Jones führte die neunköpfige Gruppe ins Gebäude 30 und versorgte sie mit Kaffee. Dann wies er sie ein. Im ersten Jahr hatte York den Status eines >Ascan< - eines AstronautenKandidaten. Sie würde für ein halbes Jahr Vorlesungen in Astronomie, Aerodynamik, Physiologie, RaumschiffsSystemen, interplanetarer Navigation, Physik der oberen Atmosphäre und so weiter besuchen. Sie mußte wieder die Schulbank drücken. Außerdem standen Besuche in Kennedy,
Marshall, Langley und anderen NASA-Zentren auf dem Programm.
Sie würden >geeicht< werden, wie Jones sich ausdrückte; die Ausbilder würden versuchen, sie mit einem bestimmten Grundwissen in allen Bereichen auszustatten, unabhängig vom jeweiligen Hintergrund. Das geschah zum Teil auch aus PR-Zwecken, vermutete York, damit sie imstande waren, zu jedem Aspekt ihrer zukünftigen Missionen einen intelligenten Kommentar abzugeben.
Sie würden auch körperlich trainieren, in Simulatoren, Zentrifugen etcetera. Außerdem würden sie Flugerfahrung erwerben, auf dem Rücksitz einer T-38; doch im Gegensatz zu früheren Nachwuchs-Astronauten würde diese Gruppe keine richtige Flugausbildung machen.
Das stellte einen Bruch mit der Tradition dar. Sie lassen Astronauten zu, die keine Piloten sind! Chuck Jones machte den Eindruck, als ob er Kreide fressen müßte, als er sich diese Mitteilung abrang, und ein paar der Jungs wirkten enttäuscht; einer fragte sogar, ob er die Flugausbildung freiwillig machen dürfe.
Nach dem Ascan-Jahr würden die Kandidaten in die Gruppe der Aktiven übernommen und hätten dann die Aussicht, für einen Raumflug ausgewählt zu werden. Zwei Jahre vor einem Flug würde dann das missionsspezifische Training beginnen.
»In der Theorie«, sagte Jones.
»In der Theorie, Sir?« fragte jemand.
»Ich rede jetzt Klartext«, sagte Jones. »Ihr werdet in absehbarer Zeit nicht in den Weltraum fliegen. Bei eurer Intelligenz wißt ihr, wie es um den Staatshaushalt bestellt ist.
Selbst wenn wir zum Mars fliegen, und selbst wenn - wenn! -ein Wissenschaftler ausgewählt wird« - Jones’ Tonfall machte deutlich, was er davon hielt -, »sind noch viele Leute vor euch. Einschließlich etlicher Wissenschaftler, die schon seit Jahren hier sind und noch nicht ein einziges Mal geflogen sind. Es ist noch schlimmer als bei Apollo. Bei Apollo waren wenigstens ein paar Mondflüge geplant. Zum Mars ist nur ein einziger Flug geplant, und die Konkurrenz um die Plätze für diesen Flug ist gnadenlos.«
Jones schaute mit seinen kalten schwarzen Augen in die Runde, und York hatte Mühe, dem Druck dieses Blicks zu widerstehen, als ob er eine Art feindlicher Radarenergie verströmt hätte. »Sie müssen mit langen Wartezeiten rechnen und mit der Möglichkeit, daß überhaupt keine Flüge mehr stattfinden. Wir brauchen Sie hier nicht. Ich sage das nur, damit Sie Bescheid wissen.«
Ben Priest führte sie zum Mittagessen ins Nassau Bay Hilton aus.
Sie inspizierte die Speisekarte. »Fleischgerichte. Meeresfrüchte. Salat. Kartoffeln. Mehr Fleischgerichte. Mein Gott, Ben.«
Er grinste und nippte an einer Cola. »Willkommen in Houston.«
»Wie hält ein zivilisierter Mensch wie du es hier nur aus, Ben?«
»Sei nicht so versnobt, Natalie.«
York bestellte sich ein Hähnchenschnitzel. Was ihr dann serviert wurde, war ein tellergroßes, dick paniertes Stück Fleisch. Die ersten Bissen schmeckten noch gut, doch das Fleisch war zäh, und bald bekam sie Zahnschmerzen.
Oh, wie ich Houston lieben werde. Ich fühle mich schon richtig heimisch.
»Sag mal«, sagte Priest. »Was hältst du denn von den Astronauten, die du eben en masse gesehen hast?«
»Kapitäne von Schulmannschaften und Klassensprecher. Hinterwäldler.«
Er lachte. »Schon möglich. Dann trifft das aber auch auf mich zu. Hier bin ich nur der >Ohi< aus Ohio.«
»Das ist mein Ernst, Ben. Vielleicht ist es das, was mit der NASA nicht stimmt. Diese Jungs haben es zu einfach.«
»Zu leicht?«
»Sicher. Trotz ihrer großen Leistungen. Tag für Tag erhalten die Astronauten einen klar umrissenen Auftrag, den sie bloß ausführen müssen. Der Rest der Menschheit hat es nicht so leicht.«
Er grunzte und tranchierte sein T-Bone-Steak. »Eins steht zumindest fest«, sagte er.
