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Dennoch hatte er das unbestimmte Gefühl, daß eine falsche Ausrichtung, selbst eine Kardansperre noch die geringsten Probleme waren, die das Raumschiff im Moment hatte.

»Houston für Apollo-N.« Das war Jim Dana; für Natalie klang Jims Stimme schwach, aber beherrscht. »Wir sehen eine Art Gas, das aus dem Bündel ausströmt.«

York bekam eine Gänsehaut.

»Rog, Apollo-N«, sagte sie. »Wissen Sie, ob es aus dem Tank der S-NB oder der Betriebs- und Versorgungseinheit ausströmt?«

»Wir wissen es nicht. Möglicherweise aus beiden.«

Sie hatte den angespannten Dialog der Controller verfolgt. Die Controller vermuteten noch immer, daß die Häufung der Anomalien auf einen Defekt der Instrumente oder der Telemetrie zurückzuführen war.

Doch wenn Gas aus dem Schiff ausströmte, war das sicher nicht die Ursache. Das Problem konnte nicht von defekten

Meßgeräten oder einem Fehler in der Elektronik verursacht worden sein. Zumal sie sah, daß der Arzt neben ihr auf eine geschlossene Schleife geschaltet hatte.

Etwas Schlimmes war Apollo-N widerfahren - ein Ereignis mit zerstörerischer Wucht hatte ein Raumschiff mit einer Atombombe im Schlepptau heimgesucht, das sich dort oben im Erdorbit befand.

Sie schaute zu Mike hinüber. Er war noch immer über die Konsole gebeugt und flüsterte ins Mikrofon. Wieso spricht er nicht mit dem Flugleiter?

Plötzlich wurde ihr bewußt, daß sie mit der rechten Hand den Metallrahmen umklammerte, an dem die Konsole für Reparaturarbeiten ausgezogen wurde.

Ihre Kehle war wie ausgedörrt, und sie mußte schlucken, bevor sie wieder etwas zu sagen imstande war.

Ben ist dort oben. Was, zum Teufel, geht dort vor?

Im Leitstand erkannte Gregory Dana, daß das stilisierte Raumschiff auf der Anzeigetafel von der programmierten Trajektorie abwich, und er bekam auch so viel von den Unterredungen der Controller mit, um zu erkennen, daß Jims Schiff etwas Schlimmes zugestoßen war.

Der Leitstand füllte sich - ebenso wie das MOCR->Amphitheater< - mit Personal von den Freischichten, was die Krisenstimmung nur noch verstärkte.

Ralph Gershon vom Astronauten-Korps gesellte sich zu Dana. Dana hatte ihn durch Jim kennengelernt.

Gershon warf einen Blick auf das Tohuwabohu im MOCR und stieß ein verächtliches Schnauben aus. »Mein Gott. Sehen Sie sich dieses Chaos an. Es ist immer wieder das gleiche. Was ist geschehen? Wo sind wir? Was sollen wir tun? Dieses verdammte Scheuklappendenken. Und inzwischen treibt der Vogel mit gebrochenen Flügeln am Himmel.«

Gebrochene Flügel.

Sie mußten Schwierigkeiten mit dem Nukleartriebwerk haben. Daraus resultierten dann alle anderen Probleme.

Sie müssen die Besatzung von diesem verdammten Triebwerk wegschaffen. Dana begriff nicht, weshalb das nicht längst schon geschehen war.

Er schaute sich um und fragte sich, ob diese Szenen im Fernsehen übertragen wurden. Was, wenn Mary, Jake und Maria das sahen? Was, wenn Sylvia das sah?

Gregory sprach ein stummes Gebet.

Die NERVA ist explodiert. Das muß die Ursache sein.

Jim Dana lag auf der Liege. Er glaubte förmlich zu spüren, wie die radioaktiven Teilchen in den Körper eindrangen. Es war, als ob eine leichte Brise in den Knochen wehte. Gesicht und Oberkörper schienen in Flammen zu stehen. Er fühlte ein Brennen und Ziehen in den Schläfen, und die Augenlider schmerzten, als ob sie mit Säure benetzt worden wären.

Bei jedem Atemzug mußte sich die Lunge mit Radionukleiden füllen.

Der Hals schmerzte, und er hustete.

Mittwoch, 3. Dezember 1980 International Club, Washington

Die >Führungsriege< hatte sich zum Dinner im International Club in der 19. Straße eingefunden. Der designierte Vizepräsident Bush war anwesend, des weiteren Senatoren und Abgeordnete, die Schlüsselpositionen im Raumfahrt- und

Haushaltsausschuß innehatten. Die Gäste standen mit Drinks in der Hand im Foyer.

