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Beim Essen blickte Stone skeptisch in die Kamera, die ihn aus überhöhter Position anglotzte. Wie alle bisherigen Weltraum-PR-Aktionen würde auch diese wieder ein Reinfall werden. Mein Gott, sagte er sich. Hoffentlich guckt niemand zu.

»Natürlich«, hob Wiktorenko nun an, »gilt auch hier das Wort des Philosophen, der da sagt, das Wichtigste bei einem guten Mahl ist nicht, was man ißt, sondern mit wem man speist.« Dann holte er fünf Metallampullen aus einer Tasche seiner Kombination. >Wodka< stand auf den Ampullen. Die

Astronauten leckten sich gierig die Lippen, und nachdem sie die Ampullen dann geknackt hatten, stellten sie fest, daß sie mit Borschtsch gefüllt waren, den sie nun grinsend in die Kamera hielten. Ein russischer Scherz... Zum Totlachen, dachte Stone und rang sich ein Grinsen ab, das kläglich mißglückte.

Nachdem die Reste der Mahlzeit beseitigt waren, endete die Fernsehübertragung. Schließlich mußte die Besatzung sich auch einmal entspannen. Doch Bob Crippen, der an diesem Tag als Capcom Dienst tat, meldete sich aus Houston: »Moonlab, wir haben eine Überraschung für euch. Sprechen Sie, Mister President; Sie sind mit Moonlab verbunden.«

Der vertraute Georgia-Dialekt drang aus dem Lautsprecher: »Guten Abend, meine Herren. Oder sollte ich lieber >Guten Morgen< sagen? Ich melde mich aus dem Oval Office im Weißen Haus. Dies ist wohl das bemerkenswerteste Telefongespräch, Joe, seit John Kennedy mit Ihnen und Neil Armstrong auf dem Mond gesprochen hat. Das ist nun schon elf Jahre her.«

Die Besatzungen saßen am Tisch und blickten mit starrem Lächeln in die Kamera.

Carters Ansprache war mit Banalitäten gespickt und wollte überhaupt kein Ende nehmen. Solowjow und Wiktorenko waren erschüttert. Carter war ja noch dämlicher als Breschnew.

Es wäre nicht so schlimm, sagte Stone sich, wenn wir nicht wüßten, daß Carter bald abtreten wird. Und daß er das Raumfahrtprogramm immer voll unterstützt hat.

Nun widmete Carter sich jedem einzelnen Astronauten und Kosmonauten. »Na, Joe. Ich glaube, das ist Ihr erster Flug seit elf Jahren.«

»Ja, Sir, das ist mein erster Flug seit der Mondlandung. Es ist wundervoll, wieder im Weltraum zu sein.«

»Hätten Sie vielleicht einen Rat für die jungen Leute, die hoffen, bei späteren Weltraum-Missionen mitzufliegen?«

Muldoons Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. Stone wußte genau, was er dachte. Klar. Mach dich nicht selbst zum Trottel, indem du der NASA am Zeug flickst. »Nun, Sir, ich würde sagen, der beste Rat, den ich ihnen geben kann, ist der, daß sie sich für ein Ziel entscheiden und es dann mit aller Kraft anstreben sollten.«

Solange Carter nicht fragt, ob er seine Frau vermißt, sagte Stone sich, wird Muldoon Ruhe bewahren; es wußte nämlich jeder in Houston, daß Jill ihn ein paar Monate vor dem Start verlassen hatte. In der Zeitung hatte es aber noch nicht gestanden.

Wiktorenko, der Stone am Tisch gegenübersaß, brachte fünf weitere >Wodka<-Kartuschen zum Vorschein und verteilte sie wortlos. Stone öffnete seine Kartusche und roch daran. Wiktorenko nickte ihm zu und sah ihm dabei ins Gesicht. Ja, diesmal ist es wirklich Wodka. Aber sie werden glauben, es sei Borschtsch. Ein doppelter Scherz! Ha, ha...

Stone leerte die Ampulle in einem Zug und zerquetschte sie in der Faust. Diesmal mißlang ihm sein Grinsen nicht.

Während die banalen Reden und Zeremonien weitergingen, warfen die von niemandem beachteten Mondberge Schatten auf die Tischplatte.

