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Plüschsesseln, massiven Tischen. Der Boden war mit einem dicken Teppich belegt, und die Wände waren mit Velourtapeten tapeziert. Als er schließlich das Bad ausfindig machte, mußte er lachen. Es gab keine Seife, keine Stöpsel für Badewanne und Waschbecken und nur ein Handtuch.

Und wahrscheinlich eine Wanze in jeder verdammten Lampenfassung.

Er schaute aus dem Fenster. Sein Blick fiel auf weiße Birken und Stacheldrahtzaun. Eine schwarze Limousine fuhr auf einer der Zufahrtsstraßen: wahrscheinlich KGB, sagte Muldoon sich. Ein zweites Zuhause. Wie ein beschissenes Straflager.

Er stopfte ein Kosmetiktuch in den Abfluß und ließ Badewasser ein.

Er zog sein Dinnerjackett an und ging in die Bar hinunter.

Sie war nicht mit der Bar im Moskauer Intourist zu vergleichen. Ein Barkeeper mit asiatischen Gesichtszügen trocknete Gläser ab. Muldoon bestellte ein Bier. Das tschechische Erzeugnis war kühl und wohlschmeckend. Außer ihm war niemand hier. Miserable Klaviermusik klimperte aus einem Lautsprecher.

Am Abend sollte ein Empfang mit anschließendem Dinner im Speisesaal des Wohngebäudes stattfinden, um die Fortschritte von Moonlab-Sojus zu feiern. Fred Michaels höchstpersönlich hatte sich angesagt, und Gott allein wußte, wie viele sowjetische Prominenz. Du mußt es locker nehmen, Muldoon. Paß auf, was du sagst. Verprell die Leute nicht. Er wußte, was beim Dinner auf ihn zukommen würde: Fleisch in rauhen

Mengen, mit Strömen von Soße und Butter. Ein Härtetest für Magen und Galle.

Jemand klopfte ihm auf den Rücken. »Mein Freund Joe. Ich wußte, daß ich Sie hier finden würde. Willkommen in Zwezdnoj Gorodok. Wie ich sehe, trinken Sie noch immer diese Plörre. He, Barmann!« Wladimir Wiktorenko schnippte mit den Fingern.

Der Barkeeper stellte eine Flasche Wodka auf den Tresen, zwei Gläser und einen Salzstreuer. »Hier. Trinken Sie. Muttermilch«, befahl Wiktorenko und schenkte Muldoon gleich ein Glas ein.

Muldoon leckte sich das Salz von der Hand und kippte die Flüssigkeit hinunter; sie hatte keinen Geschmack, verätzte ihm aber fast die Kehle. »Danke, mein Freund«, sagte er in holprigem Russisch. »Sie sehen gleich viel besser aus.« Im Mondorbit sollten die Amerikaner Russisch und die Russen Englisch sprechen. Die Sprachausbildung bereitete Muldoon bei dem ganzen verdammten Programm die größten Probleme.

Wiktorenko stieß ein bellendes Lachen aus und goß sich selbst einen hinter die Binde. »Heute abend werden wir fünf aus dieser Flasche trinken und den Pakt besiegeln. Nach der Rückkehr vom Mond werden wir uns wieder treffen und aus der nämlichen Flasche auf unseren Erfolg anstoßen.« Er schenkte Muldoon nach.

»Auf die Mission«, sagte Muldoon.

»O nein.« Wiktorenko warf in gespieltem Entsetzen die Hände in die Luft. »So etwas darf man nicht sagen. In Rußland beschwört man damit das Unglück herauf. Hat man Ihnen das nach siebenhundert Unterrichtsstunden noch immer nicht beigebracht? Tss. Wir sollten auf die Vorbereitungen anstoßen. Das ist genug.«

»Dann eben auf die Vorbereitungen.« Muldoon nahm einen vorsichtigen Schluck.

Wladimir Pawlowitsch Wiktorenko war eine Art Legende unter den Kosmonauten - und auch unter den Astronauten. Er war kräftig, jovial und vital; der massige Schädel mit dem graumelierten kurzen Haar schien ohne Halsansatz aus dem Rumpf zu wachsen. Die rosigen Pausbacken rührten wohl vom Borschtsch und den Kartoffeln her. Er hatte in etwa den gleichen Werdegang wie Muldoon: im Jahre 1960 hatte er sich bei der ersten Anwerbungswelle für das KosmonautenProgramm beworben. 1966 hatte er dann als Copilot an der Woschod 3-Mission teilgenommen, einem Flug, bei dem eine modifizierte Wostok-Kapsel in einem riskanten Einsatz zwei Leute in den Orbit befördert hatte, und Wiktorenko hatte zugesehen, wie sein Copilot aus der nicht gerade vertrauenerweckenden Luftschleuse ausstieg und einen Spaziergang im All unternahm.

