Er erkundigte sich nach den Kindern, ohne daß er die Antworten seiner Frau überhaupt registriert hätte. Dann sagte er Fay, daß er sie liebte und legte auf.
Es war klar, daß er für eine Weile in Houston oder vielleicht auch in Cape Canaveral bleiben würde, falls beziehungsweise wenn die Kommandokapsel nach dem Wiedereintritt geborgen wurde. Fred Michaels hatte ihm bereits gesagt, daß Carter die Bildung einer Präsidialen Kommission veranlaßt hatte, die sich mit der Havarie befassen sollte. Der Präsident erwartete eine volle Aufklärung von seiten der NASA, und die Verantwortung hierfür oblag Bert Seger.
Seger hätte auch nichts anderes erwartet.
Er hatte immer schon gewußt, daß er früher oder später die Verantwortung für den Tod eines Astronauten würde übernehmen müssen.
Die Systeme, die sie bauten, waren einfach nicht zuverlässig genug, um Sicherheit zu garantieren. Das Astronauten-Korps bestand nach wie vor hauptsächlich aus Testpiloten, die das Risiko kannten und es in Kauf nahmen. Dann machte Seger sich um das Bodenpersonal schon mehr Sorgen. Die Leute würden nämlich mit dem Bewußtsein leben müssen, versagt zu haben. Wegen mir wird es nicht schiefgehen. Was geschah, wenn dieses Motto sich in Es ist wegen mir schiefgegangen verwandelte?
Das Telefon klingelte. Es war Tim Josephson, der über die Besetzung des internen Untersuchungsausschusses der NASA reden wollte, der als flankierende Maßnahme zur Präsidialen Kommission gedacht war.
Seger zwang sich, sich auf Josephsons Aussagen zu konzentrieren.
Er und Josephson verständigten sich bald auf eine Liste, auf der nur noch ein Astronauten-Vertreter fehlte.
»Wie wäre es mit Natalie York?« fragte Seger. »Sie war Leiterin der Kommunikation, als die Stufe explodierte. Sie hat sich auch unter Druck als besonnen und analytisch erwiesen. Und sie ist eine Freundin von Priest.«
Josephson war damit nicht einverstanden. »York ist noch ein Anfänger. Außerdem ist sie mit Mike Conlig liiert. Hatten Sie das etwa vergessen? Wie soll sie einen Fall beurteilen, bei dem es vielleicht um Konstruktionsmängel und suspekte Managementpraktiken geht und in den noch dazu ihr Freund verwickelt ist?«
Sie zogen weitere Namen in Erwägung und verwarfen sie wieder.
Josephson fiel ihm ins Wort. »Bert, ich werde Ihnen sagen, wen Fred haben will. Joe Muldoon.«
»Muldoon? Sind Sie verrückt? Muldoon ist wie eine Bombe, die jeden Moment explodiert.«
»Stimmt schon. Er hat wohl ein großes Maul, doch das verleiht ihm vielleicht einen Nimbus der Unabhängigkeit, was im Moment nicht schaden kann. Zumal er ein MondSpaziergänger war. Fred hat viel Zeit für ihn.«
»Muldoon ist auch gar nicht verfügbar. Er befindet sich im Mondorbit.«
»Aber er wird in einer Woche zurückkommen. Solange haben wir noch Zeit.«
Die Kontroverse dauerte noch für eine Weile an, doch schließlich fügte Seger sich.
Er hatte Bedenken, jemanden wie Muldoon, dem es an Fingerspitzengefühl und Umgangsformen gebrach, in eine derart exponierte Position zu hieven. Wegen dieses Zwischenfalls würde der Schmutz kübelweise über der NASA ausgeschüttet werden, insbesondere aus Marshall. Er schauderte bei der Vorstellung, womit Muldoon, der Astronauten-Held, die Presse wohl füttern würde.
Er würde den Deckel draufhalten müssen.
Als Josephson auflegte, war es drei Uhr morgens.
Seger wußte, daß er Schlaf brauchte. Für solche Fälle bewahrte er ein Feldbett im Schrank auf.
Er zog die Schuhe aus und kniete nieder zum Gebet. Doch es gelang ihm nicht, sich zu konzentrieren; im Geiste erstellte er ständig neue Prioritätenlisten.
Eigenartigerweise waren die Zweifel, die er im früheren Verlauf der Mission gehabt hatte - Zweifel, die durch die Feindseligkeit der Atomkraftgegner gesät worden waren -, nun verflogen, wo der schlimmste Fall eingetreten war. Er vertraute auf seine Fähigkeit, die Sache zu bewältigen - was gleichbedeutend mit den Fähigkeiten der NASA war. Schließlich handelte es sich nur um einen verdammten technischen Defekt. Einen Defekt, den man beheben würde, nachdem man ihn identifiziert hatte.
