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Der Doppelkegel erschien Gershon wie ein Hybride aus Langleys traditioneller Ausrichtung auf Flugzeuge und die Expertise von JPL in Cybernetik und Computertechnik, wobei diese Punkte mit Rockwells unersättlichem Appetit auf üppige und ehrgeizige Entwicklungs-Etats verquirlt worden waren.

Bei der Betrachtung der Präsentation spürte Gershon ein merkwürdiges Jucken in Händen und Füßen.

Lee grinste ihn an. »Ich sehe es an Ihrem Blick. Sie würden das Ding gern direkt zum Mars fliegen und vielleicht noch ein paar Kreise über Olympus Mons ziehen.«

»Ja, ja.«

Lee wedelte mit der Hand. »Ich will mich nicht über Sie lustig machen. Aber Sie müssen bedenken, daß wir hier über eine Entwicklungsdauer von mindestens zwanzig Jahren reden. Das nehme ich jedenfalls an. Mein Gott, bisher hat noch niemand einen Doppelkegel geflogen. Nicht einmal ein abgefucktes Sperrholzmodell. Es sei denn, die Russen hätten etwas am Kochen, was ich aber nicht glaube.

Und dann reden Sie davon, einen Doppelkegel zu bauen und damit zum Mars zu fliegen. Was wissen wir denn schon von der Atmosphäre des Mars? Junge, wenn Sie sehen wollen, wie Ihr Enkel im roten Staub landet, dann investieren Sie Ihr Geld in einen Doppelkegel. Aber Sie und ich, wir werden den Mars bestimmt nicht sehen.«

Die drei Präsentationen dauerten bis in die Abendstunden. Zum Schluß wurden in aller Ausführlichkeit die Vorzüge der jeweiligen Konzepte erörtert: Mannschaftsstärken, mögliche Aufenthaltsdauer auf dem Mars, Anfangsmasse im Erdorbit, Differenzgeschwindigkeit, aerodynamische Charakteristika wie das Auftriebs-Luftwiderstand-Verhältnis. Die Diskussion verlor sich in Details, und nach einer Weile wurde Gershon klar, daß es allen Beteiligten eher um ihre Profilierung als um eine Entscheidungsfindung ging.

Gershon betrachtete Dutch Kindelbergers Wandgemälde und fragte sich, wie die Mustang sich wohl geflogen hatte.

Als die Versammlung sich gegen einundzwanzig Uhr auflöste, verabredeten die Delegierten sich in diversen Bars.

JK Lee kam auf Gershon zu. »Sie wirken gestreßt.«

Gershon grinste ihn an. »Ich hätte nichts gegen ein paar kühle Bierchen einzuwenden. Aber nicht gerade in einer Bar mit diesen Vertretertypen.«

»Ja. Hören Sie. Sie wollen hier raus? Es ist eine klare Nacht. Wir könnten eine Spritztour machen, vielleicht rauf nach Edwards.«

Der Luftwaffenstützpunkt Edwards. In der Wüste des Hochlands. »Fahren wir.«

Sie verließen die >Ziegelei<. Lee steuerte den schwarzen Thunderbird aus der Parkbucht. Sie hielten noch einmal an und kauften ein paar Sechserpacks Bier, und dann verließ Lee die Stadt in nördlicher Richtung.

Die Nacht war frisch und wolkenlos, doch am Horizont war das schwefelgelbe Glühen der Stadt zu sehen. Gershon mußte den Kopf in den Nacken legen, um in einem kleinen runden Himmelsausschnitt überhaupt ein paar Sterne zu sehen. Er glaubte, er hätte dort oben das große Rechteck von Pegasus, dem geflügelten Pferd, gesehen.

Er kam sich irgendwie eingesperrt vor, als ob die Stadt mit dem Smog eine große Kiste wäre, in die man ihn gesteckt hatte.

Lee steuerte das Auto mit einem Finger am Lenkrad. »Ich weiß noch, wie ich hierher gekommen bin. Das war ‘55 oder noch früher. In den Tagen der B-70. Damals führte nur eine zweispurige Straße aus der Stadt über den Newhall-Paß und durch den Mint Canyon zur Wüste hinauf. Und Palmdale war nur eine Tankstelle inmitten einer Baumgruppe. Hat sich alles sehr verändert.«

»Schon möglich.«

»Und? Hatten Sie einen guten Tag?« Gershon grunzte. »Habe schon bessere erlebt.«

»Sie haben wohl nichts übrig für Fachgespräche.«

»Das waren gar keine Fachgespräche. Zumal die meisten Anwesenden wohl eh keine Ingenieure waren.«

Lee brach in schallendes Gelächter aus. »Da haben Sie recht. Aber hier geht es um Politik. Sie müssen es mal so sehen. Als Nixon 1972 das Space Shuttle auf Eis legte, waren die Bosse der Luft- und Raumfahrtindustrie stinksauer. Sie wollten das verdammte Ding, weil es neu gewesen wäre. Dann wären sie nämlich in der Lage gewesen, mit Hilfe massiver Subventionen die alten Saturn-Werkzeuge auf den Schrott zu werfen und die Ausrüstung zu modernisieren. Doch bei dem Stufenprogramm, nach dem wir nun arbeiten, greift alles ineinander. Und fast alles ist im Besitz der Firmen, die diese Komponenten gebaut haben.

