Donnelly war auf dem aufsteigenden Ast. Er sah einer glänzenden Zukunft entgegen - noch ein paar Jahre hier in der Arena, und dann würde er vielleicht zum Programm-Manager befördert werden. Und wenn er diese komplexe und schwierige Mission gemeistert hatte, könnte er sich eine bunte Feder an den Hut stecken.
Er liebte seine Arbeit. Und er wollte noch viel mehr erreichen; er wollte den Flug zum Mars leiten. Er wollte nicht, daß diese Mission ein Mißerfolg wurde.
Doch nun war es an der Zeit, die Atombombe zu zünden.
Apollo N schüttelte sich, als Sprengbolzen die ausgebrannte zweite Stufe, die S-II, abtrennten. Dana trieb schwerelos in der Kabine und wartete auf den zweiten Schub.
»Los geht’s!« sagte Jones in seinem Tennessee-Dialekt. Er wirkte ruhig und entspannt - als ob er das jeden Tag machen würde.
Und wenn Chuck Jones äußerlich noch so ruhig war; selbst er mußte gespannt sein wie eine Uhrfeder, sagte Dana sich, weil nämlich der entscheidende Moment des Flugs bevorstand. Bei der dritten Stufe der Mehrstufenrakete handelte es sich nicht um die alte, bewährte S-IVB, welche die Mondraketen in den Erdorbit und noch weiter gebracht hatte; es war eine S-NB mit dem ersten einsatzbereiten NERVA-Triebwerk. Und das verdammte Ding mußte nun zünden, um sie in den Orbit zu befördern, oder sie würden, wie Dana wußte, den Atlantik überfliegen und in der Sahara eine harte Landung hinlegen.
»Apollo, Houston«, meldete York sich, »Go für den Orbit. Go für den Orbit.«
Für lange Sekunden flog das Raumschiff antriebslos dahin, und schließlich erhielt Dana einen Tritt in den Rücken.
»Sie hat gezündet«, sagte Chuck Jones atemlos. »Was sagt ihr dazu. Wir reiten auf einer gottverdammten Atombombe.«
Die NERVA-Zündung war nicht so heftig wie die vor sechs Minuten erfolgte Zündung der zweiten Stufe; der Flug verlief nun gemächlicher, und der Schub von hundert Tonnen drückte ihm nur ein Ge ins Kreuz.
Danas Fenster wurde mit irdischem Licht ausgefüllt. Die Apollo wies nun mit der Nase zur Erde.
Er wurde so heftig in die Gurte geschleudert, daß er keine Luft mehr bekam. Mein Gott. Was ist nun wieder los?
Die Nase des Raumschiffs schwenkte wieder nach oben. Metall stöhnte, und das hell erleuchtete Antlitz der Erde schob sich am Fenster vorbei. Er schlug mit dem Helm gegen den Metallrahmen der Liege. Blaues Licht zuckte über das Helmvisier.
»Wir reiten hier auf einem Mustang, Houston«, sagte Chuck Jones mit belegter Stimme. »Sagt uns bitte, was wir tun sollen.« »Booster, Flug. Ich brauche Informationen.«
Für Donnelly hatte es den Anschein, als ob der kleine, stilisierte Saturn auf der Anzeigetafel betrunken sei, so erratisch kurvte er um die programmierte Trajektorie.
Doch die Stimme, auf die es nun angekommen wäre, schwieg. Mike Conlig meldete sich nicht bei ihm.
»Booster, Flug«, wiederholte er. »Haben Sie Informationen für mich?«
Er wußte aber auch, was los war, ohne daß Conlig es ihm sagte. Die S-NB selbst schien noch zu funktionieren. Dieses Nicken mußte noch vom Taumeln herrühren. Die Rakete hatte schon Overshoot gehabt, als die Stufe abgestoßen wurde. Sie flogen kopfüber. Die Nase hing zu tief. Nachdem die S-NB gezündet hatte, flog die Rakete zunächst mit Overshoot weiter. Dann hatte sie das Nukleartriebwerk geschwenkt und versucht, die Nase zu heben und sich auf den Erdmittelpunkt auszurichten. Für eine Weile kämpfte das Lenkungssystem gegen die kardanische Triebwerksaufhängung mit den begrenzten Freiheitsgraden an. Und als die S-NB dann zu merken schien, daß der Pfad zu flach wurde, richtete sie sich wieder auf.