»Und was?«
»Ob du diese Pfadfinderkolonie nun richtig beurteilst oder ob es sich nur um einen subjektiven Eindruck handelt, von dem wir hier reden; es wird dir verdammt schwer fallen, hier eine Nische zu finden.«
Sie wußte, daß er recht hatte. Der Flug zum Mars wäre vielleicht noch die leichteste Übung.
Nach dem Essen machte Priest mit ihr eine Stadtrundfahrt und war ihr bei der Wohnungssuche behilflich.
Sie war erleichtert, als sie sich in Bens vertrauter Corvette vom JSC entfernte. Und es war eine Erleichterung, mit Ben zusammenzusein.
Sie drehte sich zu ihm um. Er sprach kein Wort beim Fahren. Wenn er nun die Hand zu ihr ausstreckte.
Aber er streckte sie nicht aus. Er saß so steif da, als ob er sie ganz vergessen hätte. Wahrscheinlich ist er in dieser Hinsicht genauso ratlos wie ich.
Ihre Beziehung zu Ben war schon komisch, sagte sie sich. Fast so komisch wie die lange Beziehung mit Mike Conlig. Sicher. Und was ist der gemeinsame Nenner, York?
Nachdem sie und Ben sich auch körperlich nähergekommen waren, hatten sie viel weniger miteinander geredet. Und wenn sie sich unterhielten, dann nur über Banalitäten. Ben schien nicht einmal in der Lage, eine Trennung von Karen auch nur in Erwägung zu ziehen, und was York betraf, so dümpelte die Beziehung mit Mike Conlig so vor sich hin. Je länger sie dauerte, desto größer würde die emotionale Last. Haben Ben und ich nur eine Affäre? Springen wir nur ab und zu in die Kiste?
Es war, als ob die bipolaren Beziehungen, die Ben und York hatten, sie immer auseinanderbrachten, wenn sie sich gerade näherkamen.
Doch eines wußte sie mit Bestimmtheit. Wenn sie den ersten Morgen am Johnson Space Center irgendwie überstehen wollte, dann war sie auf Bens Beistand angewiesen, um nicht den Verstand zu verlieren.
Houston deprimierte sie. Die Stadt schwitzte unter einer Käseglocke aus feuchtwarmer Luft. Die Luftverschmutzung war unerträglich. Das flache Land befand sich auf der Höhe des Meeresspiegels und wurde von lehmigen Flüssen und Sümpfen durchzogen. Im Umkreis von hundert Meilen gab es keinen einzigen Hügel. Der Boden außerhalb der Stadt war eine klebrige Substanz, die von den Einheimischen als >Gumbo< bezeichnet wurde, eine Masse aus Schlamm, Lehm und Muschelschalen; kümmerliche Kiefern und knorrige Eichen wuchsen auf Feldern mit hartem, stachligem Gras.
Ben fuhr mit ihr zum San Jacinto-Monument hinaus, einem wuchtigen Obelisken aus den dreißiger Jahren, der von einem texanischen Stern gekrönt wurde. Er diente als Denkmal für den Sieg von General Sam Houston über die Mexikaner. Sie fuhren zur Aussichtsplattform an der Spitze hinauf. Der Park mit dem Obelisken war in ein mehrere Quadratkilometer großes Gelände mit Raffinerien eingebettet. Aus dieser
Perspektive existierte das JSC überhaupt nicht; Houston hatte von der Ölkrise der frühen Siebziger profitiert, und als York das Gewirr aus Pipelines betrachtete, erkannte sie, daß Houston in der Hauptsache vom Erdöl lebte und daß das Raumfahrtprogramm nur ein Arbeitgeber von vielen war.
An der Basis des Monuments roch es nach Erdöl.
Zur Wohnungssuche fuhr Ben sie zurück zum NASA-Gelände am Clear Lake im Südosten der Stadt. Clear Lake war, wie Ben sich ausdrückte, weder klar noch ein See, sondern ein Seitenarm der Galveston Bay - das war offensichtlich ein Standard-Witz des JSC. Die NASA-Straße Eins, der Zubringer zum JSC, verlief parallel zur Küste, und zwischen Badeorten, die schon bessere Tage gesehen hatten, waren moderne Wohnsiedlungen errichtet worden - Nassau Bay und El Lago. Die Badeorte aus der Gründerzeit bildeten einen eigentümlichen Kontrast zum Raumfahrtzentrum: durch die salzhaltige Luft und die intensive Sonneneinstrahlung waren die Fassaden verblichen, und die Gebäude machten einen heruntergekommenen und geradezu unheimlichen Eindruck. York sagte sich, daß die Einheimischen es als Schock empfunden haben mußten, als die NASA per Dekret des Präsidenten vor zwanzig Jahren hier gelandet war.