen zusammenkniff, erkannte er eine Anzahl großer Flugzeuge in einer Warteschleife am Himmel.
Das Gebäude des Rockwell-Hauptquartiers war ein trister, vierstöckiger Backsteinbunker ohne ein einziges Fenster. So etwas hatte Ralph Gershon noch nie gesehen; der Bau sah aus wie diese skurrilen modernen Skulpturen, mit denen die Künstler einen Reibach machten. Kein Tageslicht. Mein Gott. Er war zu einer Konferenz mit der Technischen Kontaktgruppe MEM hier, und solche Besprechungen waren ohnehin die Hölle. Die Vorstellung, den ganzen Tag in diesem Backsteinbau zu verbringen, war deprimierend.
Hinter der Ansammlung von Firmengebäuden überblickte er den Imperial Boulevard bis hinunter nach Santa Monica. Es war ein schönes Bild, wie das Licht der Morgensonne sich im stahlgrauen, stillen Meer spiegelte.
»Hier.«
Ein kleiner, drahtiger Mann stand neben ihm. Er hatte schütteres Haar, trug eine randlose Brille und wurde von Sommersprossen entstellt. Er hielt eine Packung Zigaretten in die Höhe.
»Danke«, sagte Gershon. »Ich rauche nicht.«
»Uh huh.« Der Typ nahm sich eine Zigarette, klopfte damit gegen die Packung und steckte sie an. Er hatte überproportional lange, knochige Arme, die aus den zu kurzen Hemdärmeln ragten. Auf dem Parkplatz, direkt hinter ihm, stand ein metallic-schwarzer Ford Thunderbird. »Sie sahen so aus, als ob Sie eine gebrauchen könnten.« Der Mann hatte einen breiten New Yorker Akzent. Er war vielleicht fünfzig und kam Gershon irgendwie bekannt vor.
»Sie sind wegen der MEM-Sache hier?« fragte Gershon.
»Ja. Und Sie? Sind Sie von der NASA? Ein Pilot vielleicht?«
»Woher wissen Sie das?«
Der Mann tippte sich gegen sein Bäuchlein. »Weil Sie so sportlich wirken.«
»Ich bin der Vertreter des Astronauten-Büros.« Gershon zögerte, bevor er das Wort >Astronaut< aussprach. Das tat er immer. Sehen Sie mich an, den großen Astronauten. Dabei habe ich gerade einmal ein Schulflugzeug für die NASA geflogen. Doch dieses Männchen hatte das Wort >Pilot< verwendet. Vielleicht wußte er Bescheid.
Der Fremde reichte ihm die Hand. »Mein Name ist Lee. John K. Meine Freunde nennen mich JK.«
Der Druck der schwieligen Hand war fest. Das war nicht der Händedruck eines Bürohengstes.
»Sind Sie einer von den MEM-Bewerbern?«
»Nee«, sagte Lee. »Ich bin von der CA. Columbia Aviation. Sagen Sie nur, Sie hätten noch nie von uns gehört.«
Gershon grinste.
Lee zuckte die Achseln. »Wir sind Zulieferer für Rockwell und andere Firmen und führen auch Versuche für die NASA durch. Wir entwickeln Lifting Bodies und so. Wir sind zwar klein, aber auf Expansionskurs, und wir sind besser als die anderen. Wenn die Konzepte präsentiert werden, treten wir gegen die Großen an und versuchen, uns auch ein Stück vom Kuchen abzuschneiden.« Er betrachtete das Hauptquartier, den großen Backsteinbau. »Ich habe für eine Weile hier gearbeitet, müssen Sie wissen. Unter Dutch Kindelberger.«
Gershon musterte Lee mit neuem Interesse. Natürlich war dieser Name ihm ein Begriff. Jedes Kind, das sich wie Gershon für Flugzeuge und seine Konstrukteure begeistert hatte, kannte Dutch Kindelberger. Dutch hatte Rockwell - die damals noch als North American Aviation firmierte - während der Kriegsjahre aufgebaut, indem er das vielleicht beste amerikanische Fluggerät jener Zeit produzierte, die P-51 Mustang.
»Dutch hat dieses Gebäude selbst entworfen«, sagte Lee. »Wir nannten es die >Ziegelei<.«
»Ich wußte gar nicht, daß Kindelberger auch ein Architekt war.«
»War er auch nicht.« Lee grinste. »Sie halten den Bau nicht für repräsentativ?« Er ließ den Blick schweifen, über den
Flughafen, den Boulevard, das Ensemble der Rockwell-Gebäude. »Auf dem Hauptgebäude befand sich ein Schild, dort drüben.« Er deutete in die entsprechende Richtung. »Es war meilenweit zu sehen. >Heimat der X-15<.«
Bei Gershon machte es >klick<. »Ihr Gesicht kam mir die ganze Zeit schon bekannt vor.« Er erinnerte sich vage an ein Foto, das er als Kind aus der Zeitung ausgeschnitten hatte: ein Experimentalflugzeug in Edwards, vor dem eine Reihe grinsender junger Ingenieure angetreten war; alle mit Brille, Biberzähnen und wuscheligem Haar. »Sie haben an der X-15 gearbeitet?«
»Nein«, sagte Lee. »Aber ich weiß, was Sie jetzt denken.«
»Die B-70. Sie haben an der B-70 gearbeitet, nicht wahr? Mit Harrison Storms.«
Harrison Storms war der Mann, der das Apollo-Raumschiff für Rockwell entworfen hatte. Und zuvor hatte er die B-70 konstruiert, einen Überschall-Bomber. Gershon erinnerte sich an die alten Fotos: der Edelstahlrumpf, der einen weißen Anstrich bekommen hatte, um die bei Mach 3 entstehende Hitze abzuleiten, die großen Deltatragflächen in fünf Metern Höhe.
»Der Kongreß hat das Projekt gestrichen«, sagte Lee. »Wir haben nur zwei dieser verdammten Dinger gebaut. Und von einer weiß ich, daß sie mit einer F-104 zusammengestoßen ist. Die andere wurde wohl verschrottet.«
»Nein. Sie existiert noch. In einem Museum.«
Lee beäugte Gershon und lächelte dann. »Wie ist das möglich? Davon wußte ich gar nichts.«
Gershon schaute auf die Uhr. »Kommen Sie. Es ist schon nach neun. Wir müssen gehen.«
»Sicher. Wir wollen schließlich nichts verpassen, nicht wahr?«
Nebeneinander betraten sie die >Ziegelei<.
Zwei korpulente Angestellte mühten sich mit einem sperrigen Overheadprojektor ab. »Weißt du auch wirklich, wie man dieses Ding fliegt, Al?« fragte einer.
Al lachte nur.
Gershon versuchte, es sich auf dem kleinen, harten Stuhl bequem zu machen. Die Aktentasche verstaute er unter dem Tisch. Es war jetzt schon heiß und stickig, und der Kragen scheuerte am Hals.
Das Wort >fliegen< brachte bei ihm eine Saite zum Klingen. Einen Projektor fliegen. Einen Tisch fliegen. Mein Gott. Worte, die von Leuten in den Mund genommen wurden, deren Verständnis vom Fliegen sich darauf beschränkte, bei der Flugbegleiterin einen Drink zu ordern.
Der Vorsitzende bat um Ruhe. Es handelte sich um Tim Josephson, den NASA-Inspektor - ein >langes Elend< mit dem Habitus eines Bücherwurms. Er nahm auf einem Drehstuhl an der Stirnseite des Tischs Platz und rasselte die Tagesordnungspunkte herunter.