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Mittels eines starken Ultraviolett-Teleskops sollten viele wissenschaftliche Arbeiten ausgeführt werden: Sonnenbeobachtungen, Untersuchungen der äußeren

Atmosphäre sowie Erdbeobachtungen und -aufnahmen. Neben der Ausrüstung in der Kommandokapsel waren noch verschiedene Sensoren für Außenexperimente in einem Instrumentenfach der Betriebs- und Versorgungseinheit deponiert. Doch die Wissenschaft war nur zweitrangig, wie Dana wußte. Der eigentliche Zweck der Mission war folgender: sorgt dafür, daß die verdammte NERVA funktioniert und vom Raumschiff aus kontrolliert werden kann, ohne daß sie die Umwelt radioaktiv verstrahlt.

Nachdem er die Sterne angepeilt hatte, bestimmte er mittels des Sextanten den Winkel zwischen zwei Fixsternen. Dies diente der Überprüfung des >Gedächtnisses< der Plattform; Danas Berechnungen mußten eine Genauigkeit von einem zehntausendstel Prozentpunkt aufweisen: das Ziel waren fünf Nullen hinter dem Komma, eine Anzeige von -.00000 beim Abgleich des Sternenwinkels.

Dana erzielte -.00003:    vier Nullen und ein >paar

Zerquetschte«

Inzwischen hatte er sich an die Mikrogravitation gewöhnt. Als er die Hände ausstreckte, merkte er, daß er sich in der Luft drehte wie ein Tannenzapfen.

Das Gefühl war wundervoll. Ihm war zum Lachen zumute.

Ralf Donnelly befand sich im Mittelpunkt eines Netzes aus Informationen, Argumenten und Extrapolation, einem Netz, das sich über das ganze Land zog: aus Marshall in Alabama über Rockwell in Downey, den Erbauern der Apollo, über Boeing, wo die telemetrischen Daten der ersten Stufe S-IC einer gründlichen Analyse unterzogen wurden, bis hin zu dem Dutzend und mehr Gruppen hier im MOCR, den Nebenräumen und in Gebäude 45. Er stellte sich vor, wie die Drähte glühten, während Bodenkontrolle und Raumschiffsbesatzung lange Checklisten durchgingen, mit denen die Antriebssysteme, die Triebwerksaufhängung, die Kreiselsteuergeräte, Computer und

Lebenserhaltungssysteme überprüft wurden. Die Ergebnisse wurden landesweit publik gemacht.

Dann gingen die ersten Antworten ein und wurden vom Indigo-Team gefiltert und zu einem Puzzle zusammengesetzt.

Das Taumeln der S-IC war anscheinend auf einen unerwarteten Resonanzmodus der Saturn VN, der neuen Saturn/NERVA-Stufe, zurückzuführen. Das hätte jemandem auffallen müssen, und zwar lange vor der Montage der Stufe.

Hatte die Qualitätskontrolle bei diesem Programm etwa gepennt? Donnelly hielt allen Beteiligten zugute, daß sie unter großem Zeitdruck gestanden hatten. Dennoch: an mir wird es nicht liegen, wenn es schiefgeht. Es hörte sich so an, als ob ein paar Dumpfbacken bei Boeing oder Marshall dieses Motto vergessen hätten, und ausgerechnet bei dieser Mission.

Doch was nun, nachdem der Schaden einmal eingetreten war?

Die Logik hätte geboten, den Flug abzubrechen und die Besatzung wieder nach Hause zu bringen. Schließlich war das Raumschiff nicht für die Belastung ausgelegt, der es beim Start ausgesetzt gewesen war.

Doch Donnelly war von Haus aus Physiker und im Grunde seines Herzens Wissenschaftler geblieben. Vergiß einmal die Missionsbestimmungen und die Politik: was sagen die Daten?

Die Saturn hatte schließlich versagt, nicht NERVA. Und nun war die Saturn abgestoßen, und die Triebwerks-Leute versicherten ihm, daß alles in Ordnung sei und daß das Taumeln der S-NB nicht annähernd so stark zugesetzt hatte, wie es vielleicht zu befürchten gewesen wäre. Inzwischen hakten die anderen Subsystem-Teams die jeweiligen Punkte auf den Checklisten quasi im Schnelldurchgang ab.

Hinter ihm, in der Management-Reihe und im Leitstand, fanden sich immer mehr hohe Tiere ein und ließen sich vor lauter Sorge noch mehr graue Haare wachsen. Bert Seger war dort, zusammen mit den Direktoren für die Flug- und

Besatzungsoperationen; und hinter Seger erkannte Donnelly Tim Josephson.

