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Michaels unterbrach ihn. Kein amerikanischer Astronaut war bisher im Weltraum umgekommen. Kein NASA-Direktor hatte bisher eine Besatzung verloren. »Holen Sie sie nach Hause, Bert.«

Michaels spürte, wie jemand ihn am Arm packte. Es war Udet; der hochgewachsene Deutsche lächelte, und sein Gesicht war durch den Alkohol schon mit einer leichten Röte überzogen. Udet wollte Michaels einem Senator vorstellen.

Michaels nahm Udet auf die Seite und erzählte ihm die Neuigkeiten.

Udets Lächeln verflog. Er schien sich in sich selbst zurückzuziehen; er hielt sich kerzengerade, und das Gesicht war maskenhaft starr. Mit präzisen Bewegungen stellte er das Glas auf einem Tablett ab.

»Was ist zu tun?«

»Hans, ich möchte, daß Sie im Weißen Haus anrufen und dem Präsidenten mitteilen, was geschehen ist. Sagen Sie ihm, ich würde mich umgehend mit ihm in Verbindung setzen. Und dann möchte ich, daß Sie flugs nach Marshall zurückkehren.«

Der Deutsche nickte. Michaels sah ihm nach, als er steif den Raum verließ.

Er erinnerte sich, daß Segers Telefonstimme entfernt und schrill geklungen hatte, als ob sie zu kippen drohte. Michaels verspürte einen Anflug von Besorgnis. Der Mann steht unter unglaublichem Druck. Natürlich hört er sich komisch an. Hauptsache, er hält durch, bis er den Vogel runtergeholt hat.

Um Segers geistige Verfassung konnte Michaels sich immer noch kümmern.

Mein Gott. Ich werde ein paar verdammt gute Karten brauchen, um dieses Spiel zu gewinnen.

Michaels widmete sich wieder seinen Gästen in der Empfangshalle. Offensichtlich hatte die Nachricht sich schon herumgesprochen. Teufel, sie müssen mir nur ins Gesicht sehen. Ein Mann weinte sogar.

Im Speisesaal deckten die Kellner den Tisch; niemand nahm von ihnen Notiz.

Michaels fand Bush und sprach kurz mit ihm. Dann bat er um Ruhe und verkündete die Neuigkeit offiziell.

Dann löste die >Riege< sich schnell auf. Die Vertreter der Firmen, deren Technik von der Havarie betroffen war, nahmen die nächste Maschine nach Houston.

Michaels entschuldigte sich bei Bush, verließ den Club und wies seinen Fahrer an, ihn zum NASA-Hauptquartier zu bringen.

Mittwoch, 3. Dezember 1980

Apollo-N; Lyndon B. Johnson-Raumfahrtzentrum, Houston

Im Astronauten-Büro herrschte in dieser Nacht Ruhe. Ralph Gershon war als einziger anwesend. Als MEM-Spezialist war er nicht unmittelbar an den aktuellen Missionen beteiligt. Die meisten Piloten arbeiteten entweder für die Flugführung in den Simulatoren oder waren zur Raumfahrt-Industrie abgestellt.

Doch Gershon waren die Probleme mit der NERVA zu Ohren gekommen. Er war ins MOCR hinübergegangen, doch hatte es dort nichts für ihn zu tun gegeben. Er stand den Leuten nur im Weg und machte sie nervös. Also hinterließ er für den Notfall seinen Aufenthaltsort und sichtete im Büro die Post.

Das Telefon klingelte. Er nahm beim ersten Läuten ab.

»Ralph? Ich bin froh, daß ich Sie erreiche.«

»Natalie? Sind Sie noch immer im Dienst?«

»Ja. Rolf Donnelly hat mich gebeten, Sie anzurufen. Ich.«

»Ja?«

»Wir befürchten, daß wir die Besatzung verlieren.«

Gershon hörte Stimmen im Hintergrund des MOCR, angespannt und schrill.

York wandte sich mit der Bitte an Gershon, dafür zu sorgen, daß Astronauten und ihre Frauen die Familien der verunglückten Besatzungsmitglieder besuchten.

Gershon erklärte sich sofort dazu bereit und legte auf.

Es war eine Tradition, die bis zu Mercury zurückreichte: schlechte Nachrichten wurden von einem Astronauten oder seiner Frau überbracht - von jemandem also, der selbst den Risiken und dem Druck ausgesetzt und deshalb in der Lage war, den Angehörigen mit dem erforderlichen Feingefühl zu begegnen.

Gershon holte das Telefonbuch hervor. Er würde mit den Leuten anfangen, die in der Nähe der betroffenen Familien lebten.

