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Lee lehnte sich zu Gershon hinüber. »Was sagen Sie dazu? Das ist Dutchs altes Büro. Da steht sogar noch sein Stuhl, um Himmels willen. Rockwell muß wirklich scharf sein auf diesen Auftrag.«

Die Wand hinter Josephson zierte ein Gemälde. Es zeigte eine P-51 Mustang, die frontal auf den Betrachter zuflog.

Gershon wollte hier raus und etwas tun.

Doch so lief es im Astronauten-Büro nicht. Man mußte sich auch mit unangenehmen Dingen befassen.

»Höfen Sie«, hatte Chuck Jones in seiner Eigenschaft als Chef-Astronaut gesagt. »Wir müssen jemanden aus dem Büro für das MEM7 abstellen.«

Gershon glaubte, man hätte ihm einen Schlag mit dem Hammer versetzt. »Aber das gibt es doch noch gar nicht.«

»Um so besser.« Und dann hatte Jones Gershon erzählt, wie Pete Conrad sich an der Entwicklung der Steuerung und Instrumente für die Mondlandefähre beteiligt hatte. »Conrad hat Monate in Sperrholzmodellen des LEM8 verbracht, inmitten von bunten Schaltern und Skalen, und ist in seiner Phantasie auf dem Mond gelandet.« Jones hielt Daumen und Zeigefinger hoch, mit einer Haaresbreite Abstand zwischen beiden. »Und er war so dicht dran, als erster Mensch auf dem Mond zu landen. Und Sie wollen mir nun erzählen, Sie wüßten besser als der alte Pete Conrad, wie die Dinge hier laufen?«

Dann war der Auftrag vielleicht doch nicht so übel, hatte Gershon sich gesagt.

Das Problem war nur, daß es noch immer nicht so aussah, als ob das MEM jemals fliegen würde, außer in den Hochglanzbroschüren der Luft- und Raumfahrtindustrie.

Die Landung eines Raumschiffs auf dem Mars war kein Kinderspiel. Und das war auch schon das einzige, worüber Einigkeit herrschte. Selbst wenn man den Hintern erst einmal dorthin geschwungen hatte, wurde man mit einem Planeten konfrontiert, der einen Zwitter aus Erde und Mond darstellte: aber von beiden nur die schlechten Eigenschaften, wie Gershon befürchtete. Die schlierige Luft war zu dick, um mit einem Zinnblech-Vehikel auf dem Strahl einer Rakete zur Oberfläche zu fliegen, so wie das LEM gelandet war; man brauchte einen Hitzeschild. Andererseits war die Luft zu dünn, um auf einem Gleitpfad zu langen, so wie eine Raumfähre auf der Erde landete. Man mußte eine Lösung dazwischen finden, eine Kreuzung zwischen einem Flugzeug und einem Raumschiff.

Also waren Auseinandersetzungen vorprogrammiert. Schließlich hatte noch nie jemand versucht, ein Gerät zu bauen, um Menschen auf dem Mars abzusetzen.

Weil es obendrein um viel Geld und große Politik ging, beschränkten die Auseinandersetzungen sich nicht nur auf die Technik.

Die Kontaktgruppe war erst vor kurzem gebildet worden und ging auf eine Initiative von Fred Michaels selbst zurück. Er wollte mit ihrer Hilfe versuchen, den Knoten des Disputs durchzuhauen, der den Bau des MEM verzögerte. Die Gruppe brachte sämtliche Fraktionen zusammen - die Luft- und Raumfahrtingenieure von Rockwell, McDonnell, Grumman und Boeing sowie die NASA-Sektionen aus Marshall, Arnes, Langley und Houston -, um die strittigen Punkte zu klären.

Nun legten die jeweiligen Gruppen ihren Standpunkt dar.

Zuerst präsentierte eine Delegation von Grumman ihre Sicht der Dinge.

Das Grumman-MEM würde als Halbkegel - wie eine senkrecht halbierte Apollo-Kommandokapsel - den Mars-Orbit verlassen und auf dem Planeten landen. Mit geballter elektronischer Unterstützung vermochte die Besatzung das Gerät sogar zu steuern. Nach dem Eintritt in die Atmosphäre würde das MEM kippen, so daß es mit der Spitze auf die Planetenoberfläche wies. Nach dem Abstoßen des Hitzeschilds würde etwas zum Vorschein kommen, das wie eine aufgeblasene Mondfähre mit Teleskop-Landebeinen aussah. Das Gerät würde auf dem Strahl der Düsen am Bug zur Oberfläche hinuntersinken. Auf dem Boden würde das MEM sich dann entfalten und die Unterkünfte für die Besatzung zur Oberfläche hinabschwenken.

