»Ich nehme an«, sagte Donnelly, »daß Sie den Reserve-EECOM eingeschaltet haben, um die Lage zu klären.«
»Er ist schon hier.«
»Roger.«
Nun schaltete INCO, der Instrumenten- und Funk-Controller sich ein. »Flugleiter für INCO. Die Hochleistungsantenne hat auf das obere Seitenband umgeschaltet.«
Was, zum Teufel, hatte das nun wieder zu bedeuten? »INCO, können Sie den Zeitpunkt dieser Veränderung bestätigen?« Falls das möglich war, ergab sich vielleicht ein erster Hinweis darauf, was dort oben vorging.
Bevor INCO zu antworten vermochte, erfolgte eine weitere Meldung. »Flugleiter für Lenkung. Wir registrieren Lage- und Bahnänderungen.«
»Was soll das heißen, Lage- und Bahnänderungen?«
»Die RCS-Ventile scheinen geschlossen zu sein. Sie müßten aber geöffnet sein.«
Probleme mit der Lage- und Bahnregelung. Probleme mit der Antenne. Probleme mit den Sauerstofftanks und den Brennstoffzellen.
Eine solche System-Signatur war ihm in keiner Simulation untergekommen, die er bisher durchlaufen hatte. Allerdings handelte es sich bei Apollo-Saturn trotz zwölfjähriger Flugerprobung noch immer um ein Experimentalsystem. Ein neues Flugzeug wurde viel intensiver als ein Raumschiff getestet, bevor es die Musterzulassung erhielt.
Wo lag also das Problem? Vielleicht lag es daran, daß die Instrumente falsche Werte anzeigten, wie EECOM anscheinend vermutete. Es war aber auch möglich, daß die Betriebs- und Versorgungseinheit explodiert war und die Rakete vom Kurs abgebracht hatte. Oder vielleicht hatte sich woanders eine Explosion ereignet und die Betriebs- und Versorgungseinheit beschädigt.
INCO meldete sich wieder. Die Probleme mit der Antenne waren ein paar Sekunden nach der Zündung der NERVA aufgetreten.
Donnelly schaute wieder auf die Anzeigetafel, auf der die Flugbahn dargestellt wurde. Das Raumschiff wich deutlich von dem Pfad ab, dem es hätte folgen müssen, wenn die NERVA richtig funktionierte.
Es sah so aus, als ob die S-NB ausgefallen wäre.
»Lenkung, bestätigt ihr diese Abweichung?«
»Rog, Flugleiter.« Lenkung war der Boden-Navigator und wurde auch mit mehreren Problemen auf einmal konfrontiert, während das Raumschiff von seiner Trajektorie abwich und die Lageregelung versagte.
»Booster, wie sieht’s bei euch aus?«
Mike Conlig antwortete nicht. Donnelly sah, daß er zusammengesunken an der Konsole saß. »Booster?«
»Die Besatzung meldet Ozongeruch in den Helmen«, sagte York.
»Flugleiter, hier ist der Arzt. Eine Kontraindikation ist eingetreten.« Der aus Oklahoma stammende Flugarzt mit einem Bürstenhaarschnitt saß bei den System-Jungs in der Reihe vor Donnelly, links von Natalie York. Er trug einen Button mit der Aufschrift FUCK IRAN. Seine Stimme war angespannt.
Donnelly schaltete ihn auf eine geschlossene Schleife. »Reden Sie, Doktor.«
»Flugleiter, ich registriere einen starken radioaktiven Fluß in der Kabine des Raumschiffs. Und Veränderungen bei den Vitalfunktionen der Besatzung.«
Donnelly erinnerte sich an Yorks Meldung. Sie riechen Ozon. Sauerstoff, der durch Strahlung ionisiert wurde. Strahlung von der NERVA. Allmächtiger Gott.
Dann war es also Realität. Die Instrumente funktionierten doch. Und die Russen haben dieses Jahr einen gottverdammten Vietnamesen mit einer Saljut in den Orbit geschickt. Die Presse wird uns ans Kreuz schlagen.
Wegen der zwei simultan ablaufenden Missionen war Bert Seger für drei Tage nicht im Büro gewesen und nutzte nun die Gelegenheit, die Post durchzugehen. Nach ein paar Minuten klingelte die >Quasselstrippe<, die Leitung, über die er mit dem Führungspersonal in Gebäude 2 verbunden war.
Es war irgendein Problem beim Apollo-N-Flug aufgetreten, und Seger sollte lieber zum MOCR kommen.
Verärgert legte Seger die Post weg. Mit der NERVA war doch ständig etwas anderes los.
Die Nadel des Voltmeters für Bus A sackte auf den Grund der Skala. Weitere Warnlampen leuchteten auf.