Unter der Oberfläche aus Konversation und Kontaktpflege ließ Fred Michaels die Ereignisse des Tages Revue passieren.

Michaels hatte das Konzept der >Führungsriege< von seinen Vorgängern bei der NASA übernommen. Die Gruppe setzte sich aus den Führungsspitzen des Raumfahrtprogramms zusammen: Michaels und seine leitenden Angestellten sowie hohe Tiere von Rockwell, Grumman, Boeing, McDonnell-Douglas und IBM. Es war ein elitärer Club, den Michaels vier-bis fünfmal im Jahr zusammentrommelte.

Heute war ein guter Tag gewesen, befand er. Die Konferenz der >Führungsriege< war erfolgreich verlaufen, und Bushs Abschlußrede hatte Anlaß zur Hoffnung gegeben. Michaels hatte schon befürchtet, die Unterstützung des aus der aktiven Politik ausscheidenden Ted Kennedy zu verlieren; er und sein Bruder waren indes noch immer Befürworter des Raumfahrtprogramms. Und Bush schien sich heute, wenn schon nicht als Befürworter, so zumindest als Bundesgenosse zu geben.

Ja, ein guter Tag. Michaels war dennoch angespannt und hatte ein flaues Gefühl im Magen. Es war ihm einfach nicht möglich, sich mitten in einer Mission zu entspannen. Er wußte, daß es Hunderttausende von möglichen Defekten gab, von denen jeder einzelne vielleicht das Ende des Fluges bedeutete, die Besatzung womöglich das Leben kostete und vermutlich der Mars-Initiative den Todesstoß versetzt hätte - und nicht zuletzt auch seiner Karriere. Wie, zum Teufel, sollte man sich da entspannen? Zumal sich nicht nur eine, sondern gleich zwei amerikanische Besatzungen im Weltall befanden, von denen die eine mit einer Atombombe im Schlepptau die Erde umkreiste und die andere mit diesen Russen den Mond umkreiste. Was für eine Situation.

Immerhin schien die S-NB noch so gut zu funktionieren, daß Hans Udet - der ranghöchste Deutsche in Marshall, der am Projekt beteiligt war -, sich in der Lage gesehen hatte, der Runde heute abend beizuwohnen. Und nun sah Michaels ihn auch, wie er eine Gruppe Kongreßabgeordneter mit dem ganzen preußischen Charisma und Charme begrüßte, dessen er fähig war. Udet wirkt doch ganz zuversichtlich. Wieso, zum Teufel, sollte ich mir dann Sorgen machen?

Und dann stand das Telefon nicht mehr still. Im Rückblick vermochte Michaels nicht mehr zu sagen, für wen der erste Anruf bestimmt war.

Er sah den Vorstandsvorsitzenden von Rockwell in ein Gespräch mit einem anderen Mann vertieft. Dann verließen die Manager von Rockwell geschlossen den Raum. Als sie nach ein paar Minuten zurückkamen, waren sie sichtlich gestreßt. Sie streiften durch den Raum und hielten Ausschau nach bestimmten Personen; Michaels sah, daß die Nachricht - wie auch immer sie lautete - die gesamte >Führungsriege< in eine gedrückte Stimmung versetzte.

Michaels’ Pager meldete einen Anruf von Tim Josephson, der sich noch immer im ein paar Blocks entfernten NASA-Hauptquartier aufhielt.

»Fred, die Besatzung hat die NERVA verloren. Die technischen Parameter haben den Grenzwert überschritten. Äh. es sieht so aus, als sei das Ding explodiert.«

»Mein Gott. Und die Besatzung?« fragte Michaels schroff. »Was ist mit der verdammten Besatzung, Josephson?«

»Das läßt sich von hier aus schwer sagen, Fred«, sagte Josephson mit ruhiger und analytischer Stimme. »Die Daten ergeben kein klares Bild. Ich würde sagen, wir müssen mit dem Verlust der Besatzung rechnen.«

Ein Kellner hatte noch einen Anruf für Michaels.

Diesmal war es Bert Seger aus Houston. Mit hoher Stimme und in abgehackten Sätzen teilte Seger ihm weitere Einzelheiten mit: der Reaktor der NERVA war durchgegangen, die Betriebs- und Versorgungseinheit war schwer beschädigt, das Ausmaß der Schäden an der Kommandokapsel stand noch nicht fest.