Die Räumlichkeiten von Gebäude 5 waren mit EinzelsystemTrainingsgeräten ausgestattet - Elementen von ApolloSteuerkonsolen -, wobei Computer einfache Simulationen laufen ließen. Und dann gab es noch für jede der drei Besatzungs-Stationen integrierte Trainingsgeräte in einer Apollo-Kommandokapsel.
Schließlich kam sie ins Gebäude 9, das Modell- und Integrations-Labor. Raumschiffmodelle im Maßstab eins zu eins waren in dem hangargroßen Gebäude verteilt. Die Ausrüstung diente der generischen Ausbildung, um die für jeden Flug erforderlichen Fertigkeiten zu vermitteln; die komplizierteren Simulatoren waren spezifischen Missionen vorbehalten.
Die Halle war kein Ort der modernsten HighTech. Das Material war abgenutzt und verschrammt. Graffiti waren an die Wände gesprüht, und die überall verstreuten Werkbänke waren mit Abfall übersät: Papierhandtücher, ein Eimer mit leeren Coladosen. Kein Astronaut im aktiven Dienst verirrte sich jemals hierher. Wenn sie am Wochenende hierher kam, war die Halle leer; nachdem die Raumflüge im Lauf der Jahre Routine geworden waren, hatte sich am JSC eine Beamtenmentalität breitgemacht.
Gebäude 9 führte ihr vor Augen, wo ihr Platz war; als eine Ascan stand sie weit unten in der Nahrungskette.
Sie versuchte sich an der Luftlager-Anlage, einem Bürostuhl, der auf einem Luftkissen schwebte, das von nach unten gerichteten Düsen erzeugt wurde. Sie driftete wie ein Eishockey-Puck über den mit Epoxidharz beschichteten Boden und umrundete eine Skylab-Station. Auf diese Art lernte sie, sich in einer simulierten Null-G-Umgebung zu bewegen, wenn auch nur in zwei Dimensionen.
Schließlich kletterte sie in die Kabine, ein Modell einer Apollo-Kommandokapsel, die wie ein Metallzelt in der Mitte von Gebäude 9 saß. Sie mußte mit den Füßen voran durch die winzige Luke einsteigen. Bei den drei Liegen handelte es sich um primitive Metallgestelle mit Textilgurten, die noch dazu schrecklich eng zusammengerückt waren. Unter den Liegen, in der Basis des Kegels, befand sich ein Stauraum, der als unterer Nutzlastraum bezeichnet wurde.
York setzte sich auf die mittlere Liege, die für den Piloten der Kommandokapsel bestimmt war. Sie schaute nach oben, zur Spitze des Kegels. Die Fenster wirkten klein und weit entfernt, und trotz der offenen Luke fühlte sie sich eingesperrt. Vor ihr befand sich eine große, halbrunde Instrumentenkonsole mit schlachtschiffgrauem Anstrich: Kippschalter, Rändelräder,
Drucktasten und Drehschalter mit Anschlägen. Die Maßeinheiten waren überwiegend metrisch, und die Leuchten und Sichtfenster hatten graue Marken beziehungsweise spiralig rot und weiß gestreifte Stäbe, die die Scheiben bedeckten, wenn die Einstellungen verändert wurden. Außerdem gab es eine Tastatur, einen Bildschirm und einen künstlichen Horizont sowie diverse Hebel und Drucktasten: Translationsregler, mit denen die Steuertriebwerke geschwenkt wurden.
Die Konsole wirkte komplex, fast schon überfrachtet. Wie, zum Teufel, sollte sie sich hier zurechtfinden?
Sie experimentierte mit den Schaltern. Zwei Ausführungen überwogen: kleine silberne Dreiwegschalter, oder - für komplexere Funktionen - zylindrische Zweiweghebel, die man erst herausziehen mußte, bevor man sie betätigen konnte. Das mußte eine schreckliche Fummelei sein mit den Handschuhen des Druckanzugs, sagte sie sich. Die Schalter wurden auf beiden Seiten von Metallrähmchen gesichert, damit sie im freien Fall nicht versehentlich betätigt wurden. Sie betätigte alle Schalter der Konsole und bekam so ein Gefühl für ihre Handhabung.
Dann sah sie, daß kleine Grafiken in die Konsole geätzt waren: Schaltkreise und Flußdiagramme. Sie befragte die Handbücher. Hier war zum Beispiel ein Diagramm, das eine Anordnung von Schaltern verband, die den Wasserzufluß von den Brennstoffzellen regulierten. Die grauen Linien bezeichneten den Fluß des Wassers, entweder zu den Reglern der Speichertanks oder zum Entsorgungssystem.