Und so setzte dieser Rückkopplungsprozeß sich fort, während die Instrumenteneinheit der S-NB versuchte, das Schiff wieder auf eine - unerreichbare - Flugbahn zu bringen.
Wo, zum Teufel, steckte Conlig? »Booster,
Flug. Booster.«
Mein Gott, sagte Fred Michaels sich, der vom Leitstand an der Rückseite des MOCR zuschaute. Ich will den Flug nicht abbrechen.
Es wäre ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für einen Abbruch gewesen.
Die neue Reagan-Regierung formierte sich nach dem erdrutschartigen Wahlsieg, und Michaels schaute besorgt in die Zukunft. Er führte Carters Niederlage darauf zurück, daß Ted Kennedy während der Vorwahlen dem Erdnußfarmer die Gefolgschaft gekündigt hatte; andererseits war Michaels der Ansicht, daß Carters Zeit ohnehin abgelaufen war. Und nun kam Reagan, drohte den Russen wegen Polen und Afghanistan und versprach, die Geiseln im Iran zu befreien...
Vielleicht würde Reagan mit demselben Elan auch den Weltraum erobern; aber man wußte es eben nicht.
Michaels hatte einen wichtigen politischen Verbündeten im Weißen Haus verloren, und die Kennedy-Karte stach nicht mehr so richtig.
Dennoch hatte der Apollo-N-Flug der NASA eine umfassende Medienpräsenz beschert - zum Teil sogar mit wohlwollender Diktion, weil die NASA die Sicherheitsmaßnahmen beim Umgang mit den radioaktiven Substanzen publik gemacht hatte. Der Bericht über den Start hatte sogar eine höhere Einschaltquote erzielt als die Folge von >Dallas<, in der es um die Klärung der Frage von nationalem Interesse ging, wer auf JR geschossen hatte. Michaels legte keinen Wert darauf, daß anstatt dieser vorteilhaften Meldungen eine neue Apollo-Katastrophe auf den Titelseiten erschien -nicht jetzt und auch nicht in Zukunft.
Bert Seger, der ein paar Reihen hinter Michaels im Leitstand saß, wußte, daß es sich bei diesem Flug um die umstrittenste NASA-Mission seit den militärischen Besatzungen von Skylab A handelte. Auf dem Kennedy-Gelände hatten Protestversammlungen stattgefunden. Eltern hatten ihre Kinder mitgebracht, und Transparente mit der Aufschrift THREE MILE ISLAND waren entfaltet worden. Der Sicherheitsdienst des Raumfahrtzentrums hatte die Demonstranten vom Startgelände und den Zuschauertribünen ferngehalten. Doch für Bert Seger, der gerade aus Tjuratam zurückgekommen war und dringend an den Start mußte, war es ein echtes Spießrutenlaufen gewesen.
Seger war nun schon seit Jahren in dieses Projekt eingebunden. Er hatte den Zorn, den er auf den Gesichtern der Demonstranten gesehen und in den Nachrichten sowie über die Konferenzschaltungen der NASA mitbekommen hatte, als höchst beunruhigend empfunden.
Und noch beunruhigender war das Rumoren innerhalb der NASA. Ein paar Astronauten, dieser Joe Muldoon mit seiner großen Klappe zum Beispiel, hatten sich etwas zu freimütig über die Einsatzbereitschaft beziehungsweise über die fehlende Einsatzbereitschaft von NERVA geäußert. Zum Glück war Muldoon zur Zeit hinter dem Mond und vermochte deshalb keinen Schaden anzurichten.
Doch Muldoon und die anderen hatten in Seger den Keim des Zweifels gesät. War er vielleicht zu weit vorgeprescht? Wenn es heute zu einem Debakel kam, dann konnte die NASA in Anbetracht der zu erwartenden Proteste gleich nuklearen Treibstoff über der Ostküste ablassen.
Tags zuvor, in der Leitzentrale von Kennedy, hatte die Besatzung von Apollo-N Seger ein von allen signiertes Foto in einem Messingrahmen überreicht. Es zeigte die drei lächelnd im Raumanzug. Die Widmung lautete: Für Bert - In Ihren Händen.
»Booster, Flug. Booster, verdammt.«
Donnellys Stimme drang wie ein summendes Insekt aus Conligs Kopfhörer und erschwerte ihm das Nachdenken.
Die Missionsbestimmungen waren klar und eindeutig. Wenn in dieser Phase des Starts ein Fehler auftrat, sollte Conlig in seiner Eigenschaft als Triebwerks-Controller die Abbruchtaste