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Dana blieb noch für ein paar Minuten im Wagen sitzen. Mit einemmal fühlte er sich völlig kraftlos. Dann kurbelte er die Scheibe runter, und eine kühle Brise umfächelte sein Gesicht.

Er hörte den Regen auf das Dach prasseln und das Klirren der Kette, mit der Jim sein Boot gesichert hatte.

Er nahm die Brille ab und putzte sie mit seiner zerknitterten Krawatte.

Noch heute abend würde Gregory nach Virginia zu Sylvia fliegen müssen und sie hierher bringen. Er hatte schon ein paarmal mit ihr telefoniert - im Kontrollzentrum hatte man ihm eine Leitung freigeschaltet -, wobei sie ziemlich gefaßt gewirkt hatte. Doch Dana vermochte sich nicht vorzustellen, wie sie reagieren würde, wenn sie direkt damit konfrontiert wurde.

Und wie reagiere ich denn? Bin ich mir überhaupt des ganzen Ausmaßes der Sache bewußt? Mein Sohn, mein einziger Sohn ist vielleicht im Orbit gefangen, und sein Körper ist von Marshalls nuklearer Höllenmaschine verstrahlt. Es war eine Situation, sagte er sich, auf deren Bewältigung ein menschliches Herz einfach nicht programmiert war.

Und unter dem ganzen Kummer fühlte er einen dumpfen Zorn, weil das alles nicht hätte sein müssen - es hatte keinerlei Veranlassung bestanden, Atomraketen zu bauen, um zum Mars zu fliegen.

Er setzte sich wieder die Brille auf, stieß die Wagentür auf und stieg aus.

Ein Adventskranz hing an Jims Haustür.

Verwundert stellte er fest, daß es ihm körperliche Schwierigkeiten bereitete, die Auffahrt hinaufzugehen. Er schaute auf die in braunen Schuhen steckenden Füße, die sich scheinbar ohne sein Zutun auf dem Kiespfad hoben und senkten.

Er erreichte die Tür.

Er war erschöpft, als ob er einen steilen Aufstieg hinter sich hätte. So schlimm wird es schon nicht werden, redete er sich ein. Klingel einfach an der Tür; das ist alles, was du zu tun hast. Seger hatte gesagt, daß inzwischen jemand vom Astronauten-Büro erschienen sein mußte. Dann mußt du ihr wenigstens nicht die Nachricht überbringen. Zumal Walter Cronkite vom CBS wohl ohnehin schon Horrorszenarien entwarf.

Du mußt ihr nicht einmal die Nachricht überbringen. Dann drück auf die Klingel, verdammt noch mal!

Doch er schaffte es nicht. Seine Hände baumelten nur schwer und schlaff an den Hüften.

Mittwoch, 3. Dezember 1980

Apollo-N; Lyndon B. Johnson-Raumfahrtzentrum, Houston

»Apollo-N, Houston. Wir werden euch nach Hause bringen. Ihr müßt nur die Ruhe bewahren, und dann bringen wir euch runter. Die Systeme der Kommandokapsel sehen diesmal gut aus. Ihr möchtet vielleicht den Erste-Hilfe-Kasten hervorholen.«

Natalies Stimme war ruhig und beherrscht, und trotz der sich verstärkenden Schmerzen in Brust und Augen spürte Priest eine Aufwallung von Stolz. Gut gemacht, Frischling.

»Ich glaube nicht, daß wir das schaffen«, sagte er. »Ich bezweifle, daß auch nur einer von uns an den Erste-HilfeKasten herankommt, Natalie.«

»Haltet die Stellung, Apollo-N.«

»He, Fliegenauge«, sagte Jones zu Priest. »Ich habe Jims Nadel einstecken.«

»Welche Nadel?«

»Seine Fliegerspange. Das goldene Abzeichen. Er ist nun kein Frischling mehr. Ich wollte sie ihm nach der Brennphase überreichen. Möchtest du sie ihm geben? Er wird sich sicher freuen.«

»Später vielleicht. Ich glaube, er schläft.«

»Sicher. Später vielleicht.«

Donnelly vernahm das Stimmengewirr auf den Schleifen. Er war wie betäubt, und seine Existenz kam ihm unwirklich vor, als ob die Strahlung seinen Körper kontaminiert hätte.

Der Wiedereintritt würde eine heikle Sache werden.

