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»Oberst Muldoon. Oberstleutnant Wiktorenko. Freut mich, Sie zu sehen.«

Das war Fred Michaels. Der NASA-Direktor stand etwa einen halben Meter von Muldoon entfernt. Ein paar Schweißperlen standen auf seinem Gesicht. Hinter ihm erkannte Muldoon den Inspektor, Josephson - ein Bürohengst par excellence.

Wiktorenko ließ Michaels eine überschwengliche Begrüßung zuteil werden und bestand darauf, daß er und Josephson einen doppelten Wodka zur Brust nahmen.

Tim Josephson nahm Muldoon beiseite. »Es tut mir leid, Sie damit zu behelligen, Joe. Aber wir brauchen noch heute abend eine Entscheidung von Ihrer Besatzung.«

»In welcher Hinsicht?«

Josephson schlug eine Mappe auf. »Das Rufzeichen für die Apollo beim Moonlab/Sojus-Flug. Wie Sie wissen, haben wir auf Initiative des Kongresses hin alle Schüler des Landes aufgefordert, sich im Rahmen eines Wettbewerbs einen passenden Namen auszudenken.« Er blätterte in der Mappe. »Wir haben siebentausend Vorschläge von insgesamt einundsiebzigtausend Schulkindern erhalten. Jeder Name ist das Ergebnis einer Projektarbeit. Die Beurteilungskriterien wurden folgendermaßen gewichtet: achtzig Prozent für die Qualität und Kreativität des Projekts und zwanzig Prozent für die Prägnanz des Namens und das Vermögen, den Geist Amerikas zu vermitteln. Und.«

»Halten Sie mal die Luft an, Josephson. Um Himmels willen.«

»Ich habe hier eine Liste der neunundzwanzig EndrundenTeilnehmer. Wir liegen jetzt schon hinter dem Zeitplan zurück. Ich habe mir gesagt, wenn Sie und die Besatzung sich heute abend damit befassen würden und.«

Muldoon kippte sich noch einen Wodka hinter die Binde. »Verpissen Sie sich.«

Josephson starrte ihn schockiert durch seine Brille an. Er sperrte den Mund auf und machte ihn wieder zu. Dann schaute er für eine Minute auf den Boden, als ob er sich sammeln würde.

Als er wieder aufsah, war sein Gesicht versteinert.

»Oberst Muldoon. Wir sollten das vielleicht woanders besprechen. Auf Ihrem Zimmer?«

Michaels war sichtlich empört. Wladimir Wiktorenko blinzelte ihm zu.

Ach, zum Teufel. »Klar. Gehen wir.«

Muldoon trank den Wodka aus.

»Hören Sie, Josephson. Ich.«

»Sie hören mir jetzt zu!«

Josephson stand wie ein Strich in der Landschaft. Er hatte sich völlig unter Kontrolle und wirkte in Muldoons engem Zimmer geradezu einschüchternd. »Ich habe genug von Ihrer Inkompetenz, Oberst, und der Art und Weise, wie Sie sich selbst, die NASA und die Regierung zum Gespött machen. Sie und Ihre Raumkadetten können froh sein, daß sie diesen Flug überhaupt bekommen haben. Wir haben Ihre Auftritte in der Öffentlichkeit verfolgt. Wir wissen, daß Sie sich über die Streichung der letzten Mondflüge ärgern. Wir wissen, daß Sie den gemeinsamen Flug lediglich für einen PR-Gag halten. Wir wissen, daß es Ihnen gegen den Strich geht, mit primitiver sowjetischer Technik zu arbeiten.«

Muldoon spürte, daß Gefahr im Verzug war. »Sehen Sie.«

»Ich mußte mich vor dem Kongreß rechtfertigen, weil Sie gegen die NASA vom Leder gezogen haben. Sie, Muldoon. Die Astronauten gehen dorthin und werden als Helden gefeiert. Ich bin hingegangen und wurde zur Sau gemacht. Das wird mir nie wieder passieren. Ist das klar? Und nun nehmen Sie diese Liste.«

Beim Blick in Josephsons schmale, berechnende Augen sah Muldoon, daß alles - sein ganzes Leben, seine Hoffnungen -von diesem Augenblick abhing. Die Straße zum Mars führt durch diesen Flaschenhals, vorbei an diesem Blatt Papier, an den einundsiebzigtausend Schulkindern und ihren lächerlichen siebentausend Namen, in diesem verschissenen Raum auf der falschen Seite des Planeten. Da muß ich wohl durch.

Und die Leichtigkeit des Monds war schon lange verflogen.

Er nahm die Liste von Josephson und warf einen Blick auf die Namen. Abenteuer. Blake. Adler. Ausdauer...