Dann arbeitet also Boeing zum Beispiel an der neuen MS-IC, der modifizierten ersten Saturn-Stufe, die von dieser Firma selbst konzipiert wurde. Und McDonnell-Douglas, drüben in Huntington Beach, baut die Skylabs und Moonlabs - in

Raumstationen umgewandelte dritte Saturn-Stufen -, die McDonnell auch entwickelt hatte. Und so weiter.«

»Aber das >Filetstück< unter den Aufträgen - die fortschrittlichste Technik, die prestigeträchtigste Arbeit des nächsten Jahrzehnts - wird das MEM sein. Ein völlig neues Raumschiff, das ein paar Menschen zum Mars befördern und viele Menschen reich machen wird.«

»Die NASA hat noch keine Aufforderung zur Angebotsabgabe ausgesprochen?«

»Natürlich nicht. Wo denken Sie hin? Die NASA wird von ihren Auftragnehmern bedrängt. Obendrein bekämpfen die NASA-Zentren sich gegenseitig.«

»Schon möglich«, sagte Gershon düster. »Aber wir haben seit 1972 schon sechs Jahre vertan.«

»Sie wollen noch mal fliegen, bevor Sie in den Ruhestand gehen.«

»Sie haben’s erfaßt.«

»Teufel, ich verstehe das. Hören Sie, wollen Sie ein Bier?«

»Trinken Sie eins mit?«

»Klar.«

Die Bierdosen waren gerade erst aus dem Kühlschrank des Ladens gekommen und noch mit Reif überzogen. Gershon sprach dem Gebräu ordentlich zu, und er spürte, wie die Anspannung des Tages von ihm abfiel.

Die San Gabriel-Berge lagen nun hinter ihnen, und Lee steuerte den Thunderbird durch die Dunkelheit.

Die von den Scheinwerfern ausgeleuchtete Straße war schnurgerade und in beiden Richtungen leer.

Nun war der Himmel bis zum Horizont mit Sternen übersät. JK Lee arretierte das Lenkrad mit beiden Beinen. In der einen Hand hielt er ein Bier, zog mit derselben Hand eine Zigarette aus der Packung und zündete sie mit der anderen an. Die

Zigarettenglut und die Instrumentenbeleuchtung tauchten sein Gesicht in ein schwaches, diffuses Licht.

»Was würden Sie tun?« fragte Gershon.

»Hä?«

»Wenn Sie ein MEM bauen sollten.«

»Ich? - Ach, wir werden den Auftrag nicht bekommen. Damit würde die NASA zu vielen Leuten auf die Füße treten. Zumal die Großen uns sowieso ausstechen würden. Rockwell wird den Zuschlag bekommen. Das weiß doch jeder. Sie werden ein paar Fäden ziehen, wie sie es schon bei Apollo 11 getan haben. Dem Vernehmen nach dürfen sie als Ausgleich für das von Nixon gestrichene Space Shuttle das MEM bauen. Das und die umgerüstete zweite Saturn-Stufe für den Einschuß in die Transferbahn. Man darf schließlich seine Wähler nicht verärgern.« Durch den Bronx-Akzent wirkte diese Aussage irgendwie drollig.

Gershon grunzte und nahm einen ordentlichen Schluck Bier. »Aber wenn Sie es bauen würden«, hakte er nach.

»Wenn wir es bauen würden?« Lee dachte kurz nach, wobei er die Bierdose im Schoß balancierte. »Nun, man müßte den konkreten Anforderungen    Rechnung    tragen.    Eine solche

Gelegenheit, ein Flug zum    Mars,    wird    sich wohl nur einmal

bieten. Also wird man    etwas    bauen, das    schnell und

kostengünstig herzustellen ist und das auf Anhieb funktioniert. Aber wir wissen eben    nicht,    ob    Lifting    Bodies und

Doppelkegel funktionieren, und wir müßten vielleicht viel Zeit und Geld investieren, nur um festzustellen, daß sie nicht funktionieren.«