Alle Schalter waren in dem einen oder anderen Diagramm enthalten. Nachdem sie das System hinter den Diagrammen erst einmal durchschaut hatte, begriff sie auch die Logik der Konsole. Sie war nun in der Lage, die Schalter nach Funktionsgruppen zu unterscheiden und Bezüge zwischen den Schaltern herzustellen.
Sie saß allein in der Apollo, studierte ihre Handbücher und lernte, wie man das Raumschiff flog.
Montag, 11. Juni 1979 >Sternen-Stadt<, Moskau
Der Buskonvoi umfuhr Moskau auf der Stadtautobahn. Sie fuhren nach Nordosten, Richtung Kaliningrad. Es herrschte starker Verkehr - überwiegend Lkws -, und die Straße wurde von Wohngebäuden gesäumt, tristen, großen grauen Kästen. Joe Muldoon sah aus einem schmutzigen Fenster.
Ein derart deprimierender Anblick war ihm noch nicht untergekommen.
Sie fuhren auf direktem Weg von Flughafen zur >Sternen-Stadt<. Das war Muldoons zweiter Besuch hier. Der erste war schöner gewesen. Damals waren die Amerikaner - Muldoon, Bleeker und Stone sowie die NASA-Techniker und Manager -in einem Intourist-Hotel einquartiert worden. Es war zwar kein Palast gewesen, hatte sich aber in der Moskauer Innenstadt befunden, von wo aus man den Roten Platz und den Kreml zu Fuß erreicht hatte. Jeden Morgen hatten die Sowjets die Amerikaner mit Bussen zur >Sternen-Stadt< gefahren und abends wieder abgeholt.
Und im Keller hatte das Hotel sogar eine Bar gehabt.
Diese Bar war ein Anziehungspunkt für Ausländer gewesen, einer der wenigen internationalen Plätze der Stadt. Dort traf man Amerikaner an, Deutsche, Kubaner und Tschechen. Muldoon und die Jungs von der NASA hatten die Bar mit Beschlag belegt.
Es hatte keine Schwierigkeiten gegeben, nur daß es abends manchmal spät geworden war und sie morgens kaum aus dem Bett gekommen waren. Ganz zu schweigen von den Sowjets! In der Bar schlagen sie über die Stränge, diese Amerikanskis!
Deshalb wurde diesmal ein anderes Arrangement getroffen.
Vor Kaliningrad bog der Konvoi nach Osten ab und fuhr in Richtung Schtschelkowo. Die Architektur änderte sich. Bald wurde die Straße zu beiden Seiten von Holzhäusern gesäumt; im Gegensatz zu den grauen Blocks im sozialistischen Einheitsstil waren diese Häuser bunt gestrichen und mit Schnitzereien verziert. Muldoon stieg Rauch in die Nase. Und alle paar hundert Meter sah er öffentliche Wasserpumpen, die von Hand bedient werden mußten.
Die Szenerie wirkte zwar idyllisch, war aber erschreckend primitiv. Holzhäuser und Ziehbrunnen in unmittelbarer Nähe eines Ausbildungszentrums für Kosmonauten!
Auf einer nicht beschilderten Straße bog der Konvoi in einen Kiefernwald ein. Gleich hinter der Kurve befand sich ein Wachposten. Nachdem die Fahrer die Formalitäten geklärt hatten, fuhr der Konvoi auf eine große Lichtung im Wald. Dort standen ein paar große Wohnhäuser, ein paar flache Verwaltungsgebäude und ein paar Läden. Am einen Ende der Lichtung befanden sich kleine Seen, am anderen ein Dutzend großer, klobiger Bauwerke.
Mit Kopftüchern verhüllte Babuschkas schoben Kinderwagen auf den Gehwegen, untermalt von ständigem Fluglärm.
Dies war also die >Sternen-Stadt<, die eigens für die Ausbildung und Unterbringung des Kosmonauten-Korps aus dem Boden gestampft worden war. Muldoon erschien sie wie ein Zwitter aus einem Hochschul-Campus und einem militärischen Ausbildungslager.
Der Fahrer deutete auf das Hydro-Becken, die Anlage für das Training in der Schwerelosigkeit und das KosmonautenMuseum. Inmitten der Lichtung, mit dem Gesicht zum Konvoi, stand eine Statue von Gagarin: überlebensgroß, heroisch, ehrfurchtgebietend.
Muldoon schnitt eine Grimasse. Von ihm war nirgends eine Statue aufgestellt worden, obwohl er viel weiter gekommen war als Gagarin. Nun, dafür war er auch noch nicht tot.
Seine Unterkunft war sehr großzügig und glich schon fast einer Suite. Er durchstreifte die Räume. Sie waren mit wuchtigen, altmodischen Möbeln vollgestellt: Sofas,