»Soll ich Phil suchen«, sagte Josephson, »und.«

»Nein. Ich bin der Kommandant. Hier.« Er tippte auf einen Namen. »Dieser hier.«

Josephson schaute auf das Papier. »Grissom.«

»Der Kommandant von Apollo 1.«

Josephson musterte Muldoon für einen Moment und nickte. Dann wandte er sich ab und verließ den Raum.

Muldoon spritzte sich Wasser ins Gesicht. Dann ging er wieder in die Bar und betrank sich systematisch.

Donnerstag, 10. April 1980 Luftwaffenstützpunkt Ellington, Houston

Sie brauchte eine Stunde, um sich umzuziehen.

Die Sicherheitsbelehrung bot schon mal einen Vorgeschmack auf das, was sie noch erwarten würde. Sie wurde mit Fakten überhäuft, mit D-Ringen, Abzugsleinen, Sauerstoffflaschen, Sauerstoffmangel, Überlebenstechniken. Mein Gott. Dabei fliege ich in der verdammten Kiste nur als Passagier mit.

Und nun war sie in eine Fliegerkombi gezwängt und hatte eine Sauerstoffmaske auf dem Gesicht. Sie war mit Gurten an den Sitz gefesselt, mit einem Fallschirm auf dem Rücken. Die Taschen der Fliegermontur waren mit Notsauerstoff, einem Funkgerät und Überlebensutensilien für alle möglichen Umgebungen vollgestopft. In einer Beintasche befand sich ein Verbandspäckchen. Sie hatte sogar einen Fliegerhelm, eine

Lederhaube im Stil des Ersten Weltkriegs. Seht mich an, mich, das neue Flieger-As.

Sie ging aufs Flugfeld hinaus! Dort wartete bereits Phil Stone, der Chef-Astronaut. Stone war groß, hatte eine Glatze und ging schon auf die Sechzig zu. Er grinste und schüttelte ihr mit einer behandschuhten Pranke die Hand. »Willkommen zum Jungfern-Flug«, sagte er.

Unsicher erwiderte sie das Lächeln.

Hinter ihm stand die T-38 wie ein glänzendes Spielzeug auf der Rollbahn. Das Schulflugzeug sah aus wie ein weißer Dartpfeil. Die Tragflächen wirkten wie gestutzte Schwingen, und der schlanke weiße Rumpf sah eher aus wie eine Rakete. Es schien völlig ausgeschlossen, daß eine derart kleine, kompakte Maschine sich in die Lüfte zu erheben vermöchte.

Das wird ein Drahtseilakt werden, Natalie. Du sagst, du willst Astronautin werden. Du machst dich über den Trend lustig, daß die Astronauten wie Helden verehrt werden. Damit hast du recht.

Aber es bedeutet auch, daß du dich Situationen wie dieser stellen mußt.

Zwei Mechaniker waren ihr behilflich, in die Maschine zu klettern. Die T-38 war so schmal, daß sie sich förmlich hineinquetschen mußte. Sie würde in einem separaten Cockpit hinter Stone sitzen, unter einer eigenen Glaskuppel.

Stone stieg vor ihr ins Flugzeug und fragte sie über Funk: »Natalie, hören Sie mich?«

»Sicher, Phil. Laut und deutlich. Und ich.«

Er unterbrach sie. »Letzte Sicherheitsinstruktionen«, sagte er. »Ich werde Ihnen sagen, wann Sie das Dach der Kanzel schließen sollen. Keine Hektik, Natalie. Ihr Fallschirm ist so eingestellt, daß er sich sofort öffnet, nachdem Sie mit dem Schleudersitz ausgestiegen sind. Das wird in geringer Höhe immer so gemacht. Später werde ich Ihnen dann sagen, wann

Sie ihn auf große Höhe umstellen sollen und wann eine Verzögerung zwischen Ausstieg und Öffnen des Fallschirms notwendig ist. Dazu befestigen Sie den Haken an diesem Ring am Fallschirm und.«

Das Geräusch der Triebwerke schwoll zu einem Brüllen an und übertönte seine Worte.

Das Flugzeug rollte auf die Piste.

Stone, der in der Kanzel vor ihr saß, steuerte die Maschine mit ruhigen und präzisen Bewegungen. Die Anzeigen vor ihr reagierten synchron mit Stones Instrumenten. Es sah aus wie ein mechanisches Klavier.

Sie spürte, wie ihr Pulsschlag sich erhöhte, die Atmung sich beschleunigte und der Gummigeruch hinter der Maske strenger wurde. Sie spürte, wie Schweiß von den Schläfen tropfte und sich in der Brille sammelte.