Die Neubauten waren im Ranchhaus-Stil errichtet worden, hübsche kleine Bungalows mit winzigen Vorgärten. Die Siedlung war grün, gepflegt und vermittelte den Eindruck von Wohlstand.
»Mein Gott«, grunzte York. »Der amerikanische Traum von 1962. Das Häuschen im Grünen, Mum und zwei Kinder, Grillfeste und ein Segelboot. Wie bei den Waltons.«
»Nein.« Priest lächelte hinter der Sonnenbrille. »Dies ist Astronauten-Territorium. Dann wäre der Vergleich mit >bezaubernde Jeannie< schon zutreffender. Aber du gibst dem Ort überhaupt keine Chance, Natalie.«
»Nicht?«
»Nein. Clear Lake ist eine Art wissenschaftliche Gemeinde. Zum einen haben wir das JSC und dann noch die chemische Industrie im Umland. Hier gibt es mehr Doktoren pro Quadratmeter als in den meisten Orten außerhalb der Universitätsstädte. Du wirst dich hier sicher heimisch fühlen.«
»Hör auf, mich aufmuntern zu wollen, Ben.«
»Das will ich gar nicht. Glaub mir. Du hast es noch sehr gut angetroffen. Die >Sternen-Stadt< in Moskau, wo die Kosmonauten leben, hat mehr Ähnlichkeit mit einer Kaserne.«
Die Siedlungen, die Ben ihr zeigte, hießen The Cove, El Dorado, Lakeshire Place und The Leeward. Sie machten keinen schlechten Eindruck, und die besseren Wohngegenden hatten sogar einen Zugang zum Strand. Doch die Inneneinrichtung hatte ödes Einheitsformat: die Wohnungen waren die reinsten Kaninchenställe, mit schwächlichen Klimaanlagen, billiger Möblierung und geschmacklosen Bildern an den Wänden.
Sie entschied sich für ein Viertel namens Portofino. Die Architektur war zwar genauso langweilig wie überall sonst, doch es gab immerhin einen großen, sauberen Swimmingpool, den sie unbedingt bald ausprobieren wollte.
Nachdem sie die Formalitäten erledigt hatte, ließ die Vermieterin - eine kompakte Frau mit starkem texanischen Akzent und einem neckischen T-Shirt - die beiden in der Wohnung allein.
York spürte, daß Ben sich innerlich von ihr distanzierte.
Sie ging zum Fenster. Die Luft war so stickig, daß das Atmen schwerfiel. Der Himmel war dicht bewölkt, und der zu erwartende Regen würde die Hitze erst recht speichern.
Sie spürte, wie eine dumpfe Niedergeschlagenheit sie überkam, so drückend wie die Luft. Was will ich überhaupt hier in diesem lausigen Apartment und in dieser verdammten Männer-Stadt?
Nachdem sie das Gebäude wieder verlassen hatte, sah sie ein Auto, dessen Scheiben von der hohen Luftfeuchtigkeit beschlagen waren.
Freitag, 8. Dezember 1978 Wasatch, Utah
Beim Anflug auf Salt Lake City hatte Gregory Dana einen spektakulären Blick auf den See. Zuflüsse glitzerten wie Schneckenspuren, und menschliche Siedlungen zeichneten sich als verschwommene graue Flecken entlang der Straßen ab. Es war ein klarer Morgen, und der blaue Himmel schien bis auf die Wüste weit vor dem Flugzeug hinabzureichen.
Dana stellte sich vor, auf einem fremden Planeten zu landen, einer Welt mit sengend heißen Wüsten und vereinzelten Binnenmeeren.
Für die meisten Menschen, so sagte er sich, stellte die komplexe Welt der menschlichen Gesellschaft das gesamte Universum dar, losgelöst vom physikalischen Unterbau. Die meisten Menschen entwickelten nie eine Perspektive: das Bewußtsein, daß ihr Leben in einer dünnen Luftschicht auf einer kleinen, rotierenden Felskugel ablief, daß ihr Bewußtsein im Vergleich zu den geologischen Zeiträumen dem Flackern einer Glühlampe glich, daß sie ein Universum bewohnten, das sich aus Zuständen entwickelt hatte und unausweichlich in Zustände zurückfallen würde, die nicht die geringste Übereinstimmung mit den ihnen bekannten Verhältnissen aufwiesen.
