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Für York war Gershon ein deprimierendes Vorbild.

Sie blätterte ihr >Malbuch< durch. So bezeichneten die Trainees die Werke, die vor jeder Vorlesung ausgegeben wurden; es handelte sich um Wälzer, die nur Grafiken und keinen Text enthielten. Die Diagramme auf dem Projektor sollten bis auf die Farben mit den Diagrammen in den Büchern identisch sein, und die Trainees - allesamt hochqualifizierte Spezialisten - mußten wie Schüler die Diagramme in den Büchern mit Buntstiften kolorieren. Sie mußten sich jeden Transistor, jedes Ventil, jede Röhre und jeden Schaltkreis jedes gottverdammten Raumschiffs merken, sei es nun geplant oder schon in Betrieb.

Malbücher waren wirklich die letzten Lehrmittel, sagte sie sich. Zumal alles Systemwissen dieser Welt Jim Lovells Apollo 13 nichts geholfen hätte, als der Sauerstofftank explodierte.

Außerdem    bestand das Problem,    daß das MEM    als

bewegliches Ziel ausgelegt war. Das MEM unterschied sich insofern von früheren Raumschiffsgenerationen, als die grundlegenden Entwürfe - Doppelkegel, Ballonschirme, Steckdüsen-Raketentriebwerke    - vor    dem Bau der ersten

Schiffe bereits erprobt waren. Es stellte einen deutlichen Kontrast zu    Apollo dar und    schien    in ihren Augen    viel

logischer zu    sein. Doch aus    diesem    Grund entsprach    das

ECLSS-Diagramm in ihrem Buch nicht in allen Details dem Diagramm auf der Leinwand, und dieses entsprach wiederum nicht exakt der Realität des Raumschiffs, das irgendwann einmal gebaut werden würde. Weshalb sollte sie sich also mit dem ganzen Kram belasten?

Das war alles Teil ihres Ascan-Lehrplans, eines Dokuments, das tatsächlich wie ein Strömungsdiagramm konzipiert war. Man folgte dem Fluß, arbeitete hier ein einstündiges Modul über Subsysteme ab und besuchte dort eine mehrstündige Vorlesung über Raumfahrtmedizin, bis man Barrieren im Flußdiagramm überwand, die einen auf die nächsthöhere Leistungsstufe hoben. Es war ein starres Ausbildungssystem, das von einem Ingenieur und nicht von einem Pädagogen entwickelt worden war.

Das war typisch NASA. Nicht daß es ihr gelungen wäre, jemanden für diesen Schwachpunkt zu sensibilisieren.

Die Neuen mußten ihre eigenen Buntstifte mitbringen, und York verschaffte es eine Art Lustgewinn, Triebwerkstrichter in Signalorange auszumalen, Sauerstofftanks in Puterrot und Elektromagneten in Xenonblau.

Nachdem die Vorlesung beendet war, rannte sie zu Ben Priest. Ben steckte gerade im Training für seinen ersten Flug: ApolloN, die orbitale Erprobungsmission für NERVA 2, die für Ende nächsten Jahres geplant war.

Er war ebenfalls frustriert und gereizt, nachdem er den ganzen Tag in einer integrierten Simulation verbracht hatte.

Aus irgendeinem Grund stand die übliche Barriere heute nicht zwischen ihnen. Sie standen nur in Tuchfühlung auf dem Gang und schauten sich ins Gesicht. Vielleicht teilten sie nur ihre Frustration. Wie dem auch sei, sie wußte, daß es heute geschehen würde.

Sie setzten sich in Bens Auto und fuhren zu ihrem Apartment. Es war das dritte Mal in ebensovielen Jahren.

»Diese verdammten Malbücher. Als ob man das Autofahren in der theoretischen Ausbildung lernen sollte«, knurrte sie. Sie nahm einen Schluck Cola und hielt sich die kühle, mit Reif überzogene Dose an die Brust.

