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Nun lief auf einem Monitor ein Film über die beiden Kosmonauten - Wladimir Wiktorenko und Aleksandr Solowjow - ab. Die in Druckanzüge gehüllten Männer verließen gerade ihre Unterkünfte und bestiegen einen Bus. Der Bus sah aus wie ein gewöhnlicher Reisebus.

Seger spürte eine Aufwallung, das Bedürfnis, die Kollegen zu beschützen. Er sprach ein Gebet für die Unversehrtheit der Kosmonauten und berührte dabei den Kruzifix-Anstecker.

Michaels bekam das mit und hob eine Augenbraue.

»Sie sollen das auch nicht auf die leichte Schulter nehmen, Bert. Ich glaube, Sie machen gerade einen - wie heißt das? -Kulturschock durch. Teufel, Bert, das sind nicht unsere Jungs. Wir müssen den Sowjets eben zubilligen, daß sie wissen, was sie tun. Auch wenn wir nicht so recht davon überzeugt sind. Immerhin scheint die N-1 die Funktion eines Trägersystems zu haben. Sie haben zweimal mit einer unbemannten Sojus den Mond umkreist und sie zur Erde zurückgebracht. Und wir haben Muldoon, Bleeker und Stone im Mondorbit, die schon auf ihren Vogel warten; den Sowjets ist auf jeden Fall an einem Erfolg gelegen.«

»Vielleicht. Ich wünschte nur, sie würden unseren Jungs gestatten, die Startanlagen etwas zu modifizieren.«

Michaels brach in Gelächter aus. »Das wäre wirklich eine tolle Maßnahme gewesen. Wir brauchen den Erfolg aber auch, Bert. Das wissen Sie selbst.«

Seger mußte ihm beipflichten.

Der Film wurde nun musikalisch unterlegt; es war eine getragene Weise, und ein Kommentator erklärte in holprigem Englisch, daß dieses Stück simultan in die Sojus übertragen wurde, um die Kosmonauten zu beruhigen. Meine Fresse, sagte Seger sich. Sie müssen sich Vorkommen, als ob sie in einem Aufzug steckengeblieben wären.

Beim Blick auf die Uhren sah Seger, daß es noch eine Minute bis zum Start war. Er hob das Fernglas.

Die Elektrokabel und Brennstoffleitungen fielen wie Nabelschnüre von der Wandung des Schiffs ab, und die N-1 stand nun frei da: groß, primitiv, zerbrechlich. Mein Gott. Das Ding sieht aus wie ein Tauchsieder.

Die Zündung würde in vier Sekunden erfolgen.

Rauch und Flammen schlugen aus der breiten Basis der N-1, wälzten sich über die Steppe, und Feuer füllte die um das Schiff gezogenen Gräben.

Seger sah, daß das flammende Inferno sich noch verstärkte. Die erste Stufe enthielt nicht weniger als dreißig Raketentriebwerke, verglichen mit fünf in einer Saturn.

Die ersten Momente des Starts waren die kritische Phase. Im Gegensatz zur Saturn wurde die N-1 nicht festgehalten, während der Schub sich aufbaute. Statt dessen stieg sie einfach auf, wenn der Schub das Gewicht überstieg. Und einen Unterbrecher für die Triebwerke gab es auch nicht.

Schließlich stieg die große Stufenrakete doch auf ihrer Flammensäule auf. Der Anblick war mit einer Kathedrale zu vergleichen, die sich in die Lüfte erhob.

Nachdem die Stufenrakete sich erst einmal um eine Länge vom Erdboden gelöst hatte, beschleunigte die N-1 schnell. Im weiteren Verlauf neigte sie sich, wobei an der Basis eine Explosion aus Licht aufloderte.

Nun erreichte der Schall den Beobachtungsbunker, und das Fenster vor Seger klirrte; das Licht flutete in den Raum, als ob eine kleine Sonne über der Steppe aufgegangen wäre. Die Druckwellen der Rakete pflanzten sich bis ins Innere seines Körpers fort.

