Udet wölbte eine Augenbraue. »Sehr gut. >Entwickelt<. Wir haben die Notwendigkeit erkannt, Prinzipien zu entwickeln, die komplexer sind als die schlichte Forderung, >die Besatzung um jeden Preis zu schützen< und so weiter.«
»Ja«, sagte Udet schroff. »Wir, die wir letztlich für die Sicherheit der jungen Männer verantwortlich sind, die wir in den Orbit schicken. Im Gegensatz zu denjenigen - bei allem Respekt -, die nur zuschauen. Wie Sie.
Die Bewertung des >Risikos< entwickelt sich im Verlauf einer Mission. Bedenken Sie das. Das Zusatztriebwerk der Apollo 12 wurde während des Starts vom Blitz getroffen. Das Raumschiff hat zwar sicher den Orbit erreicht, aber die elektrischen Systeme der Apollo waren schwer beschädigt, und es war unmöglich, die Fallschirme in der Kommandokapsel auf ihre Funktionsfähigkeit zu überprüfen. Nach Abwägung aller Umstände beschloß man, die Mission fortzusetzen. Wenn wir nämlich einen Start überstanden haben, so problematisch er auch war, müssen wir weitermachen; sonst würden wir nämlich eine andere Besatzung dem größeren Risiko eines weiteren Starts aussetzen, um denselben Punkt zu erreichen. Und was die Fallschirme betrifft: falls Conrad und seine Leute bei der Rückkehr zur Erde umgekommen wären, hätte das ebensogut nach einer Mondlandung anstatt davor geschehen können.«
»Ich kenne die Geschichte, Doktor Udet. Was wollen Sie damit sagen?«
»Daß dieses ganze Geschäft« - Udet machte eine ausladende Geste - »nur die Verwirklichung, die werkstofftechnische Umsetzung eines Traums darstellt. Eines Traums, den Sie und ich teilen. Doch dieser Traum ist ohne Risiken nicht zu verwirklichen. Deshalb geht es bei unserer Mission auch nicht darum, das Risiko auszuschließen, sondern es zu kalkulieren. Und aus dieser Perspektive müssen Sie eine Beurteilung des Projekts vornehmen.«
Erneut fühlte Dana angesichts von Udets Gelassenheit und Kompetenz Unbehagen. Vermochte er sich der Überzeugung dieses Mannes wirklich entgegenzustellen?
Über einen entfernten Lautsprecher erfolgte der Countdown. Udet stand aufrecht im Graben, wobei sein silbriges Haar im Sonnenlicht leuchtete. Für Momente wie diesen lebt Udet, sagte Dana sich.
»Später«, sagte Udet leise zu Dana, »möchte ich Ihnen die Brennstoffherstellung in Wasatch zeigen. Der Brennstoff wird in großen Behältern vermischt und direkt in die Hüllsegmente abgefüllt. Er hat die Konsistenz von Gummi.« Dreizehn.
Zwölf. Das Personal hatte sich von der Rakete zurückgezogen. Der leuchtende Körper lag verlassen auf dem Wüstenboden.
».Der Brennstoff entzündet sich nur bei extremer Hitze. Er reagiert weder auf statische Veränderungen noch auf Reibung oder Stöße. Wie Sie sehen, ist es eine sehr sichere Sache.«
Sechs. Fünf.
»Deshalb ist auch ein kleines Raketentriebwerk in der Hülle erforderlich, um den Brennstoff zu entzünden. Und wenn der erst einmal entflammt ist, braucht man auch keine Pumpen oder Tieftemperaturspeicher mehr. Eine ordentliche Rakete brennt einfach.«
Ja. Und wenn sie erst mal angezündet ist, geht sie nicht mehr aus.
Zwei. Eins.
Weiße Flammen stachen aus dem Triebwerkstrichter. Es herrschte eine gespenstische Stille. Die Flamme erreichte den Hügel hinter der vertäuten Rakete, und der geblendete Dana hatte den Eindruck, das Sonnenlicht über der Wüste sei abgedunkelt worden. Das Blau und Orange der Landschaft schien im Vergleich zu diesem Feuer - Raketenlicht, heißer als die Oberfläche eines Sterns -, das die Menschen auf die Erde gebracht hatten, zu Grautönen zu verblassen.
Und nun kam der Schall bei ihm an.
Zuerst vernahm er ein dumpfes Grollen, das direkt aus den Tiefen der Erde zu dringen schien. Und dann hörte er ein heftiges Prasseln, ein hochfrequentes Geräusch. Es klang, als würde eine riesige Leinwand zerrissen; das Geräusch bauschte seine Kleidung und zerzauste ihm das Haar. Er spürte, wie der Boden bebte, als ob er mit einem großen, unsichtbaren Hammer bearbeitet würde.