Ben, der in ihrem Bett lag, lachte nur und hob seine Bierbüchse zum Mund. »Wenn du von den Vorlesungen genug hast, dann setz dich doch mal in den Simulator.«

»Mein Gott, Ben, wir kommen gar nicht an die Simulatoren ran. Das ist noch ein Problem. Hier wimmelt es nur so von Astronauten. Ich meine von echten Astronauten«, sagte sie bitter. »Von blöden Kampfpiloten wie dir, die wirklich fliegen werden.«

»Das sollte dich nicht kümmern. Versuch es trotzdem.«

»Die Simulatoren sind bis drei Uhr morgens ausgebucht!«

Er wirkte ungeduldig und zog die Decke über den Bauch. »Dann komm halt um drei Uhr morgens. Was willst du überhaupt, Natalie? Niemand hat gesagt, daß es einfach werden würde. Du mußt den anderen immer um eine Länge voraus sein. Sorg dafür, daß man Notiz von dir nimmt. Klopf an Chuck Jones’ Tür und bitte um Aufträge.«

Sie grunzte. »Das ist eine saudumme Art, ein RaumfahrtProgramm voranzutreiben.«

»Vielleicht, aber so läuft das eben.«

Wie er so dalag, wirkte er irgendwie unruhig. Sie wußte, daß er diesen Abend noch zum JSC zurückfahren mußte. Doch sie verspürte das Bedürfnis, ihn hierzubehalten und mit ihm zu reden. Sie drängte sich ihm auf, aber Ben war der einzige Freund, den York hier hatte.

Seit dem Störfall in Three Mile Island vor ein paar Wochen war sogar der Kontakt zu etlichen Freunden in Berkeley abgebrochen. Die waren nämlich der Ansicht, daß es unmoralisch von ihr sei, an einem High-Tech-Programm mitzuarbeiten, das dazu diente, nukleares Material in den Orbit zu schicken, um Himmels willen.

Wenn sie nicht Ben gehabt hätte, um all die Probleme durchzukauen, mit denen sie im Rahmen des Programms konfrontiert wurde, wäre sie wohl bald verrückt geworden.

»Wie geht’s übrigens Mike?« fragte er.

Sie schaute weg. »Ich weiß nicht. Ist sehr beschäftigt. Gespannt wie eine Uhrfeder.« Sie zögerte. »Und wie geht’s Karen?«

Er zuckte zusammen. »Das habe ich nicht verdient.«

».Sicher nicht. Tut mir leid.«

»Mir auch«, grunzte er.

Sie packte die Coladose und versuchte, das Problem zu durchdringen. Wir können uns über den Mars unterhalten und über Kulturschocks bei der NASA, aber wenn es um uns geht, weichen wir immer aus. »Ich weiß gar nicht, ob Mike möchte, daß ich hier arbeite.«

»Würde es denn etwas ändern?«

Nein. Nicht mehr. Allerdings gelang es ihr nicht, das auch zu sagen.

Priest trank das Bier aus. »Ich glaube, du befindest dich gerade in einem Entscheidungsprozeß, Natalie. Und das gilt vielleicht auch für Mike. Das ist schade. Ich liebe euch beide. Aber ich glaube nicht, daß wir alle eine glückliche Familie sein werden.«

»Wahrscheinlich nicht. Du aber auch nicht.«

»Was, zum Teufel, soll das nun wieder heißen?« fragte er.

»Nichts. Es tut mir leid, Ben.«

Er schwenkte die Bierdose und wich ihrem Blick aus. »Ich habe schon erwogen, auszuziehen.«

»Und wieso?«

Er wirkte irritiert. »Was glaubst du denn? Um hierher zu kommen, meine Güte. Um bei dir zu sein.«

»Ach«, sagte sie erstaunt. »Und was hindert dich daran?« fragte sie sanft.

».Ich glaube nicht, daß ich Karen verlassen kann.«

»Wieso nicht? Liebst du sie denn noch?«

Er drehte sich zu ihr um und verwuschelte ihr das Haar. »Komm schon, Natalie, du bist doch Wissenschaftlerin. Was ist das denn für eine Frage? Was hat >Liebe< noch für eine Bedeutung, wenn man seit vielen Jahren mit jemandem verheiratet ist und wenn man einen Sohn aufgezogen hat. Man transzendiert die Liebe. Liebe ist etwas für Teenager.«

»Und weshalb verläßt du sie dann nicht?«

»Aus Loyalität.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, das stimmt nicht. Weil wir eine Art Abkommen getroffen hatten, ganz am Anfang. Karen hat in mich - investieren müssen. Immer wenn ich fliege.«

»Ach, nun verstehe ich«, sagte sie. »Karen ist eine Seemannsbraut.«

»Zieh es nicht ins Lächerliche, Natalie. Es mag dir komisch vorkommen, aber es ist ein stabiles System. Karen hat über die Jahre mein Risiko mitgetragen, und ich mute ihr noch mehr zu, wenn ich mit der Apollo-N ins All fliege. Vielleicht werden wir uns trennen; doch wenn wir es tun, soll es ihre Entscheidung sein.«