Michaels beugte sich zu Seger herüber. »Es scheint zu funktionieren.«

»Qmax«, übertönte Seger das Getöse. »Sie muß noch Qmax durchlaufen.« Der Punkt des maximalen aerodynamischen Drucks war der Punkt, an dem bei früheren Flügen Probleme aufgetreten waren. Es war im Grunde das Versagen der N-1 gewesen, wodurch die Sowjets den Wettlauf zum Mond verloren hatten. So hatte zum Beispiel die N-1 bei der letzten Erprobung vor Apollo 11 im Jahre 1969 so heftig vibriert, daß eine interne Leitung gebrochen war. Die ganze Rakete war mit Flüssigsauerstoff besprüht worden. Triebwerke explodierten, Turbo-Pumpen platzten. Die Explosion hatte die Energie einer taktischen Atombombe und war sogar von amerikanischen Aufklärungssatelliten registriert worden.

Die Uhren sagten Sechsundsechzig Sekunden.

»Ich glaube, das war’s«, sagte Seger atemlos. »Die Triebwerke werden wieder hochgefahren.«

»Dann wäre das Schlimmste also überstanden?«

»Mitnichten. Nein, dieser Vogel hat es erst überstanden, wenn die fette Dame aus voller Kehle singt, Fred.«

Michaels klopfte ihm auf die Schulter und widmete sich den anderen Gästen.

Lange, nachdem die anderen gegangen waren und der Lärm des Starts sich gelegt hatte, stand Seger noch am Fenster. Er beobachtete den Sonnenuntergang und summierte im Kopf die Starts, die er bereits erlebt hatte.

Zeitdauer der Mission [Tag/Std:Min:Sek]

Plus 121/12:23:34

Gershon stieg durch die Kopplungsöffnung in den Kopplungstunnel ein und schwebte in die Kommandokapsel. Mit dem Kopf voran erreichte er die Spitze der kegelförmigen Apollo-Kabine. Er schlug einen Salto, der ihn von >oben< aus dem Missionsmodul nach >unten< in die Apollo beförderte.

Für Gershon war dieses Manöver einer der merkwürdigsten Aspekte des ganzen Flugs.

Er schloß die Luke hinter sich und lehnte sie an.

Dann setzte er sich auf Stones Platz an der linken Seite der Kabine und befestigte die Checkliste an einem Klettverschluß an der Steuerkonsole. Er hatte eine Tube Orangensaft in der obersten Tasche seiner Kombi. Diese öffnete er nun und nahm einen Schluck. Er rückte das Kopfbügelmikrofon zurecht und vergewisserte sich, daß er Kontakt zum Rest der Ares hatte -sowohl York als auch Stone befanden sich im Missionsmodul -, und dann setzte er eine Nachricht an Fred Haise ab, der gerade als Capcom fungierte. Er wartete jedoch nicht, bis das Signal durchs Sonnensystem geschlichen war und die Antwort eintraf, sondern machte sich gleich an die Arbeit.

Er fuhr die Systeme der Apollo hoch.

Während des Transfers zum Mars und zurück waren nur die lebenswichtigen Systeme der Apollo aktiviert. Leitungen führten von den Sonnensegeln durch den Kopplungstunnel zu Apollo, so daß Apollo nicht die eigenen Energiereserven angreifen mußte. Etwa alle fünfzig Tage mußte Gershon die Systeme von Apollo überprüfen. Er würde dafür sorgen, daß sie auch dann noch funktionierten, wenn die Besatzung mit Apollo den Rückflug antrat und wieder in die Erdatmosphäre eintrat.

Diese Aufgabe machte vielleicht vierzig Prozent seines gesamten Auftrags aus.

Er kramte eine Musikkassette aus der Tasche und schob sie ins Abspielgerät von Stones Steuerkonsole. Violinenklänge -ein leichtes, beschwingtes Stück - durchfluteten die dünne Luft in der Kabine. Gershon schloß die Augen und ließ sich von der Musik verzaubern. Mozarts Vierzigste Symphonie. Exquisit. Die Anspannung fiel von ihm ab, und selbst die Kabine kam ihm nun großzügiger vor.

Vietnamveteranen sollten eigentlich dem Bild abgedrehter Jimi Hendrix-Fans entsprechen. Und Image wurde in Houston großgeschrieben:    bei zehn Bewerbern mit gleicher