Und die NASA hatte schon früher vergleichbare Probleme bewältigt: er erinnerte sich, daß gerade einmal zwei Jahre nach dem Brand in Apollo 1 Armstrong und Muldoon auf dem Mond gelandet waren. Und nachdem Apollo 13 auf dem Weg zum Mond explodiert war, hatten die Astronauten nicht nur den Heimweg geschafft, sondern sie hatten daraufhin mit Apollo 14 die erfolgreichste Mission überhaupt durchgeführt.
Er berührte das goldene Kruzifix am Revers. Er fühlte sich leicht, geradezu beschwingt. Sie würden es schaffen; dessen war er sich nun sicher. Mit Gottes Hilfe.
Doch das Beten fiel ihm schwer. Irgendwie hatte er das Gefühl, daß Gott in dieser Nacht weit entfernt von ihm war.
Gegen vier Uhr morgens schlief er endlich ein. Und um sieben war er wieder auf den Beinen und führte die ersten Telefongespräche.
Donnerstag, 4. Dezember 1980
Apollo-N; Lyndon B. Johnson-Raumfahrtzentrum, Houston
Inzwischen schmerzte der ganze Körper - bis an die Grenze des Erträglichen und darüber hinaus. Jede einzelne Zelle befand sich in Agonie. Priest hatte das Gefühl, als ob sein Körper innen und außen mit Säure benetzt wäre und sich allmählich auflöste.
Er trug noch immer den Druckanzug, und das war vielleicht seine Rettung. Der Schmerz glich nämlich einem heftigen Juckreiz; er hätte sich wahrscheinlich wundgekratzt, wenn er die Haut erreicht hätte. Doch der Anzug hatte auch seine Nachteile. Der Magen rebellierte schon seit Stunden, und er hatte sich im Helm übergeben, der Alptraum eines jeden Fliegers. Doch wenigstens drifteten die Kügelchen aus Erbrochenem ihm nun nicht mehr vor dem Gesicht umher, sondern hatten sich irgendwo festgesetzt: am Helmvisier oder vielleicht auch im Haar oder auf der Haut. Doch das war ihm egal, solange er das verdammte Zeug nicht mehr sah.
Außerdem roch er nichts mehr, und auch das war wohl nur von Vorteil.
Er versuchte den Kopf zu drehen und nach Chuck und Jim zu sehen. Doch es gelang ihm nicht. Allerdings hatten sie schon auf seinen letzten Zuruf nicht geantwortet. Sie wirkten unversehrt in den Druckanzügen, wie er selbst wohl auch. Das Erbrochene, der Kot und der menschliche Schmerz waren in den Anzügen eingeschlossen, so daß die Kabine der Kommandokapsel antiseptisch und aufgeräumt wirkte, bis auf die Reihen glühender Warnlampen auf dem Instrumentenpanel.
Zumal er sich auch gar nicht von seinem Fenster abwenden wollte. Dieses Fenster war ihm überaus wichtig, weil es ihm einen Blick auf die Nachtseite der Erde gewährte. Er sah Polarlichter: bunte Wellen, die von den Polen abwärts liefen, hohe Luftschichten, die unter der Einwirkung des Sonnenwinds rot und grün glitzerten. Und er sah Blitze hoch oben in der Atmosphäre, und manchmal auch Lichtbahnen, welche die Netzhaut für lange Sekunden blendeten - Meteore, Körnchen interstellaren Staubs, die in die Atmosphäre eintauchten.
Priest hatte früher mit dem kleinen Petey zu den MeteorSchauern emporgeblickt, die am Himmel über dem Dach ihren Reigen veranstalteten. Und nun beobachtete er, wie Meteore unter ihm verglühten. Das ist vielleicht ein Höllentrip, Petey.
Es leuchteten noch andere Lichter in der Nacht.
Im Herzen von Südamerika sah er ein großflächiges Glühen: ein Feuer, das Bäume im Zentrum des Amazonas-Regenwalds verschlang. Und während Apollo-N die Wüsten überflog, erkannte er das helle Funkeln von Öl- und Gasquellen, die wie eingefangene Sterne in der Finsternis leuchteten.
Die Städte blendeten ihn schier mit ihrer Helligkeit. Wenn sie von Wolken überlagert waren, sogen diese das Licht auf und filterten es, so daß die jeweilige Stadt wie eine große, amorphe Schale aus Licht erschien. Und wenn der Himmel klar war, erkannte er jedes Detail mit einer Präzision, als ob er mit einer T-38 im Tiefflug über die Häuser jagte. Straßen und Autobahnen erschienen ihm als gelbe und orangefarbene Bänder aus Licht, und die großen Gebäude loderten wie Schachteln voller Diamanten. Er sah die Scheinwerfer von Autos auf Brücken und Fernstraßen leuchten. Es war, als ob er das ganze Licht und die Wärme spürte, die durch die Atmosphäre zu ihm herauf drang.