Udet beugte sich zu ihm herüber und rief: »Das ist der Traum, Doktor Dana.« Er sah Dana mit zerzaustem und von orangefarbenem Staub gepudertem Haar an. »Von null auf zwanzig Millionen Pferdestärken in weniger als einer Sekunde! Das ist es, was ich Ihnen zeigen wollte. Das ist es, wofür wir arbeiten, Sie und ich. Das ist es, was Sie immer bedenken müssen, wenn Sie Ihre Studien betreiben und Ihre Berichte abfassen.«
Dana wurde von der Intensität des Mannes überwältigt. Natürlich hatte Udet recht. Es war wirklich ein Traum, ein Traum aus Raketenlicht, der vor den Augen zweier alter Männer aus Europa in der Wüste der Vereinigten Staaten Wirklichkeit wurde. Der Traum des Mittelwerks.
Die Flammen schlugen noch immer aus der gefesselten Rakete, und Rauch, der vom Wüstenstaub orange und grau gefärbt wurde, waberte über dem Hügel.
Februar 1970
Lyndon B. Johnson-Raumfahrtzentrum, Houston
Der Raum war abgedunkelt und warm. Ein paar der Trainees hatten die Füße hochgelegt. Einer - Bob Gold, ein Texaner mit Segelohren, der ein paar Meter vor York saß, hatte den Kopf in den ausrasierten Stiernacken gelegt und gab ein leises Schnarchen von sich, das sich wie das Keckem eines Vogels anhörte.
Der Ausbilder legte eine neue Folie auf den Projektor. Weil die Fokussierung des Projektors nicht funktionierte, verschwamm die Darstellung zum Mittelpunkt hin. Der Ausbilder, ein Astronaut namens Ralph Gershon, griff zum teleskopartigen Zeigestock und tippte an die Leinwand, worauf das Bild zitterte und noch unschärfer wurde.
Gershon fummelte nicht etwa aus Nervosität so herum, wie York in ihrer Trägheit erkannte, sondern weil er keine rechte Lust auf die Vermittlung des Lehrstoffs hatte.
»Dies hier ist das ECLSS der MEM-Konfiguration«, sagte Gershon. »Passen Sie gut auf. Vielleicht wird eines Tages Ihr Leben davon abhängen, wie gut Sie dieses Baby kennen.«
Die neue Folie zeigte ein kompliziertes Blockdiagramm, das mit spinnenartigen Pfeilen und verwirrenden Abkürzungen versehen war. Diese Darstellung hatte keinerlei Ähnlichkeit mit den Bildern, die York bisher gesehen hatte.
Der Schnarcher vor York schluckte und kaute schmatzend auf einem Schleimbrocken herum.
»Dies«, sagte Gershon und tippte wieder auf das Diagramm, »ist das grundlegende ECLSS-Konzept, das unabhängig von der Konstruktion des restlichen MEM verwirklicht werden wird. Hier haben Sie das Molekular-Doppelsieb für die Ce-O-Zwei-Reinigung.
Und die Ha-Zwei-O-Klärung erfolgt mit dieser Mehrfachfilter-Einheit hier. Das hier steigert die Leistung der Brennstoffzellen. Und die atmosphärischen Gase werden natürlich tiefgekühlt gespeichert. Im Gegensatz zur Druckspeicherung.« Blinzelnd schaute Gershon in die Runde. »Weiß jemand, weshalb? Wegen des günstigeren GewichtsVolumen-Verhältnisses. Und wir haben hier kein O-Zwei-Aufbereitungssystem. Wir führen die gesamte Atemluft mit und blasen die Abluft aus. Will jemand mir sagen, weshalb? Weil das MEM ein Kurzstrecken-Raumschiff ist und das zusätzliche Gewicht des Aufbereitungssystems deshalb nicht gerechtfertigt wäre.«
York merkte, daß Gershons Trick - indem er dem Kurs eine Frage stellte und sie beiläufig selbst beantwortete, bevor jemand die Gelegenheit bekam, sich zu äußern - sie langsam verrückt machte.
Gershon sagte den Lehrgangsteilnehmern, sie sollten die Kopie des Diagramms in ihren Büchern vervollständigen; dann verließ er den Raum und steuerte die Kaffeemaschine an.
Obwohl Gershon sich durchaus mit MEM-Konstruktionen auskannte, war er kein ausgebildeter Ausbilder. Er war ein kleiner, drahtiger Mann Mitte Dreißig. Anscheinend stammte er aus Iowa, doch lebte er schon so lange in Houston, daß er einen texanischen Akzent angenommen hatte. Und nach all diesen Jahren war Gershon noch immer nur ein AstronautenAnwärter, der auf seinen ersten Flug wartete, irgendwelche Hilfsdienste verrichtete und hoffnungsvolle Nachwuchskräfte unterrichtete.