Grumman hatte schon das Apollo-Mondmodul gebaut. Gershon wußte zufällig, daß Grumman sich der stillschweigenden Zustimmung aus Marshall erfreute, repräsentiert von Hans Udet und den anderen alten Deutschen. Im Grunde handelte es sich also nur um eine Weiterentwicklung des Mondmoduls, mit der für die Deutschen typischen brachialen Kraftentfaltung.

Die Leute von Grumman hatten ein Modell mitgebracht, einen Modellbausatz des Geräts: es bestand aus ausziehbaren Landebeinen, rotierenden Kabinen und einem Hitzeschild. Unter den Händen der nervösen Referenten brachen einzelne Teile des Modells ab. Das Ding wirkte völlig überzüchtet. Als der auf dem Kopf stehende Kegel sich teilte und das Innenleben des Geräts freilegte, drängte Gershon sich der Vergleich mit einer Eistüte auf, JK Lee beugte sich vor und lachte leise. »Mein Gott, ist das Ding häßlich. Und die Entwicklungsanstrengungen wären eh für die Katz’.«

»Wieso denn?«

»Das Ding ist ein Bastard. Zu viele Köche verderben den Brei. Man müßte einen neuen Werkstoff für den Hitzeschild entwickeln, um diese große Fläche abzudecken. Und man müßte einen Lifting Body konstruieren, der in der MarsAtmosphäre flugtauglich wäre. Und man müßte auch gleich eine neue Landekapsel entwickeln. Und wozu?«

»Was würden Sie also tun?«

»Ich? Wenn ich Grumman wäre? Ich würde den Konstrukteuren sagen, sie sollen den Nachtisch weglassen und sich nur aufs Hauptgericht konzentrieren. Man müßte einen Ansatz wählen und diesen konsequent verfolgen. Wenn man einen Lifting Body bauen will, na schön. Aber diese MondStelzen? Nein danke.«

Die Delegation von Boeing hielt sich mit Details zu ihrem Landefahrzeug zurück; statt dessen konzentrierten sie sich auf den Eintritt in die Atmosphäre. Ihr MEM würde aus dem Orbit absteigen, in die Atmosphäre eintreten und dann, in etwa zehn Kilometern Höhe, würde es einen Ballonschirm - eine Kombination aus Ballon und Fallschirm - entfalten. Das große, aufblasbare Segel würde in der dünnen Luft eine Bremswirkung erzielen. Dann würden Fallschirme, die sich in einer exakt berechneten Reihenfolge entfalteten, das Gerät so dicht zur Oberfläche hinunterbringen, daß BodeneffektRaketen schließlich eine sichere Landung gewährleisteten.

Das Problem war nur, daß noch niemand einen Ballonschirm hergestellt, geschweige denn im Windkanal getestet hatte. Zumal es ohnehin unmöglich war, ihn in der dichteren ErdAtmosphäre zu erproben.

Großen Raum in der Boeing-Präsentation nahmen die Techniken des Zusammenlegens von Fallschirmen ein. Es war sterbenslangweilig. Gershon zwang sich zwar, Notizen zu machen, doch wenn er dann auf den Notizblock schaute, war er nicht einmal imstande, das Gekrakel zu lesen.

Die dritte Präsentation erfolgte von Rockwell selbst; das Unternehmen wurde von Langley und vom JPL unterstützt. Und sie stellte auch die plausibelste Option vor. Basis war ebenfalls ein Lifting Body, der jedoch fortschrittlicher war als Grummans primitiver Halbkegeclass="underline" es handelte sich um eine bikonische Konstruktion, einen Kegelstumpf, der von einer spitzen Nase gekrönt wurde. Das MEM war in der Lage, direkt von der Erde kommend in die Marsatmosphäre einzutreten, ohne daß es zuvor in einen Parkorbit um den Mars hätte gehen müssen. Mit dem Steuerknüppel und den Pedalen für die Steuerruder hatte der Pilot den Doppelkegel hundertprozentig unter Kontrolle. Das Raumschiff würde einem komplizierten Eintrittspfad folgen, wobei es durch wiederholte Luftbremsung die Geschwindigkeit aufzehrte und zwischendurch Wärme abführte. Der Doppelkegel würde mit der Grundfläche nach unten landen und wäre gleich wieder startbereit.

Doch es gab auch Schwachpunkte. Die Elektronik war derart komplex, daß die Astronauten nicht imstande waren, das Ding im Fall eines Computerabsturzes manuell zu landen. Zudem boten die vielen gekrümmten Flächen der Luft einen großen Widerstand, weshalb fast die ganze Fläche des Doppelkegels mit Hitzeschilden verkleidet werden müßte.