Die System-Jungs gingen hastig eine Checkliste durch, um die Kommandokapsel so zu konfigurieren, daß sie aus eigener Kraft den Rückflug schaffte. Gleichzeitig fragten die Mitarbeiter der Abteilung Flugbahn sich, wo sie den Vogel runterbringen sollten; nach Möglichkeit in der Nähe eines Kriegsschiffs, das die Besatzung sofort aufnahm und medizinisch versorgte.

Plötzlich wurde er sich bewußt, daß er seit geraumer Zeit nichts mehr gesagt und nicht einmal auf direkte Anfragen der Controller reagiert hatte.

Mein Gott, was für ein Schlamassel!

Bei Schichtende drehte York sich um und hielt nach Mike Ausschau, doch sein Platz in der Booster-Reihe war schon von jemand anderem besetzt - von einem ihr unbekannten Marshall-Techniker. Mike war gegangen, ohne daß sie es bemerkt hätte - und genauso wenig, so sagte sie sich, hatte er sich von ihr verabschiedet.

Sie wollte Mikes Ablösung schon fragen, wohin er gegangen sei, doch der neue Triebwerks-Controller war bereits in die Arbeit vertieft.

Ein paar der Controller, die nun Feierabend hatten, gingen ins Singing Wheel, eine traditionelle Astronauten-Kneipe in der Nähe des JSC. Sie fragten York, ob sie auch mitkommen wolle, doch sie lehnte ab.

Nachdem sie das JSC verlassen hatte, fuhr sie auf schnellstem Weg zum Portofino. Mike war nicht dort.

Rastlos streifte sie durch das Apartment; sie fühlte sich eingesperrt, und die Bilder vom Mars, die an den Wänden hingen, deprimierten sie.

Sie nahm ein Bad. Dann legte sie sich auf das Doppelbett und versuchte zu schlafen. Es war schon nach dreiundzwanzig Uhr. Doch sie fand keinen Schlaf; sie spürte noch immer den Druck des Kopfhörers auf den Ohren, sah die über den Bildschirm flimmernden Zahlen und hörte die flüsternden Stimmen auf den Schleifen.

Sie schaltete das Fernsehgerät ein, um Nachrichten zu sehen. Apollo-N dominierte natürlich jeden Kanal, doch substantielle Informationen erhielt sie nirgends.

Ben ist dort oben.

Mike war noch immer nicht da.

Sie zog sich wieder an, steckte die Geldbörse ein und fuhr zum Singing Wheel.

Ein paar Controller vom Indigo Team waren noch da. Das Wheel, ein aus roten Ziegelsteinen gemauerter Saloon mit Antiquitäten, die jedenfalls als solche bezeichnet wurden, war normalerweise ein Forum für angeregte Gespräche. Das Personal des Kontrollzentrums traf sich hier, um sich nach den Simulationen zu entspannen oder um Meilensteine wie die Rückkehr zur Erde zu feiern. Doch heute nacht herrschte eine verhaltene Stimmung. Die Leute saßen an den Tischen, tranken und unterhielten sich leise. In dieser Hinsicht, so wußte York, glichen die Controller den Fliegern, wenn sie einen Kameraden verloren hatten: sie verarbeiteten das; indem sie einfach nur dasaßen und das >Wie< und >Weshalb< erörterten und sich darüber betranken.

York leistete ihnen bis in die frühen Morgenstunden Gesellschaft.

Schließlich erhob Donnelly sich vom Pult und griff nach dem Logbuch. Er sah auf die Wanduhr und trug die verstrichene Zeit der Mission ein. Dann trug er sich aus. Seine Hände zitterten, und die Unterschrift fiel entsprechend krakelig aus.

Er blätterte im Logbuch zurück. Die letzten paar Seiten waren schlicht unleserlich.

Donnerstag, 4. Dezember 1980

Lyndon B. Johnson-Raumfahrtzentrum, Houston

Es war bereits nach Mitternacht, als Bert Seger Fay vom Büro aus anrief.

Er bat Fay, ihm ein paar frische Sachen zu bringen. Er mußte veranlassen, daß man ihr einen Sicherheitsausweis ausstellte. Nachdem das ganze Ausmaß der Havarie publik geworden war, hatte man das JSC und Cape Canaveral hermetisch abgeriegelt.