Mittwoch, 3. Dezember 1980

Apollo-N; Lyndon B. Johnson-Raumfahrtzentrum, Houston

Rolf Donnelly kontrollierte ein letztesmal die Abteilungen. »Habt ihr alles im Griff dort oben, INCO?«

»Positiv, Flug.«

»Was ist mit euch, Kontrolle?«

»Sieht gut aus.«

»Lenkung, alles okay?«

»Systeme klar.«

»FIDO, was ist mit euch?«

»Alles klar. Die Trajektorie ist zwar ein bißchen flach, Flug, aber kein Problem.«

»Booster?«

»Bereit für Zündung, Flug«, sagte Mike Conlig.

»Rog. Capcom, wie geht’s der Besatzung?«

Natalie York tat wieder Dienst als Capcom. »Apollo-N, Houston, seid ihr bereit?«

»Positiv, Houston«, meldete Chuck Jones über die LuftBoden-Schleife.

»Rog«, sagte Donnelly. »An alle Controller: los geht’s! Dreißig Sekunden bis zur Zündung.«

»Apollo-N«, sagte York, »bereit für Zündung.«

Apollo-N driftete über den nächtlichen Pazifik; Ben Priest sah eine Schüssel aus weißem Licht in den Gewässern dort unten -den Widerschein des Mondes -, und die Lichter eines großen Schiffs in dieser milchigen Einöde.

Die Besatzungsmitglieder lagen nebeneinander auf den Liegen. Die Druckanzüge umhüllten sie wie Kokons. Priest bekam Herzklopfen. Wir haben alles getan, um die verdammte Kiste in den Griff zu bekommen; nun müssen wir Vollgas geben und weiterfliegen.

Zehn Sekunden vor der Zündung erschien eine >99< auf der Anzeige. Chuck Jones streckte die Hand aus und drückte auf den Knopf.

Die Zahlen, die auf der Konsole erschienen, sagten Mike Conlig, daß    der nukleare    Kern    von NERVA

Betriebstemperatur erreichte. Flüssigwasserstoff strömte bereits aus dem Tank der S-NB und wurde in die Lamellen des Druckmantels und des Triebwerkstrichters gepumpt. Conlig wußte, daß der Brennstoff jetzt den radioaktiven Kern erreichte, wo er in sonnenheißen Dampf umgewandelt werden würde.

Die Kerntemperatur stieg an und folgte dabei der in den Handbüchern abgebildeten Kurve.

Nein, das stimmte nicht. Der Anstieg erfolgte zu schnell.

Betrübt sah Conlig, wie die Zahlen von den Sollwerten abwichen.

Als NERVA gezündet wurde, erzitterte das Raumschiff.

Priest wurde sanft, aber nachhaltig in den Sitz gedrückt. Perfekt. Genauso wie bei den Simulationen.

»Alles klar«, sagte York. »Wir verfolgen eure Flugbahn. Ihr seid genau auf Kurs.«

Priest hatte den Auftrag, die Druck- und Temperaturwerte der S-NB-Stufe, bestehend aus dem NERVA-Triebwerk und dem Wasserstofftank, im Auge zu behalten. Jones beobachtete die Anzeige für die Lage- und Bahnregelung mit dem künstlichen Horizont. Er war jederzeit bereit, die manuelle Steuerung zu übernehmen, falls die automatischen Systeme ausfielen. Dana las die Geschwindigkeit von der Anzeige ab: »Zehn Kilometer pro Sekunde. elf.«

Mike Conligs Mund war wie ausgedörrt. Über die Schleife vom Nebenraum drang ein Kreischen an sein Ohr.

Seine Welt war im Moment ein grüner Bildschirm mit weißen Ziffern.

Die Computer aktualisierten laufend die Daten, und ihre Bedeutung zu erschließen, war gar nicht so einfach. Er mußte die verschiedenen Datenquellen in der rechten oberen Ecke des Monitors betrachten, um sich zu vergewissern, daß die Quellen die Daten auch korrekt aktualisierten. Wenn er die Daten falschen Quellen zuordnete, bestand die Gefahr, daß er die Lage falsch beurteilte.

Doch darüber war er erhaben. Er wußte genau, was der stetige Datenfluß ihm mitteilte. Der NERVA-Kern war noch immer überhitzt.

Er versuchte den Wasserstoffdurchfluß des Kerns zu verstärken. Das würde einen Teil der überschüssigen Wärme abführen.

Doch der erhoffte Erfolg blieb aus. Statt dessen sagte eine Anzeige ihm, daß der Wasserstoffdurchfluß nun abnahm.

Vielleicht gab es einen Defekt in der Wasserstoffzuleitung. Vielleicht war eine Pumpe ausgefallen. Oder vielleicht handelte es sich um seinen Angstgegner, die Kavitation, die irgendwo in den Brennstoffleitungen aufgetreten war.