Das war einer der härtesten Aufträge, die er in seinem ganzen Leben ausgeführt hatte.

Er wählte die erste Nummer.

Gasaustritt.

Donnelly begriff die Weiterungen dieser Beobachtung so gut wie jeder andere.

»In Ordnung, Indigo Team«, sagte er über die Schleife, »ihr müßt die Ruhe bewahren. Wir halten uns an die Missionsregeln und erinnern uns an die Prioritäten.

Fangen wir noch einmal ganz von vorn an. EECOM sagt mir, daß die Büchse noch dicht sei.« Sprich ein hermetisch abgedichtetes Schiff, in dem die Besatzung zu überleben vermochte. »Mit Situationen wie diesen sind wir in den Simulationen schon oft konfrontiert worden« - aber noch nie in der Realität, verdammt -, »und Sie wissen, daß eine unbeschädigte Hülle das Allerwichtigste ist. Solange sie hält, bleibt uns genug Zeit zum Überlegen. Wir müssen dieses Problem lösen, aber wir dürfen die Dinge nicht durch Spekulationen komplizieren. Los geht’s!«

Die Ansprache schien ihre Wirkung nicht zu verfehlen; die Atmosphäre im MOCR schien sich etwas zu entspannen, und die Gestalten in den weißen Hemden schienen sich etwas zu entkrampfen. Donnelly nickte zufrieden; vielleicht hatte er die Blase der Panik, die sich aufgebläht hatte, zerstochen.

Donnelly wußte, daß er systematisch vorgehen mußte. Er würde das tun, was im Fachjargon als >down-mode< bezeichnet wurde und aus einer gegebenen Anzahl von Optionen die geeigneten herausfiltern. Er mußte so viele Missionsziele wie möglich verwirklichen und gleichzeitig darauf achten, daß er das Leben der Astronauten nicht gefährdete. Wenn man schon nicht auf dem Mond landen kann, sollte man wenigstens versuchen, ihn zu umkreisen. Und er wollte sich nicht ohne Not seiner Optionen begeben, weil er nicht wußte, was sonst noch alles auf ihn zukommen würde. Er mußte sich einen Handlungsspielraum bewahren. Es war zum Beispiel denkbar, daß er das S-NB-Triebwerk noch für den Wiedereintritt brauchte, falls sich herausstellte, daß die Betriebs- und Versorgungseinheit der Kern des Problems war.

Paß auf, wo du hingehst, damit du nicht in Scheiße tappst. So lautete das Motto. Das Problem war nur, daß Donnelly fast keine Optionen mehr hatte.

Im Hintergrund hörte er Natalie York mit der Besatzung sprechen: »Apollo-N, wir arbeiten daran. Wir werden euch da raushelfen, sobald wir etwas haben, und ihr werdet die ersten sein, die es erfahren.«

Braves Mädchen.

»Danke, Houston«, erwiderte Chuck Jones. Jones’ Stimme klang trocken und schwach in der Luft-Boden-Schleife.

Als Reaktion auf den Klang von Jones’ Stimme herrschte im MOCR für kurze Zeit betretenes Schweigen, trotz der bernsteinfarbenen Lichter vor Donnelly.

Er überflog das MOCR. Jeder Controller starrte auf seinen Bildschirm und vergrub sich immer tiefer in die Probleme, die in seinem Aufgabenbereich auftraten. Als ob diese Probleme losgelöst von den anderen zu betrachten wären.

Plötzlich hatte Donnelly nagende Zweifel. Mache ich das überhaupt richtig? Die Controller kapselten sich von den Kollegen und vom realen Raumschiff dort oben ab; ein paar von ihnen redeten sich wahrscheinlich noch immer ein, daß nichts Schlimmeres passiert sei als ein Triebwerksausfall und ein paar Instrumenten-Mißweisungen.

Wir wissen aber, daß das nicht stimmt. Die Besatzung hat einen Knall gehört. Und sie sehen ausströmendes Gas.

Er mußte zu den Controllern sprechen und sie anhalten, im Team zu arbeiten.

»In Ordnung«, sagte er, »ich möchte jeden in der Schleife haben. Retro, Lenkung, Steuerung, Booster, GNC, EECOM, INCO, FAO. Gebt mir ein Licht, bitte.«

Ein bernsteinfarbenes Licht auf der Konsole des Flugleiters bedeutete >Sprechen und Hören<; damit bat der Controller um Aufmerksamkeit. Nach und nach wechselten die Lichter von grün (>Hören<) auf bernsteinfarben.