Gerüchten zufolge hatten die Sowjets Wiktorenko als erste Wahl für das inzwischen eingestellte Mondlandeprogramm vorgesehen. Muldoon hatte versucht, Näheres darüber zu erfahren, doch Wiktorenko hatte sich in Schweigen gehüllt.

Und nun war Wiktorenko sozusagen Muldoons Kollege, der Kommandant der sowjetischen Besatzung für Moonlab-Sojus.

Wiktorenko erkundigte sich nach Jill, Muldoons Frau, die er in Houston getroffen und mit seinem überwältigenden Charme betört hatte.

Muldoon zuckte nur die Achseln.

Jill war nicht gerade begeistert gewesen von seiner Rückkehr in den aktiven Dienst, und schon gar nicht von der Rückkehr zum Mond, um Gottes willen. Um die Wahrheit zu sagen, er wußte nicht einmal, ob sie noch auf ihn warten würde, wenn er von diesem Flug zurückkehrte.

Er vermochte ohnehin nichts daran zu ändern. Er mußte einfach fliegen; für ihn war das ein Parameter, eine Tatsache, mit der er leben mußte. Auch wenn das letztlich die Trennung von Jill bedeutete. Er sprach das zwar nicht aus, doch er spürte, daß Wiktorenko ihn auch so verstand. Jedenfalls drang der Kosmonaut nicht in ihn.

Muldoon spürte, wie die entspannende Wirkung des Wodkas einsetzte und spülte mit Bier nach.

Nun füllte die Bar sich allmählich; NASA-Ingenieure und Techniker bildeten das Gros, flankiert von ein paar Sowjets. Dann kam Adam Bleeker hereinspaziert. Er nickte Muldoon zu und steuerte die Bar an.

Es freute Muldoon, daß Amerikaner und Russen reibungslos zusammenarbeiteten. Es hatte auch lang genug gedauert, das zu bewerkstelligen. Anfangs hatten die Sowjets sich der Idee gemeinsamer Raumflüge widersetzt, weil sie den Amerikanern nicht trauten - und in den USA hatte man den Verdacht gehegt, daß die wahren Motive der Sowjets darin bestanden, sich Zugang zu amerikanischer Technik zu verschaffen.

Doch das war Unsinn, sagte Muldoon sich. Schließlich war sowohl die Sojus- als auch die Moonlab/Apollo-Technik bereits zehn Jahre alt; was, zum Teufel, hätte man da noch ab kupfern sollen? Zumal Carter und Ted Kennedy sich für dieses Projekt engagierten; Carter betrachtete die Moonlab-Mission - die eigentlich auf Nixon zurückging - als Symbol für seine Leistung, die Sowjets zur Unterzeichnung des SALT II-Vertrags zu bewegen.

Manchmal kam Muldoon die Geschwindigkeit des Wandels geradezu unheimlich vor; sie schien sich zu erhöhen, je älter er wurde.

»Wissen Sie, Wladimir, wir arbeiten nun schon seit ein paar Jahren an diesem Programm, doch manchmal kommt es mir noch immer irreal vor, daß wir, Sie und ich, in einer Moskauer Bar Wodka trinken. Die noch dazu vom KGB getrieben wird.«

»Wie das?«

»Wenn die Dinge sich anders entwickelt hätten, wäre ich vielleicht mit zwei Atombomben unter den Tragflächen nach Moskau geflogen anstatt mit einer Zahnbürste.«

»Atombomben«, sagte Wiktorenko. »Wirklich. Und nun sind wir Kameraden. Aber das ist es gerade, was Männer wie Sie und mich auszeichnet, Joe. Wir sind Flieger. Wir steigen auf und führen unseren Auftrag aus, wie auch immer er lautet. Bis an den Rand des Abgrunds. Und darüber hinaus. Einst hatten wir den Auftrag, Atomwaffen zu transportieren. Und nun haben wir den Auftrag, uns im Weltraum die Hände zu schütteln. Und das werden wir nach besten Kräften durchführen. Die anderen - die Bürohengste und sogar die Ingenieure - werden das nie verstehen. Das ist immer schon so gewesen.

Ich erinnere mich noch an die Einführung ins WostokProgramm«, sagte er. »Ich wurde in eine Isolierkammer gesteckt. Eine Kiste. Für ein paar Wochen. Und dann in eine Wärmekammer und dann in eine Dekompressionskammer. Und dann wurde ich plötzlich zum Flughafen gebracht, in ein Flugzeug verfrachtet und erhielt den Befehl, mit dem Fallschirm abzuspringen. Die Ärzte, diese Quacksalber, begründeten diese Behandlung damit, daß sie herausfinden müßten, wie ich auf den abrupten Wechsel von einer abgeschlossenen Kabine in die Unendlichkeit des Alls reagieren würde. Ha.«