Allein schon der Blick aus der Luft vermittelte dem Flugreisenden eine Perspektive, die früheren Generationen verwehrt gewesen war. Wenn der Raumflug uns ein Bewußtsein unserer wahren Natur vermittelt, dann wird das allein die Kosten schon rechtfertigen, sagte er sich.
Er ließ den Blick durch die Kabine schweifen. Die meisten Reisenden - selbst diejenigen, welche der NASA angehörten und wie er am Raumfahrtprogramm beteiligt waren - hatten sich hinter Unterlagen, Büchern oder Zeitungen verschanzt.
Morton Thiokol hatte einen Wagen geschickt, der ihn vom Flughafen abholte. Der Fahrer - ein junger, lebhafter Mann mit einer verspiegelten Sonnenbrille - stellte sich als Jack vor und verstaute Danas Gepäck im Kofferraum. Die Aktentasche wollte Dana aber nicht aus der Hand geben.
Jack fuhr auf der Schnellstraße nach Norden, in Richtung Brigham City. Der Fahrer sagte ihm, daß er ihn zur ersten Testzündung der SRB bringen würde, dem Feststoff-Booster der neuen Saturn VB-Klasse. Der Einsatz von Feststoffraketen als Zusatztriebwerke bei einer bemannten Stufenrakete war einer der strittigsten Punkte des Modernisierungsprogramms der Saturn, und die NASA unternahm auch keine Anstrengungen, diese Kontroverse beizulegen.
Dana hatte Zweifel hinsichtlich einer Zusammenarbeit mit Udet gehegt und sich gefragt, ob er imstande wäre, den Leuten in Marshall seine Version plausibel zu machen. Zumal ein solcher Auftrag sich ohnehin außerhalb seines Kompetenzbereichs befand.
»Sie dürfen sich überall umsehen und Empfehlungen aussprechen«, hatte Seger gesagt, »und ich werde dafür sorgen, daß man Ihnen zuhört. Es darf uns bei diesem Projekt kein Fehler unterlaufen, Doktor Dana.«
Doch was sollte er aus einer Testzündung lernen? Hierbei handelte es sich offensichtlich um eine Vorführung, um ihn zu beeindrucken und zu überwältigen. Das war typisch für Hans Udet; Dana ärgerte sich über diese Zeitverschwendung.
Er ließ die Schlösser des Aktenkoffers aufspringen; als ob er sich rächen wollte, wandte er den Blick von der Landschaft, die vor den Wagenfenstern vorbeizog und widmete sich technischen Dokumentationen.
Der Fahrer setzte ihn bei der Wasatch-Abteilung von Morton Thiokol ab, ein paar Kilometer außerhalb von Brigham City. Jack berührte Dana leicht am Ellbogen und führte ihn zu einem Bürocontainer, der sich etwas abseits der staubigen Straße auf einem Gerüst befand.
Beim Testgelände handelte es sich um eine Ansammlung von Gebäuden, die sich um eine breite kraterartige Senke in der Wüste verteilten. Flache Hügel mit schwarzgrüner Vegetation säumten das Gelände. Im Osten ragten blaue Berge in den Himmel.
Jack wies auf einen ein paar Kilometer entfernten Meßplatz. Dana kniff die Augen zusammen, um in der gleißenden Helligkeit etwas zu sehen und erkannte einen dünnen weißen Zylinder, der flach auf dem Boden lag.
Der Bürocontainer verfügte erstaunlicherweise über eine Klimaanlage und war zudem mit einem Kühlschrank und einer Kaffeemaschine ausgestattet. Erleichtert sog Dana die warme, feuchte Luft ein. Hans Udet erwartete ihn schon.
»Doktor Dana. Ich freue mich, daß Sie hier sind.«
Wirklich? Was für ein Kontrast zu unserer letzten Begegnung, Hans, bei der Präsentation der Mars-Modi in Huntsville...
Skeptisch schüttelte Dana dem Deutschen die Hand und blickte sich in dem Bürocontainer um. Er sah ein Schnittmodell der SRB und künstlerische Impressionen in dem kraftvollen, visionären Stil, den die NASA, wie Dana sich sagte, in den letzten Jahren als Klischee kultiviert hatte. Aus einem Wandlautsprecher wurde in gedämpfter Lautstärke über den Fortschritt der Versuche berichtet.