Die strategische Bedeutung des Flugs war für jeden offensichtlich: NERVAs Nukleartechnik mußte ein Erfolg werden - sie mußte nachweislich sicher sein -, wenn die Öffentlichkeit nicht besänftigt und das Nuklearprogramm beschnitten oder gar eingestellt wurde, nun, dann konnte man dem Mars gleich >Adieu< sagen.

Donnelly mußte den Dienstweg einhalten. Traditionsgemäß durften nur der Flugdirektor oder der Missions-Arzt einen Flug abbrechen. Die Führungsspitze der NASA hatte bisher noch keine Entscheidung eines Flugdirektors während einer Mission revidiert.

Das war eine Tradition, mit der Donnelly nicht gerade in seiner Schicht brechen wollte.

Natalie York saß in ihrer Eigenschaft als Capcom in der EDV-Reihe vor Rolf Donnelly. Sie musterte die Gesichter der Controller. Sie hatte sie während des intensiven Trainings für diese Mission kennengelernt, während der langwierigen und komplexen integrierten Simulationen und während der anschließenden Saufgelage. Es handelte sich durchweg um junge Männer. Sie waren alle so intelligent, daß sie sich schon auf einer Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn befanden. Das stellte in sozialer Hinsicht ein Handicap dar und machte sie zu unsteten und letzten Endes instabilen Persönlichkeiten.

Sie alle hatten, während sie das Raumschiff in den Orbit geleiteten, unter großem Druck gestanden, und nun mußten sie erneut schwerwiegende Entscheidungen treffen.

Mike saß im >Schützengraben< - in der Reihe vor ihr, etwas nach links versetzt. Er war über die Konsole gebeugt und wirkte äußerst angespannt. Sein Haar war ungekämmt und fettig. Er war gerade in eine gedämpfte Diskussion mit einem Kollegen von Mitchell verwickelt.

Bei ihr keimten wieder die alten Zweifel an Mikes Eignung auf, und sie fragte sich, ob er solchen Streßsituationen überhaupt gewachsen war, wo es um vom Kurs abgewichene Raketen und bemannte Raumschiffe ging und wo die Missionen oft solche Wendungen nahmen, daß blitzschnelle Reaktionen erforderlich waren.

Sie hatte das Bedürfnis, die Hand auszustrecken und ihn zu berühren, um ihn aufzumuntern oder zu beruhigen. Doch sie wußte, daß er das jetzt als Störung empfinden würde. Mike befand sich nun auf seiner eigenen Flugbahn und hatte sich ebenso ihrer Kontrolle entzogen wie die Saturn/NERVA-Stufe, die sich selbst ins All steuerte.

Wie dem auch sei, sie mußte sich auf ihre eigene Arbeit konzentrieren. Diese Aufgabe war ein großer Augenblick für sie. York war nun keine Astronauten-Anwärterin mehr. Sie war nun offiziell in den Dienstplan eingetragen, und die Ernennung zur Capcom war ihr erster operativer Einsatz. Obendrein war es ein großer Vertrauensbeweis.

Diese Tätigkeit war weitaus schwieriger, als sie vermutet hatte. Der Capcom war die einzige Person, welche mit der Besatzung Kontakt hielt. Bei ihr liefen alle Informationen zusammen, die von innerhalb und außerhalb des Kontrollzentrums kamen; sie mußte ständig präsent sein und sämtliche Informationen, die sie erhielt, filtern und bündeln. Niemand arbeitete ihr zu; sie mußte in Echtzeit entscheiden und handeln.

Sie war der Ansicht, daß sie bisher gute Arbeit geleistet hatte. Allerdings nahm niemand von ihr Notiz, weder auf die eine noch auf die andere Art. Das würde sich jedoch ändern, wenn sie Mist baute.

Ich hoffe nur, daß du heute die richtigen Entscheidungen triffst, Mike. Um Himmels willen, Ben ist dort oben.

Jones und Priest schwebten in die Schlafkabinen hinunter, die sich im Nutzlastraum befanden. Bei diesen Kabinen handelte es sich im Grunde nur um ein zwei Meter langes Regal mit einem Abstand von dreißig Zentimetern zwischen den einzelnen Brettern - ausreichend, um eine Hängematte darin unterzubringen.

Dana schnallte sich auf der Liege vor der Steuerkonsole an. Sie bot immer noch den größten Schlafkomfort. Doch als Pilot der Kommandokapsel mußte Dana das Kopfbügelmikrofon auch nachts aufbehalten, für den Fall, daß Houston eine dringende Mitteilung für die Besatzung hatte. Und selbst wenn Houston das Geschnatter verringerte, hörte er immer ein statisches Rauschen, das dem Schlaf nicht unbedingt förderlich war.