Dana überprüfte Brennstoffzelle 1 der Betriebs- und Versorgungseinheit, die Bus A mit Strom hätte versorgen sollen. Sie war tot. Nun schaltete Dana die Systeme der Kommandokapsel von Bus A auf Bus B, was mit den behandschuhten Fingern eine diffizile Arbeit war.
Nun leuchtete noch ein rotes Licht auf. Spannungsabfall auch an Bus B. Er überprüfte Brennstoffzelle 3, von der Bus B versorgt wurde; sie war ebenfalls tot.
Mein Gott. Wir haben die Betriebs- und Versorgungseinheit verloren. Das ist eine Neuauflage von Apollo 13.
Er zwang sich zur Ruhe und machte Meldung. Mary würde sicher zuhören, wahrscheinlich auch die Kinder. »In Ordnung, Houston, ich habe einen Warmstart versucht, und die Brennstoffzellen 1 und 3 zeigen beide graue Marken. Ich habe eine Verstopfung im Fluß.«
»Verstanden, Apollo-N. EECOM hat bestätigt.«
Die Erde zog in ihrer ganzen Schönheit an den Fenstern vorbei. Sie ahnte nichts von dem Drama, das sich im All anbahnte.
Das Raumschiff und das Zusatztriebwerk waren durch diesen rätselhaften Knall in Rotation versetzt worden. Dana wußte, daß die Lage- und Bahnregelungssysteme des Schiffs dem langsamen Taumeln hätten entgegenwirken müssen, doch von einer Korrektur war nichts zu spüren.
»Chuck, ich glaube, die Lage- und Bahnregelung der Betriebs- und Versorgungseinheit ist ausgefallen.«
»Rog«, sagte Jones. »Houston, die Reaktionssteuerung ist ausgefallen - bei der Betriebs- und Versorgungseinheit und bei der S-NB.«
Wenn die Betriebs- und Versorgungseinheit wirklich explodiert war, dann bedeutete dies das Ende der Mission.
Dennoch mußte die Besatzung in der Lage sein, aus diesem niedrigen Orbit zur Erde zurückzukehren.
Eine expandierende Wolke aus glitzernden Eiskristallen driftete am Fenster zu seiner Rechten vorbei. Irgendwo in der Mehrstufenrakete mußte ein Leck sein. Es war ein schönes Bild, wie die Wolke über dem leuchtenden Antlitz der Erde stand.
Weitere Alarmlampen leuchteten auf, während die Probleme sich multiplizierten und immer mehr Komponenten ausfielen.
Donnelly sagte dem Arzt, er solle ihm die Meßwerte des Strahlungsdosimeters über die geschlossene Schleife mitteilen.
EECOM meldete sich: »Flugleiter, ich möchte Bus A und Bus B an die Batterie anschließen, bis wir die Ursache für die Anomalien gefunden haben. Wir bestätigen Unterspannung.«
Donnelly versuchte, die Stimme des Arztes zu ignorieren und sich auf den Vorschlag von EECOM zu konzentrieren.
EECOM wollte die Kommandokapsel mit Batteriestrom betreiben. Kurzfristig wäre das wohl eine Lösung. Doch mittelfristig mußten die Batterien der Kommandokapsel geschont werden, um der Besatzung den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu ermöglichen. »Wie wäre es, nur einen Bus an die Batterie zu hängen anstatt beide?«
»Bleiben Sie dran, Flugleiter.« EECOM würde sich nun mit seinen Experten in den Nebenräumen beraten.
Aus einer Vielzahl von Indikatoren, nicht zuletzt des Berichts der Besatzung, ging hervor, daß die NERVA sich ein paar Sekunden nach der planmäßigen Zündung abgeschaltet hatte. »Booster, haben Sie irgendwelche Informationen für mich?«
Conlig antwortete noch immer nicht. Der Kerl wirkte wie erstarrt.
»Die Besatzung wird schwere gesundheitliche Schäden erleiden«, sagte der Arzt über die geschlossene Schleife. »Obwohl sie es vielleicht noch gar nicht weiß. Flugleiter, in wenigen Minuten werden die ersten Ausfallerscheinungen eintreten.«
Die Lenkung meldete sich. »Die Lage des Vogels ist noch immer instabil. Sie müssen ihn stabilisieren. Sonst droht Kardansperre.«
»Ich habe verstanden, Lenkung.«
>Kardansperre< hieß, das Taumeln war so heftig, daß das Trägheitsrichtgerät versagte. Die Plattform konnte man visuell nachstellen. Doch falls Donnelly zu einem Not-Wiedereintritt gezwungen wurde, mußte das Schiff sofort neu ausgerichtet werden.